Machtkampf beim Staatskonzern Bei der Bahn kommt es zum Showdown

Die Auseinandersetzung im Vorstand der Deutschen Bahn scheint entschieden. Finanzchef Doll steht kurz davor, den Konzern zu verlassen. Doch Verkehrsminister Scheuer könnte den falschen Manager geopfert haben.

Erbitterte Kontrahenten: Bahnchef Richard Lutz (r.) und Finanzvorstand Alexander Doll
Michael Kappeler/dpa

Erbitterte Kontrahenten: Bahnchef Richard Lutz (r.) und Finanzvorstand Alexander Doll

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Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat gleich Freitagmorgen einen unangenehmen Termin in den Kalender hereingedrückt bekommen. Der Verkehrsausschuss im Bundestag hat ihn auf Druck der Opposition zu einer Sondersitzung eingeladen. Dabei geht es nicht um die verunglückte PKW-Maut, für die er sich bald vor einem Untersuchungsausschuss rechtfertigen muss.

Heute Morgen geht es um eine mindestens genauso unerfreuliche Angelegenheit: die Zukunft der Deutschen Bahn. Scheuer will den Konzern mit vielen Milliarden Euro segnen, um die Klimaschutzziele seines Ministeriums im Verkehrsbereich zu erreichen.

Doch die Bahn steckt nicht nur in einer tiefen operativen Krise mit Zugausfällen und Verspätungen. Zu allem Überfluss spielt sich im Vorstand ein schmutziger Machtkampf ab. Auch dazu wird Scheuer vermutlich Fragen der Abgeordneten beantworten müssen. Zu Recht.

Denn der CSU-Mann spielt eine zentrale Rolle in den Querelen, die seit Tagen dazu führen, dass der Vorstand im Bahntower am Potsdamer Platz praktisch alle Sacharbeit eingestellt hat. Im Zentrum steht dabei der Finanzvorstand des Konzerns, Alexander Doll, der mit den beiden Platzhirsche in der Vorstandsetage im Clinch liegt: dem Bahnchef Richard Lutz und Ronald Pofalla, dem mächtigen Infrastrukturvorstand.

Das falsche Opfer?

Verkehrsminister Scheuer will Finanzvorstand Doll feuern. Dabei könnte es sein, dass er damit falsch liegt und stattdessen eher den Überbringer schlechter Botschaften schasst als die eigentlich Schuldigen an der Misere der Bahn.

Eskaliert ist die Affäre ausgerechnet an einem Tochterunternehmen der Bahn, dem britischen Verkehrskonzern Arriva. Das Unternehmen betreibt sowohl auf der britischen Insel als auch in vielen weiteren europäischen Ländern Bahnen und Busse, unter anderem eine Flotte der legendären roten Doppeldecker in London. Das Unternehmen soll verkauft werden, um die Milliardenlöcher im Haushalt der Bahn zu stopfen, entweder an einen Investor oder durch einen Gang an die Börse.

Seit dem Frühjahr war Doll mit diesem Verfahren beschäftigt. Und was er dabei ganz offensichtlich vorfand, war nichts Gutes: Das Unternehmen ist eigentlich ein Konsolidierungsfall. Nur hatte das bislang offensichtlich niemand dem Aufsichtsrat und dem Eigentümer mitgeteilt.

Stattdessen sollte der Arriva-Verkauf als elegante Lösung fürs Stopfen der eigenen Haushaltslöcher genutzt werden. Drei bis vier Milliarden Euro sollte der Verkauf einbringen, so die Botschaft aus dem Bahntower. Doch davon kann keine Rede sein. Auch, weil die Bahn 2011, als Arriva gekauft wurde, eine Garantie für die Pensionsansprüche von vielen Tausend Mitarbeitern abgegeben hatte.

Für den Verkaufsprospekt musste Doll einen Wert für diese Verpflichtung angeben, was sich als ziemlich komplex herausgestellt hat. Erst im Herbst waren die damit beauftragten Berater zu einem Ergebnis gekommen, mit wie viel Geld diese Verpflichtungen zu Buche schlagen: mit 432 Millionen Euro.

