Knappes Personal Bahn-Mitarbeiter häufen über 900 Jahre Überstunden an

Die Personaloffensive der Deutschen Bahn schlägt fehl. Internen Unterlagen zufolge haben die Mitarbeiter im Fahrdienst bis Ende 2013 fast acht Millionen Überstunden angesammelt. Die Gewerkschafter laufen Sturm.
Lokführer: Personalmangel erzwingt Sonderschichten

Lokführer: Personalmangel erzwingt Sonderschichten

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Berlin - Ihre hohen Ansprüche haben die Personalverantwortlichen der Deutschen Bahn längst zurückgeschraubt. Schlechte Schulnoten oder eine fachfremde Ausbildung sind keine entscheidende Hürde mehr, wenn es darum geht, zum Beispiel Lokführer oder Stellwerker zu werden. Doch die Kehrtwende zahlt sich bislang kaum aus.

Laut Bundesagentur für Arbeit stehen Lokführer in der Hitliste der Mangelberufe auf Platz eins. Während es im Allgemeinen rund 80 Tage dauert, um einen geeigneten Kandidaten für eine freie Stelle zu bekommen, brauchen die Jobcenter 184 Tage, um einen Platz auf den Loks der Bahn neu zu besetzen. Auch Schaffner und Zugbegleiter sind kaum zu finden.

Die Kehrseite der Personalnot sind Überstunden. Nach Recherchen des ZDF-Magazins "Frontal 21" (Sendung am Dienstag um 21 Uhr) sind es bis Ende 2013 allein im Schienenbereich fast acht Millionen. Dazu kommen 5,6 Millionen Stunden aus offenen Urlaubsansprüchen. Das entspricht umgerechnet einer Jahresarbeitsleistung von 8500 Vollzeitmitarbeitern.

Aus vertraulichen Unterlagen, die dem Magazin vorliegen, geht hervor, dass allein die Lokführer im Januar 2014 insgesamt 2,6 Millionen Überstunden und offene Urlaubsansprüche verzeichneten, bei den Fahrdienstleitern waren es 1,9 Millionen Überstunden und offene Urlaubsansprüche.

Mehrarbeit im Wert von 614 Millionen Euro

Die Überstunden hätten sich in den vergangenen Jahren aufaddiert, erklärte die Bahn gegenüber dem Sender. "Wir sind längst aktiv dran, die Mehrarbeit deutlich abzubauen", sagte eine Bahn-Sprecherin SPIEGEL ONLINE. Erste Erfolge dieser Bemühungen seien bereits sichtbar. Die Zahl der Überstunden, die sich angesammelt haben, gehe zurück. Ende Februar waren es nach Unternehmensangaben noch sieben Millionen Stunden.

"Das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht", erklärte die Sprecherin. Die Verabredungen mit den Arbeitnehmervertretern nehme die Deutsche Bahn sehr ernst: "Die DB hat seit 2009 rund 40.000 neue Mitarbeiter eingestellt", sagte die Sprecherin weiter. Der Personalmangel der Bahn hatte 2013 zu massiven Zugausfällen in Mainz geführt. Nach mehreren krankheitsbedingten Ausfällen hatte das örtliche Stellwerk den Betrieb einstellen müssen.

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Alexander Kirchner, hält die hohe Zahl der Überstunden für inakzeptabel. Gegenüber "Frontal 21" fordert er: "Die Mitarbeiter haben einen Anspruch darauf, ihre Arbeit im Rahmen der festgelegten Zeiten auch machen zu können und nicht ständig noch zusätzliche Leistungen erbringen zu müssen." Auch Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft der Lokführer, kritisiert die stetig steigende Mehrarbeit. "Der Druck, Sonderdienste zu machen, ist hoch. Das heißt auch: Wir haben einen zunehmenden Krankenstand, Ausfälle und Fahrdienstunfähigkeit."

Im neuen Geschäftsbericht, den die Bahn am Donnerstag bei der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt präsentieren wird, sind die finanziellen Belastungen der Mehrarbeit unter dem Punkt "Personalbezogene Verbindlichkeiten" aufgelistet: 330 Millionen Euro für offene Urlaubsansprüche und 284 Millionen Euro für geleistete Überstunden - zusammen 614 Millionen Euro. Ein Plus von fast 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

mik
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