Tarifverhandlungen bei der Bahn Drohen jetzt wieder Lokführerstreiks?

An diesem Donnerstag beginnen die Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn. Worüber wird verhandelt? Und steht Deutschland bald wieder still? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
ICE im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main (Archivbild)

ICE im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main (Archivbild)

Foto: Christoph Schmidt/ picture alliance / dpa

Neun Streiks, darunter der längste Ausstand in der Geschichte der Deutschen Bahn AG: Der Tarifstreit bei der Bahn 2015 ist wohl noch vielen Fahrgästen in unschöner Erinnerung. Zahlreiche Züge fielen aus, Bahnkunden strandeten, Güterwaggons blieben stehen. Rund ein Jahr lang wurde damals verhandelt, am Ende löste erst eine Schlichtung den Konflikt.

Wenn Eisenbahner streiken, steht die halbe Republik still - und demnächst könnte es wieder soweit sein. In Berlin beginnt an diesem Donnerstag die neue Tarifrunde bei der Deutschen Bahn. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) verlangen für ihre Mitglieder mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Was sind die wichtigsten Forderungen? Wie explosiv ist der Konflikt? Und drohen jetzt wieder tagelange Streiks? Der Überblick.

Für wen wird verhandelt - und worüber?

Es geht um die Gehälter, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen von rund 154.000 Eisenbahnern in Deutschland, also Lokführern, Zugbegleitern oder etwa Mitarbeitern in den Stellwerken der Bahn. Beide Gewerkschaften verlangen 7,5 Prozent mehr Lohn, voraussichtlich verteilt über eine Laufzeit von rund zwei Jahren. Dazu kommen zahlreiche weitere Punkte, etwa die Ausbildung, Altersvorsorge, höhere Schichtzuschläge oder die bessere Planbarkeit von Einsätzen. Zusammen haben EVG und GDL 79 Forderungen an die Bahn übersandt, darunter allerdings auch viele kleinere Punkte. Am Ende dürfte es vor allem um einige wenige größere Themen gehen.

Beide Gewerkschaften geben sich selbstbewusst. EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba sagt: "Die Bahn muss endlich die Mitarbeiter in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen." Und die GDL lässt sich auch von einem Brandbrief von DB-Chef Richard Lutz nicht beeindrucken, indem dieser davor gewarnt hatte, dass die Bahn ihre aktuellen Gewinnziele nicht erreichen könnte. "Wenn der Bahnchef glaubt, dass Lokführer und Zugbegleiter ihr eigenes Geld mitbringen, täuscht er sich", sagt GDL-Chef Claus Weselsky.

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Bahn-Tarifverhandlungen: Die Verhandler

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Wo könnte es krachen?

Kritisch könnte das sogenannte Wahlmodell werden, das in der letzten Tarifrunde 2016 erstmals vereinbart wurde. Jeder Eisenbahner konnte dabei für sich entscheiden, ob er mehr Geld haben möchte, eine Stunde pro Woche weniger arbeiten oder sechs Tage mehr Urlaub im Jahr. Diese Möglichkeit soll nach Willen der Gewerkschaften ausgebaut werden.

Das Problem für die Bahn dabei: In der ersten Wahlrunde haben sich überraschend viele Arbeitnehmer für den zusätzlichen Urlaub und gegen mehr Geld entschieden - nämlich 58 Prozent. Diese Arbeitskraft fehlt dem Unternehmen nun. In diesem Jahr hat die Bahn bereits 1500 Menschen mehr eingestellt, um den Engpass zu beseitigen. Das ist rund jede zehnte Neueinstellung.

Doch einerseits gibt es in Deutschland sowieso zu wenig Lokführer, zum anderen müssen neue Mitarbeiter oft erst mehrjährige Ausbildungen durchlaufen und können nicht sofort eingesetzt werden. Die Bahn dürfte sich deshalb schwertun, nach dieser Tarifrunde noch mehr Arbeitszeit herzugeben. Die Horrorvorstellung der Manager im Bahn-Tower: Dass Züge wegen zu wenig Personal ausfallen.

Die Gewerkschaften wiederum drehen die Argumentation um: Die Bahn müsse endlich attraktivere Bedingungen bieten, dann würden sich auch mehr Leute bewerben, heißt es. Bei der EVG haben sich zudem viele Mitglieder für ein erweitertes Wahlmodell ausgesprochen - die Gewerkschaft hat also einen gewissen Druck, in diesem Punkt ein gutes Ergebnis zu liefern.

Müssen Fahrgäste mit Streiks rechnen?

Streiks gehören zu Tarifkonflikten und sind auch bei der Bahn in diesem Jahr nicht ausgeschlossen. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass es soweit diesmal nicht kommt:

  • Die EVG streikt grundsätzlich eher selten. Zwar gilt EVG-Vertreterin Rusch-Ziemba als harte Verhandlerin, teilweise dauerten die Gespräche in den vergangenen Jahren mehrere Tage am Stück. Doch am Ende gab es immer ohne Streik ein Ergebnis mit der DB. Es sieht nicht danach aus, dass die Gewerkschaft diese grundsätzliche Linie ändert.
  • Die GDL hat in der Vergangenheit deutlich mehr gestreikt, allen voran der einwöchige Streik im Jahr 2015, der längste in der Bahngeschichte. Der forsche GDL-Chef Weselsky polarisierte damit die Republik. Doch seitdem hat sich die Lage spürbar beruhigt. Zum einen hat die GDL mit der Bahn eine Schlichtungsvereinbarung geschlossen. Demnach kann jede Seite von sich aus die Schlichtung anrufen, die Bahn etwa, wenn die GDL Warnstreiks auch nur ankündigt. Das macht Streiks für die GDL tendenziell schwieriger.

Zum anderen hat sich aber auch die Stimmung zwischen GDL und Bahn verbessert, manch einer spricht schon von "Tauwetter". Beide Seiten scheinen gewillt, eine Lösung ohne Streiks und Schlichtung zu erreichen.

Wie ist der Zeitplan?

In dieser Woche ist der Auftakt, bei dem nicht mit Ergebnissen gerechnet wird. Im Oktober und November wird weiterverhandelt. Sollte ausnahmsweise mal alles glattgehen, könnten Anfang Dezember die neuen Tarifverträge stehen. Die Fahrgäste würde es freuen - Weihnachten wäre dann garantiert streikfrei.