Jene Summe könnte dem Frankfurter Manager jetzt zum Verhängnis werden. Die Spitze des Verkehrsministeriums klagt, Doll habe über das Ausmaß der Misere nicht richtig informiert. Doch wie glaubwürdig ist das? Zwei Personen dürften mit klammheimlicher Freude zugeschaut haben, wie der Finanzvorstand ins offene Messer läuft: Die Bahn-Granden Lutz und Pofalla.

Wusste Doll zu viel?

Sie haben in dem ehrgeizigen Finanzer Doll einen Konkurrenten gesehen. Mehr noch: Doll stellte eine Bedrohung dar, insbesondere für Lutz. Denn als Finanzvorstand und Nachfolger von Lutz bekam Doll intime Einblicke in die Bücher der Bahn - zu intime, wie sich nun möglicherweise herausstellt. Was Doll unter anderem entdeckte, waren Beraterverträge, die der Bahn-Vorstand mit Ex-Managern und Politikern geschlossen hatte, ohne den Aufsichtsrat darüber zu informieren.

Der Skandal kam ins Rollen, weil noch zum Jahreswechsel 2019 der Beratervertrag mit einem Ex-Vorstand verlängert werden sollte, ohne die Aufseher im Konzern um Erlaubnis zu bitten. Doll schlug Alarm beim Aufsichtsrat, und der hat daraufhin das millionenteure Treiben untersuchen lassen.

Vorstandschef Lutz hat bei der forensischen Untersuchung angegeben, nichts von dem ausufernden Beraterwesen gewusst zu haben. Und das, obwohl er seit fast zehn Jahren den Bereich Finanzen als Vorgänger von Doll verantwortet hatte. Ganz anders sieht die Sache bei den Pensionsansprüchen der Arriva-Mitarbeiter aus. Die heikle Garantie auf Kosten des Eigentümers Staat soll Richard Lutz Anfang des Jahrzehnts mitabgesegnet haben.

Die schlechte Lage bei Arriva dürfte Lutz ebenfalls kaum überrascht haben. Als damaliger Finanzvorstand hatte er auch die Aufsicht über das Geschäft von Arriva. Er müsste also ein ziemlich gutes Bild über den hohen Investitionsbedarf bei der britischen Tochterfirma gehabt haben. Deshalb dürfte ihn auch nicht sonderlich gewundert haben, dass die bisherigen Angebote von Investoren für Arriva weit unter den Erwartungen blieben.

Schließlich konnten die Kaufinteressenten einen tiefen Blick in die Bücher des Konzerns nehmen. Sie taxieren den Wert des Unternehmens nach Informationen des SPIEGEL bei unter zwei Milliarden Euro, und damit weniger, als die Bahn vor fast zehn Jahren für Arriva bezahlt hatte.

Wusste Doll einfach zu viel über das, was unter seinem Vorgänger und heutigen Chef Lutz alles schiefgelaufen ist - und soll er deshalb weg? Bahn-Chef Lutz versuchte genau das: Vor zwei Wochen bestellte er Doll in sein Büro und unterbreitete ihm ein vergiftetes Angebot: Er solle sich nur noch um das Gütergeschäft kümmern, den Finanzbereich abgeben.

Auch eine Nachfolgerin hatte Lutz bereits ausgespäht: Die KfW-Bankerin Ingrid Hengster. Doch Doll lehnte ab. Seitdem ist das Tischtuch zwischen den dreien zerschnitten.

Die Regierung kann sich Animositäten zwischen den drei Alphatieren eigentlich nicht leisten. Denn die Bahn wurde als Retter für die vollkommen missratene Klimapolitik der Bundesregierung erkoren und soll dafür mit Milliarden überschüttet werden. Für einen sinnvollen Einsatz der Gelder bedarf es aber eines funktionierenden Vorstandes.

