Henrik Müller

Corona und die Folgen Trumps Offenbarungseid

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Coronakrise entlarvt Nationalisten und Populisten als das, was sie sind: gefährliche Scharfmacher, die sich nicht um die Wahrheit scheren - und genau deshalb folgenschwere Fehler machen.
Donald Trump mit Vizepräsident Mike Pence bei einer Besprechung zu Corona

Donald Trump mit Vizepräsident Mike Pence bei einer Besprechung zu Corona

Foto: Manuel Balce Ceneta/ dpa

Wenn es darum geht, echte Probleme zu lösen, dann hat die Wahrheit einen klaren praktischen Vorteil: Sie funktioniert. Ein Ingenieur, der eine Brücke auf Basis unwahrer Fakten konstruiert, wird mit ziemlicher Sicherheit ein Bauwerk schaffen, das später einstürzt. Wahrheit ist enorm nützlich. 

Das Gegenteil von Wahrheit ist "Bullshit", wie es der Philosoph Harry Frankfurt genannt hat. Bullshit in diesem Sinne bedeutet, die Wahrheit zu missachten. Das unterscheidet den Bullshitter vom Lügner: Der Lügner hat immerhin so viel Respekt vor der Wahrheit, dass er bewusst die Unwahrheit sagt, sagt Frankfurt. Dem Bullshitter hingegen ist sie schlichtweg egal: Er behauptet einfach irgendetwas. Hauptsache, es nützt ihm im Moment. 

Leider hat Bullshit einen enormen Vorteil gegenüber der Wahrheit: Er ist oft die bessere Geschichte. Im harten Wettbewerb um Aufmerksamkeit siegt der Bullshitter regelmäßig, gerade wenn es um komplexe Themen geht, die die meisten Bürger nicht selbst beurteilen können. 

So lässt sich der Aufstieg der Populisten in vielen Ländern erklären: Die Bullshitter haben einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihrer seriösen Konkurrenz. Ihre Geschichten sind leicht zu verstehen und manchmal sogar unterhaltsam. Solange populistische Bullshitter in der Opposition sind, fällt ihre inhaltliche Leere womöglich nicht sonderlich auf. Selbst an der Regierung mögen sie sich in relativ ruhigen Zeiten eine Zeit lang durchlavieren können. 

Aber die Zeiten sind alles andere als ruhig. Die Coronakrise wird alles in den Schatten stellen, was die westliche Welt in Friedenszeiten erlebt hat. In den vergangenen Wochen sah es noch so aus, als könnten die Folgen der Epidemie in einigen Wochen weitgehend überstanden sein, als könnten Regierungen und Notenbanken womöglich sogar zu viel des Guten tun.  

Die Entwicklung der vergangenen Woche hat uns eines Schlechteren belehrt: Wir haben es mit einer globalen Epidemie zu tun, die eine synchrone globale Rezession nach sich ziehen wird. Das ist inzwischen unausweichlich . Fraglich ist bloß, wie tief sie geht, wie lange sie dauert, welche Staaten, Firmen und Banken im Zuge des Corona-Crashs Pleite zu gehen drohen - und wie die Welt, Europa, Deutschland und unser persönliches Leben aussehen werden, wenn das Virus irgendwann unter Kontrolle ist. 

Bullshitter-in-Chief

Wie viel Schaden ein Bullshitter an der Regierung anrichten kann, führt US-Präsident Donald Trump eindrucksvoll vor. Zunächst hat er das Virus kleingeredet und die Gefährdung als Erfindung seiner politischen Gegner abgetan. Dann verkündete er im Fernsehen, er habe "so eine Ahnung", dass die Mortalitätsraten doch nicht so hoch seien wie von den Fachleuten angenommen. Wer glaubt schon Experten?

Kurz darauf jedoch rief er den nationalen Notstand aus und verkündete ein (unabgestimmtes) Einreiseverbot für Europäer - außer für Briten und Iren (aus alter Verbundenheit), eine Entscheidung, die er wenig später revidieren musste. 

Die anfänglichen Ablenkungsmanöver haben dazu geführt, dass die USA wertvolle Zeit bei der medizinischen Vorbereitung verloren haben. Auch die wirtschaftspolitischen Antworten der US-Regierung gegen die heraufziehende Corona-Rezession sind ungenügend. Die Strategie der kleinen Schritte ist dazu angetan, noch mehr Unsicherheit in die Wirtschaft zu tragen  - und damit die ökonomischen Probleme weiter zu vergrößern. Unwahrscheinlich, dass die US-Notenbank Fed bei ihrer Sitzung am Mittwoch mit einer weiteren kräftigen Zinssenkung einen nennenswerten Beitrag zur Stabilisierung der schwierigen Wirtschaftslage leisten kann. 

