Die Bahn im Jahr 2020 Eine einzige große Baustelle

Die Bahn hat 2019 vor allem durch Verspätungen und Pannen von sich reden gemacht. Das wird sich auch 2020 nicht ändern.
ICE im Hauptbahnhof München: Umgekehrte Wagenreihungen, verschlossene Toiletten

ICE im Hauptbahnhof München: Umgekehrte Wagenreihungen, verschlossene Toiletten

Foto: Christof Stache/ AFP

Wie wird das kommende Jahr für die Wirtschaft? Lesen Sie unseren Ausblick für sechs Branchen - die übrigen fünf finden Sie unter dem Text.

Mehr Kunden, weniger Verspätungen, Aufbruch ins digitale Zeitalter - was die Deutsche Bahn sich für das nächste Jahr vorgenommen hat, taugt auf den ersten Blick kaum für Schlagzeilen. Und doch muss man nicht einmal zu den Vielfahrern zählen, um ermessen zu können, welches Ausmaß diese Aufgaben haben.

Knapp 30 Prozent betrug im vergangenen Jahr die Quote der Züge, die nicht pünktlich ans Ziel kamen, das Bordbistro musste oft passen, wenn man Kaffee oder ein warmes Essen bestellte. Weil schlicht das Personal fehlte, um den Service überhaupt anbieten zu können. Reisen mit mehreren Umsteigestationen gerieten häufig zum Glücksspiel, weil Anschlusszüge nicht warten konnten. Und der darauffolgende Zug ausfiel, oder der Zugführer nicht losfuhr, weil die Waggons komplett überfüllt waren.

Hinzu kamen Petitessen, wie ausgefallene Reservierungssysteme, umgekehrte Wagenreihungen und verschlossene Toiletten - von Gleisänderungen am Bahnhof, unverständlichen Durchsagen und nur noch rudimentär vorhandenen Informationstafeln ganz zu schweigen.

Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern - gestresstes Zugpersonal, Stillstand durch Streiks; dazu skandalös hohe Bonuszahlungen für ausscheidende Bahnvorstände, Beraterverträge ohne angemessene Gegenleistung oder politische Kabale im Hintergrund. Das sind dafür nur einige Stichworte.

Geld ist nicht alles

Diesem schier unüberwindbaren Berg an Problemen will der Aufsichtsrat der Bahn jetzt mit einem ehrgeizigen Ziel begegnen: durch ein Zehn-Jahres-Programm und Unsummen von Geld. Zwischen 2020 und 2029 soll eine von 39 auf 137 erweiterte Flotte von schnellen ICEs im Halbstundentakt zwischen den Metropolen verkehren, die Fernverbindungen in entlegenere Gegenden der Republik sollen nach Jahren der Stilllegungen wieder ausgebaut werden. Überwacht werden soll der Verkehr von digitalen Stellwerken, die ihre teils mehr als hundert Jahre alten Vorgänger ersetzen.

Hinzu kommen Sofortreparaturen an Deutschlands marodem Schienennetz. Derzeit lähmen fast 230 "Langsamfahrstellen" den Verkehr. Wenn das Jahr vorüber ist, sollen 1500 Kilometer an Gleisen, 300 Brücken und 1500 Weichen erneuert sein. Insgesamt stellt allein der Bund dafür mindestens 86 Milliarden Euro zur Verfügung. Schon mehren sich die Warnungen von Experten, dass so viel Geld Glücksritter anlockt und die Preise in die Höhe treibt.

Die Hoffnungen auf langfristige Verbesserungen bedeuten aber mit Blick auf 2020 nur bedingt gute Nachrichten. Denn zunächst einmal dürfte die Zahl der Baustellen an Gleisen und Brücken deutlich steigen. Ein System, das 20 bis 30 Jahre auf Verschleiß gefahren wurde, lässt sich eben nicht über Nacht wieder instand setzen. Bei den dringend benötigten Neubaustrecken - zwei davon sollen die Lücken auf den zentralen Routen zwischen den Häfen im Norden und Südeuropa schließen - hinken die Deutschen dem Zeitplan um Jahre hinterher.

Jetzt sollen die Planungsverfahren beschleunigt und die damit verbundene Bürokratie entschlackt werden. Gedämpft wird die Bautätigkeit allerdings durch Engpässe in der Bauindustrie. Betonstahlbauer sind kaum zu finden, auch an Maschinen fehlt es.

Fachkräfte fehlen

Unklar ist auch, wo die vielen Lokführer und IT-Fachkräfte herkommen sollen, die für den Betrieb der schönen neuen Bahnwelt gebraucht werden. Die Arbeitsbedingungen machen die Bahn als Arbeitgeber nicht gerade attraktiv. Die Suche nach geeigneten Kandidaten jedenfalls gestaltet sich schwierig.

Immerhin - ein Hoffnungsträger verstärkt seit Anfang November bereits das Social-Media-Team, das die Bahn einer jüngeren Zielgruppe näherbringen will: Kai Strehler genießt in Fachkreisen hohes Ansehen als Marketingfachmann und bescheinigt der Bahn in Zeiten von Klimawandel und umweltfreundlicher Mobilität ein enormes Potenzial.

Wie groß die Baustelle bei der Bahn aber auch bei der Konzernkommunikation ist, zeigte zuletzt das Twitter-Desaster rund um die Bahn-Reise der Klimaaktivistin Greta Thunberg.