Cem Özdemir spricht von "Treppenwitz"

Scheuer hat sich dazu entschlossen, Doll zu feuern, auch wenn er ein Bauernopfer sein könnte. Doch der wehrt sich. Beharrlich weigert er sich, den Auflösungsvertrag zu unterschreiben. Ein erster Versuch, ihn durch den Aufsichtsrat abwählen zu lassen, ist vergangenen Donnerstag gescheitert. Am Montag startet Aufsichtsratschef Michael Odenwald auf Geheiß des Verkehrsministeriums den nächsten Versuch.

Dann ist eine Sondersitzung des Aufsichtsrats zu der Personalie Doll einberufen worden. Wird der Finanzer bis dahin den Auflösungsvertrag unterschrieben haben? Oder kommt es zum Showdown?

Die Arbeitnehmervertreter haben sich der Demission Dolls bislang verweigert. Sie wollen erst Aufklärung darüber, ob die Vorwürfe gegen den Finanzvorstand zutreffen oder nicht. "Wir werden am Montag zuhören und dann werden wir eine Antwort geben", sagte der neue Chef der Eisenbahnergewerkschaft EVG, Torsten Westphal.

Unterstützung erhält Finanzvorstand Doll bei der Opposition im Bundestag. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses Cem Özdemir wirft Scheuer vor, sich für den Falschen entschieden zu haben: "Es ist schon ein Treppenwitz, wenn der Minister sich ausgerechnet auf Herrn Doll einschießt, der die Probleme bei der Arriva offensichtlich aufgedeckt hat und die strukturellen Probleme bei der DB angehen möchte."

Özdemir vermutet ähnlich wie bei Arriva noch weitere finanzielle Risiken bei der Bahn. Diese Frage solle Scheuer klären, sagte der prominente Grünen-Mann dem SPIEGEL. "Wer bei der Arriva offensichtlich Werte vernichtet hat, der muss sich auch in allen Bereichen in die Bücher schauen lassen, ob da nicht noch andere Risiken schlummern."

Wenn Özdemirs Befürchtungen zutreffen, dann dürfte auch Lutz nicht mehr lange an der Spitze der Bahn stehen.

insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
Remotesensing 15.11.2019
1. And the winner is...
Pofalla. Der näselnde Totalausfall von Merkels Gnaden wird dann Bahnchef. Gruselig. Die Bahn und noch weniger diese Bananenrepublik sind noch zu retten.
guenther.kukla 15.11.2019
2. wen auch immer Scheuer geopfert hat...
es kann niemals der falsche gewesen sein. wer nur ansatzweise die Realität der "Unzuverlässigkeit" der Bahn mitbekommt, wird ohne große Analysen zu der Erkenntnis kommen, dass im Vorstand der Bahn Menschen agieren, die Ihr Geld nicht verdient haben. Noch schlimmer jedoch ist die Tatsache, das in der Politik Politiker Ministerien leiten, die diese Missstände bei der Bahn nicht sehen können oder nicht sehen wollen. Beide Personengruppen sollten eine leistungsgerechte Bezahlung bekommen, die die Leidtragenden dieser Bahn sind. Ich fahre seit 3 Jahren täglich München - Kaufering. In diesen drei Jahren war die Bahn nicht ein einziges Mal pünktlich. An die Medien und hier insbesondere an SPON appelliere ich, steigt ein in die Bahn, seht, erlebt und schreibt darüber, was dieser Konzern jeden Tag für eine Leistung abliefert, sofern man in diesem Zusammenhang überhaupt von Leistung reden kann
oldman2016 15.11.2019
3. Neue Leute werden gebraucht
Für einen Außenstehenden sind die Vorgänge im Bahnvorstand kaum zu bewerten. Warum hochdotierte Beraterverträge ohne Kenntnis des Aufsichtsrates abgeschlossen worden sind, ist allerdings eine Frage, die dem Bund als Eigentümer nicht egal sein kann. Es wird Zeit, dass der Bund die Konsequenzen zieht und den Vorstandsvorsitzenden Lutz ablöst.
großtroll 15.11.2019
4.
Wenn Scheuer mitmischt, ist das Schlimmste zu befürchten. Dem Vorstand wäre zu empfehlen, was Sinnvolles zu tun für das viele Geld, das da kassiert wird.
spon_4_me 15.11.2019
5. Und
dann kommt Profalla.
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