Neuer Bahn-Chef Lutz Der Anti-Pofalla

Richard Lutz soll neuer Bahn-Chef werden. Der bisherige Finanzchef des Konzerns gilt als verbindlich, freundlich, ehrlich - und extrem fleißig. Und als Gegenentwurf zu seinem Konkurrenten Ronald Pofalla.
Richard Lutz (links) und Rüdiger Grube

Richard Lutz (links) und Rüdiger Grube

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Eine der schönsten dokumentierten Geschichten aus der großen weiten Welt der Deutschen Bahn (DB) stammt von Holger Gertz . Als ein gewisser Hartmut Mehdorn für die meisten Deutschen noch Bahnchef war, saß der Reporter der "Süddeutschen Zeitung" in einem Zug, der auf freier Strecke herumstand. Ein Fahrgast bemerkte, die ganzen Probleme wunderten ihn nicht, schließlich sei der Bahn-Chef halber Bulgare, und in Bulgarien seien die Züge für legendäre Verspätungen bekannt. Die anderen Fahrgäste reagierten irritiert. Es stellte sich heraus, dass der Reisende statt "Bahn-Chef Mehdorn" immer "Pantchev-Mehdorn" verstanden hatte. "Dauernd sagen sie im Radio, Herr Pantchev-Mehdorn will doch unbedingt an die Börse und so", zitierte Gertz ihn in seiner Geschichte.

Nun, da ein gewisser Richard Lutz der Nachnachfolger von Mehdorn werden soll, ließe sich fragen: Wer ist dieser Pantchev-Lutz? Ist er der Richtige? Und welche Probleme muss er anpacken?

Lutz ist das, was man gemeinhin ein Eigengewächs nennt. Der 52-Jährige hat in Betriebswirtschaft promoviert und ist seit 1994 bei der Bahn - also seit fast einem Vierteljahrhundert. Seit 2010 ist er Vorstand für Finanzen und damit der Herr der Zahlen in einem der unübersichtlichsten Konzerne des Landes. Das ist eine respektable Leistung.

Für Pofalla war die politische Großwetterlage zu schlecht

Man findet bei der DB kaum jemanden, der Kritisches über Lutz zu berichten weiß. Er gilt als verbindlich, freundlich, ehrlich - und extrem fleißig. Es heißt, gefühlt komme er morgens um fünf Uhr ins Büro und gehe selten vor 23 Uhr nach Hause. Um wenigstens ein bisschen Zeit zum Schlafen zu haben, sei er vom Berliner Stadtrand in die Nähe des Bahntowers am Potsdamer Platz gezogen.

Bislang war Lutz immer ein Mann der zweiten Reihe. Wie zu hören ist, hat es ihn offenbar auch jetzt nicht ganz nach vorn gedrängt. Kaum ein Managerjob zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich wie der des Bahn-Chefs. Die Fähigkeit, sich selbst inszenieren zu können, ist dabei genauso gefragt wie die, regelmäßig einstecken zu können.

Lutz fällt der Job, den er in den vergangenen Wochen interimsmäßig machte, nun dauerhaft zu, weil die Politik eine unpolitische Lösung wollte. Lange Zeit galt der ehemalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla als Kronprinz des früheren Bahn-Chefs Rüdiger Grube.

Doch Grubes Verzicht Ende Januar kam für Pofalla zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Nicht nur, weil er gerade erst einen Karriereschritt gemacht hatte. Auch die politische Großwetterlage hatte sich geändert. Durch die Ausrufung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten und den Aufschwung der SPD war Angela Merkel so stark unter Druck geraten wie nie zuvor in ihrer Amtszeit. Zwar hätte die Kanzlerin ihren Verbündeten Pofalla auch gegen Widerstände auf den Posten hieven können. Doch die SPD machte intern klar, sie werde stets darauf verweisen, mit der Entscheidung nichts zu tun zu haben: "Das ist Merkels Bahn-Chef!"

Verständlicherweise wollte die Kanzlerin vermeiden, dass ihr im Wahlkampf auch noch verspätete Züge angelastet werden. Deshalb war Pofalla früh aus dem Rennen.

"Intellektuell kann er das auf jeden Fall"

Unter den unpolitischen Kandidaten, die für den Job des Bahn-Chefs zuletzt noch infrage kamen, war Lutz aus unterschiedlichen Erwägungen wohl der Geeignetste: Für die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, wäre der Sprung an die DB-Spitze wohl etwas groß gewesen. Gegen den Chef der Schweizer SBB, Andreas Meyer, sprach, dass die Rahmenbedingungen für Schienenverkehr in Deutschland weitaus schwieriger sind. Und der Siemens-Manager Siegfried Russwurm war kein ausgewiesener Bahn-Experte.

Dann doch lieber jemand, der den Konzern kennt. Zumal die Belegschaft Druck machte. Nach den Chaostagen infolge der grubeschen Selbstentmachtung gab es vor allem im mittleren Management Unverständnis darüber, dass eines der wichtigsten Unternehmen der Republik dasteht wie die Pommesbude um die Ecke. Die Bahner wollten Ruhe und deshalb eine Lösung, die Kontinuität versprach und schnell umgesetzt werden konnte. Für beides stand Lutz.

Ob er tatsächlich der Richtige ist, wird sich zeigen. Was sich bereits sagen lässt: Lutz ist auf jeden Fall nicht der Falsche. Zwar ist es nicht nur ein Vorteil, dass er seit mehr als 20 Jahren bei der Bahn arbeitet. Wer so lange in einem Unternehmen ist, neigt oft zur Betriebsblindheit und sagt gern: "Haben wir immer schon so gemacht."

Allerdings ist Lutz zuzutrauen, dass es ihm gelingt, mit dem berühmten Schritt Abstand auf die DB und ihre Probleme zu gucken. "Intellektuell kann er das auf jeden Fall", sagt einer, der Lutz gut kennt.

Die Probleme, die der neue Chef anpacken muss, sind groß. Die Bahn leidet unter jenem Wandel, der fast alle Branchen erfasst: Die Digitalisierung verschärft den Wettbewerb, und das erhöht den Druck auf die Preise. Traditionsreiche Konzerne, die nicht so flexibel reagieren können wie schlanke Start-ups, tun sich mit dieser Entwicklung schwerer.

Um langfristig bestehen zu können, muss die Bahn einerseits Produkte mit einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten und andererseits zusätzliche Subventionen vom Bund mobilisieren. Nur so ist der Personenverkehr attraktiv genug. Und nur so lässt sich der chronisch defizitäre Güterverkehr auf der Schiene aufrechterhalten.

Eine bessere DB - das war schon das Ziel der Bahnreform, mit der das Unternehmen formell privatisiert wurde. Das war 1994. In jenem Jahr fing auch Richard Lutz beim Konzern an.

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