SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. April 2015, 05:17 Uhr

Bahnstreik und Demokratie

Gelobt seist du, Gianis Weselsky!

Ein Kommentar von

GDL-Chef Claus Weselsky legt schon wieder die Republik lahm - und wirkt dabei genauso irrlichternd wie der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis in der Eurokrise. Wir sollten beiden dankbar sein. Denn Demokratie braucht Rebellen.

Der Streik bei der Bahn und das Chaos in Griechenland haben auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun. Und dennoch gibt es weit mehr Parallelen zwischen beiden Konflikten als allein die Tatsache, dass sie nie zu enden scheinen.

So wie es der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis und das in Athen regierende Linksbündnis Syriza gegenüber ihren Geldgebern machen, stellen auch der deutsche Oberlokführer Claus Weselsky und seine Gewerkschaft GDL an die Bahn Forderungen, die diese schon allein aus Gründen der Selbstachtung gar nicht erfüllen kann.

Rebellion befördert die Debatte

Dass Weselsky und Varoufakis die zwangsläufige Zurückweisung ihrer unberechtigten Anliegen jeweils als Affront werten, verstärkt nur den Eindruck, sie seien ideologisch verbohrte Anführer von irrlichternden Truppen, die sich vor allem auf Kosten anderer profilieren.

Beide Protagonisten - der Einfachheit halber an dieser Stelle Gianis Weselsky genannt - haben dabei etwas Tragisches. Eigentlich werden Leute wie sie in der Demokratie dringender denn je gebraucht. Im Gegensatz zu all den Politikern, Gewerkschaftern und Verbandsfunktionären, die immer nur die gleichen Einheitsbrei-Statements absondern, stellen sie den Status quo und seine Begründung infrage. Nur durch diese Rebellion werden ernsthafte Debatten überhaupt erst möglich, an deren Ende ein alternativer Weg stehen könnte.

Stehen könnte, aber nicht steht. Denn der Typus Gianis Weselsky macht es seinen Kritikern so leicht, dass die Verwalter des Ist-Zustands triumphieren. Dabei könnte Deutschland diese Auseinandersetzung mindestens genauso gut gebrauchen wie die Eurozone. Auch in der Währungsunion ist längst nicht ausgemacht, dass die bisherige Strategie wirklich erfolgreich ist.

Einfach nicht drüber reden

Aber verglichen mit Berlin werden Debatten in Brüssel geradezu kontrovers geführt. In der Konsens- und Kuschelrepublik Deutschland sind Bundestagsdebatten längst auf den Austausch von Sprechblasen zusammengeschrumpft, Diskussionen auch jenseits von Talkshows haben bestenfalls noch reflexhaften Charakter. Läuft doch alles gut in Deutschland, so die vorherrschende Meinung. Ob das so bleibt? Mal schauen, aber besser nicht drüber reden!

Besonders absurd ist, dass ausgerechnet die Bundesregierung die Entpolitisierung vorantreibt: Statt mit klaren Positionen um Mehrheiten in der Bevölkerung zu ringen, inszeniert sie lieber erneut einen Bürgerdialog. Bereits der erste Versuch einer solchen Veranstaltung zu Zeiten der Schwarz-Gelben Koalition verlief im Nichts.

Angesichts dieser Tristesse muss man Gianis Varoufakis und Claus Weselsky dankbar dafür sein, dass sie uns zumindest immer mal wieder aus dem kollektiven Schlaf wachrütteln - und sei es mit ihrem Wahnsinn.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung