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09. Februar 2016, 16:28 Uhr

Dramatischer Wertverlust

Investoren bangen um Deutsche Bank

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Milliardenverluste und ein Aktienkurs im freien Fall: Der Deutschen Bank laufen die Anleger davon. Manche Investoren fürchten sogar um die Kreditwürdigkeit des einst so stolzen Geldhauses.

Im April 2015 konnte man den Eindruck haben, es stehe schlecht um die Deutsche Bank. Die Gewinne waren mau, die Investoren unzufrieden, und die Führungsspitze um Anshu Jain präsentierte noch eilig eine neue Strategie, um den drohenden Rauswurf zu verhindern.

Verglichen mit heute waren das rosige Zeiten. Immerhin zweifelte damals noch niemand an der Kreditwürdigkeit der Bank. Und immerhin war sie damals an der Börse noch 45 Milliarden Euro wert.

Heute sind es noch knapp 19 Milliarden Euro - Tendenz fallend. Es scheint, als wollten die Anleger Deutsche-Bank-Aktien nur noch möglichst schnell loswerden. Allein zum Wochenstart am Montag brach der Kurs um fast zehn Prozent ein. Am Dienstag ging es um weitere fünf Prozent nach unten. Rund drei Milliarden Euro Börsenwert, vernichtet an eineinhalb Tagen.

Dabei hatte die neue Führungsmannschaft um den Briten John Cryan am Montagabend noch versucht, die Lage zu beruhigen. Die Bank sah sich dazu genötigt, ihren Investoren zu versichern, dass sie alle ihre Schulden in diesem und im nächsten Jahr pünktlich zurückzahlen kann - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die nicht extra betont werden müsste.

Cryan versucht, die Mitarbeiter z u beruhigen

Doch in diesen Zeiten scheint nichts selbstverständlich zu sein bei der Deutschen Bank. Die Nachfrage nach sogenannten Kreditausfallversicherungen ist zuletzt drastisch gestiegen. Die Preise für solche Credit Default Swaps (kurz: CDS) liegen mittlerweile wieder auf dem Niveau wie zuletzt in Zeiten der Finanzkrise. Um eine Forderung von 100.000 Euro abzusichern, müssen die Investoren bei der Deutschen Bank eine jährliche Prämie von 2250 Euro zahlen (siehe Grafik). Im März 2015 waren es noch 589 Euro. Einige Anleger fürchten offenbar tatsächlich um die Kreditwürdigkeit des größten deutschen Finanzinstituts.

Am Dienstag wandte sich Vorstandschef Cryan mit einer Botschaft an die rund 100.000 Mitarbeiter des Konzerns. "Sie können Ihren Kunden mitteilen, dass die Deutsche Bank angesichts ihrer Kapitalstärke und ihrer Risikoposition absolut grundsolide ist", schreibt der Brite in dem Statement, dass auch auf der Website der Bank veröffentlicht wurde. Es klingt ein bisschen wie das Pfeifen im Walde.

Cryan selbst wird für den Niedergang bisher nicht persönlich verantwortlich gemacht. Als er die Bank im vergangenen Sommer übernahm, waren die Probleme schließlich schon da: Seit Jahren zahlt die Bank horrende Summen an Strafen für Fehlverhalten aus der Vergangenheit. Ob Zinsmanipulationen, Umsatzsteuerbetrug oder windige US-Immobilienkredite - überall waren Mitarbeiter der Deutschen Bank dabei. Seit 2012 hat der Konzern 12,7 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten aufgewendet - und ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Die hohen Kosten drücken auf die Gewinne. Immer wieder machte die Bank zuletzt Verluste - auch weil Cryan im Herbst einen Teil des Firmenwerts abschreiben ließ (siehe Grafik). Hinzu kommt eine vergleichsweise schwache Kapitaldecke, die einige Investoren offenbar daran zweifeln lässt, dass die Bank auch genügend Puffer hat, um eine große Krise zu überstehen.

All das hat Cryan geerbt - und nun noch dazu das Pech, die Bank in einer Zeit umbauen zu müssen, in der die gesamte Finanzbranche mit Problemen kämpft, weil die Ölpreise abstürzen und das Wachstum der Weltwirtschaft sich spürbar verlangsamt. Es sind ja nicht nur die Kurse der Deutschen Bank , die dieser Tage abstürzen - aber in einer insgesamt schwachen Finanzbranche ist das deutsche Geldhaus derzeit nun mal das schwächste Glied.

Was sich Cryan dabei ankreiden lassen muss, ist nach Meinung vieler Analysten, dass er bisher noch nicht deutlich gemacht hat, wie die Bank in Zukunft wieder Geld verdienen will. Hier fordern auch wichtige Investoren mehr Klarheit, bevor sie wieder größere Summen in Deutsche-Bank-Aktien stecken.

Cryan genießt dabei offenbar noch grundsätzlich das Vertrauen der großen Investoren. Anders sieht es dem Vernehmen nach allerdings mit jenem Mann aus, der den Briten erst zur Bank geholt hat: Aufsichtsratschef Paul Achleitner, immerhin seit 2012 an zentraler Stelle tätig, muss sich derzeit fragen lassen, warum er es so weit hat kommen lassen. Warum er nicht früher durchgegriffen und den schwer skandalbelasteten Ex-Chef Jain ausgetauscht hat? Und warum er so unbeirrt am Investmentbanking als wichtigster Sparte festhält - obwohl es gerade die dort angesiedelten Handelsgeschäfte waren, die der Bank die größten Skandale eingebrockt haben.

Achleitners Vertrag läuft 2017 aus. Wenn die Bank nicht bald die Trendwende schafft, könnte er der Nächste sein, der gehen muss. Ob das hilft, den Absturz zu bremsen, ist allerdings eine andere Frage.

Zusammengefasst: Die Deutsche Bank kann die Finanzmärkte nicht beruhigen. Obwohl das Geldhaus am Montagabend mitteilte, dass es alle seine Schulden zurückzahlen könne, brach der Aktienkurs am Dienstag erneut ein. Die Krise der Bank bringt vor allem Aufsichtsratschef Paul Achleitner unter Druck.

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