Populismus, Nationalismus und Inkompetenz

Für Montag haben sich die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten zum Videogipfel verabredet. Es soll eine Art von gemeinsamer Antwort geben. Immerhin. 

Eigentlich müssten jetzt die G20 ran. Anders als die G7 repräsentieren sie einen Großteil der Weltbevölkerung und der Weltwirtschaftsleistung. Im Zuge der Finanzkrise von 2008 wurde das Forum gegründet. Damals kooperierten die beteiligten Staaten ziemlich effektiv.

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Doch ein Blick auf die heutige Runde zeigt, dass Populismus, nationaler Egoismus und schlichte Inkompetenz auf Regierungsebene inzwischen weit verbreitet sind. Zwei Mitglieder des Gremiums, der saudische Prinz Salman (derzeit G20-Vorsitzender) und der russische Präsident Wladimir Putin, liefern sich mitten im globalen Konjunkturabsturz einen Ölpreiskrieg und destabilisieren damit die Wirtschaft weiter.

In Syrien sind Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, auch er Teilnehmer im G20-Kreis, militärisch aneinandergeraten. In China regiert ein nationalistisch auftrumpfender Xi Jinping mit harter Hand und stemmt sich gegen den drohenden Vertrauensverlust. In Indien führt der Hindu-Nationalist Narendra Modi; internationale Kooperation hat für ihn keine Priorität. Brasiliens Jair Bolsonaro folgt Trumps Linie der unbedingten Priorität nationaler Interessen (oder was man so dafür hält).

Es sieht nicht so aus, als ob sich die G20 in dieser Situation leicht reanimieren ließen. Konkurrenz statt Kooperation - dieses Denken droht, die medizinische und ökonomische Zuspitzung unnötig zu verschärfen.

"Whatever it takes"

Hier ein hoffnungsvoller Gedanke: Die Schwere dieser Krise entlarvt Nationalisten und Populisten als das, was sie sind - gefährliche Scharfmacher, die sich allein auf kommunikativen Bullshit stützen, sich nicht um die Wahrheit scheren und genau deshalb folgenschwere Fehler machen. Das gilt auch für andere Politikfelder - von der Klima- über die Finanz- bis zur Migrationspolitik. Aber in der Coronakrise, deren Folgen rasch und für die Bürger unmittelbar spürbar auftreten, werden politische Fehler sofort bestraft.

Langweilige Technokraten hingegen zeigen, was sie können. In Italien, wo bei der letzten Wahl die Populisten von Fünf-Sterne-Bewegung und Lega zusammen auf eine Mehrheit kamen, stemmt sich der technokratische Regierungschef Giuseppe Conte gegen die (verschleppte) Epidemie und gilt als Mann der Stunde.

In Deutschland hat es die regierende GroKo, kürzlich noch totgesagt, geschafft, binnen kurzer Zeit einen unbegrenzten finanziellen Rettungsschirm für die gesamte Wirtschaft aufzuspannen - eine "Bazooka" (Finanzminister Olaf Scholz). Gesundheitsminister Jens Spahn hat trotz Föderalismus-Wirrwarr die Deutungshoheit in Sachen Epidemiebekämpfung gewonnen.

"Whatever it takes" - was auch immer nötig ist, um den Laden zusammenzuhalten: Für diesen Satz wurde der frühere Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, scharf kritisiert, gerade aus Deutschland. Nun ist genau das die Linie der Bundesregierung. Es ist die richtige Strategie gegen die Unsicherheit.

Ganz generell: Die Kernaufgabe des Staates besteht darin, Gesellschaften zu befrieden und vor großen Bedrohungen zu beschützen. Deshalb braucht es an der Staatsspitze und in der Politik Profis, die genau das können. Wer sich um Fakten nicht schert, wird in ernsten Zeiten scheitern – und zwar für die Bürger offensichtlich.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Brüssel - Bloß keine neue Eurokrise! – Die Euro-Finanzminister beraten über Maßnahmen gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Epidemie.

Peking – Qualen der Quarantäne – Chinas Statistikamt legt Zahlen zur Industrieproduktion und zum Einzelhandel im Januar und Februar vor.

Phoenix – Biden vs. Bernie – Fernsehdebatte der beiden verbleibenden demokratischen Präsidentschaftsbewerber, Joe Biden und Bernie Sanders.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von Salzgitter, Talanx, Wacker Neuson.

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