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08. März 2019, 06:52 Uhr

Deutsche Bahn

Aufsichtsrat stoppt Pläne von Bahn-Chef Lutz, Vorstand zu vergrößern

Von und , Frankfurt am Main und Berlin

Bahn-Chef Richard Lutz wollte den Vorstand des Konzerns von sechs auf acht Mitglieder erweitern, erste Kandidaten für die Posten gab es bereits. Doch aus dem Plan wird nichts, wie der SPIEGEL aus Unternehmenskreisen erfuhr.

Neuer Rückschlag für Bahn-Chef Richard Lutz: Der Vorstand des Konzerns wird nicht wie von Lutz geplant von sechs auf acht Mitglieder erweitert. Der Aufsichtsrat hat das Thema für seine Sitzung am 27. März überraschend nicht auf die Tagesordnung genommen. Das erfuhr der SPIEGEL aus Unternehmenskreisen.

Ursprünglich wollte Lutz mit einer Neuaufstellung des Vorstandes die vielen Defizite bei dem staatseigenen Unternehmen lösen, allen voran den desolaten Zustand des Güter- sowie des Personenverkehrs. Dazu sollten zwei neue Posten im Vorstand geschaffen werden: für Güter und für den Regionalverkehr, der aus der Aufspaltung des Vorstandspostens Personenverkehr entstanden wäre. Dafür sollten auf der zweiten Ebene Führungspositionen entfallen, um die Personalrochade möglichst kostenneutral zu halten.

Der Aufsichtsrat habe sich jedoch nicht darauf einigen können, dem Vorschlag des Vorstands zu folgen, berichten Insider. Auf Eis gelegt seien damit auch alle Bemühungen, neue Vorstände an Bord zu holen. Nun bleibt vorerst alles beim Alten.

Die Entscheidung ist eine schwere Schlappe für Lutz und seine Vorstandskollegen, die hinter den Plänen standen. Lutz, Finanzchef Alexander Doll und Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla hatten ihr Vorhaben im Januar Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer vorgestellt, um aus der Defensive zu kommen. Zuvor hatte Lutz in einer 200 Seiten langen Mängelliste festgehalten, woran es hakt und wie durch kurzfristige Maßnahmen Pünktlichkeit und Qualität gesteigert werden können.

Das Management steht enorm unter Druck: Die Unpünktlichkeit der Züge nimmt zu, ebenso wie die Verschuldung; zudem müssen Milliarden für das Schienennetz, Bahnhöfe und die Digitalisierung der Strecke investiert werden, wobei unklar ist, wie genau die Milliardenausgaben gegenfinanziert werden sollen. Geld hereinkommen soll etwa durch den Verkauf der Auslandstochter Arriva. Das aber dürfte kaum reichen. Im Finanzbudget allein des laufenden Jahres klafft ein Loch von zwei Milliarden Euro, in den darauffolgenden Jahren wird es auf das Doppelte anwachsen.

Für den Güterverkehrs-Vorstandsposten war bereits Roland Bosch, der von der Konzerntochter DC Cargo kommt, sicher gesetzt. Die zweite Stelle sollte mit einer Frau besetzt werden. Die sozialdemokratisch dominierte Seite des Aufsichtsrats brachte deshalb Sigrid Nikutta ins Gespräch; sie ist derzeit Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe BVG und war bereits vor zwei Jahren von der SPD als Bahn-Chefin ins Rennen geschickt worden.

Doch der Bahn-Vorstand um Lutz und Pofalla wollte Nikutta verhindern. Er brachte stattdessen eine Managerin der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB ins Gespräch. Doch auch gegen sie gab es Widerstand.

Jetzt sieht es so aus, als sei an dieser Patt-Situation die gesamte Umstrukturierung gescheitert. Eigentlich hatten Scheuer und Bundesfinanzminister Olaf Scholz die Finanzierungsfragen bei der Bahn bis zur Aufsichtsratssitzung klären wollen. Ob dies angesichts der Streitigkeiten noch gelingen kann, ist unklar. Aufsichtsratschef Michael Odenwald jedenfalls war in den vergangenen Wochen zunehmend verärgert über die Einmischung der Politik in die Bahn-Angelegenheiten.

Die aktuellen Querelen wecken Erinnerungen an die verfahrene Situation im Aufsichtsrat 2017 nach dem Rücktritt des damaligen Bahn-Chefs Rüdiger Grube. Auch seinerzeit waren Vertreter von Union und SPD im Rat tief zerstritten.

Ein Sprecher der Bahn wollte sich zur aktuellen Lage nicht äußern.

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