Betrugsvorwürfe gegen Deutsche Bank Informant will vor dem Aufsichtsrat aussagen

Die Diskussion um angeblich verschleierte Milliardenverluste der Deutschen Bank sorgt im Aufsichtsrat für Wirbel. Chefkontrolleur Paul Achleitner will sich den Fall nach SPIEGEL-Informationen genau ansehen. Zudem will der Ex-Mitarbeiter, der die Affäre ins Rollen brachte, vor dem Gremium aussagen.
Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Vorwürfe aus New York

Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Vorwürfe aus New York

Foto: Ralph Orlowski/ Getty Images

Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Paul Achleitner, will sich mit den Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiter des Konzerns befassen. Dabei geht es um die angeblich falsche Bilanzierung komplizierter Finanzgeschäfte. Zwar habe das Gremium eine klare Meinung zu dem Fall, da Achleitner aber zu der Zeit, auf die sich die Vorwürfe beziehen, noch nicht in der Bank war, wolle er sich die Vorgänge noch einmal genau ansehen, erfuhr der SPIEGEL. In dieser Woche werde sich der Risikoausschuss des Aufsichtsrats in einer routinemäßigen Sitzung mit dem Thema beschäftigen.

Mehrere frühere Mitarbeiter unterstellen dem Kreditinstitut, komplizierte Finanzgeschäfte in der Bilanz falsch bewertet und so einen Milliardenverlust vermieden zu haben. Der Risikoanalyst Eric Ben-Artzi, der sich mit entsprechenden Vorwürfen an die US-Börsenaufsicht SEC gewandt hat, verschärfte seine Angriffe auf den Frankfurter Konzern. Die Deutsche Bank habe sich die Geschäfte schöngerechnet, sagte er dem SPIEGEL. "Das ist Betrug." Es gehe nicht um die Frage, ob ein Risikomodell richtig oder falsch sei, sondern um einen falschen Wert in der Bilanz. "Da gibt es keine Grauzone, das ist einfach schwarz", sagte Ben-Artzi.

Ben-Artzi war bis Ende 2011 als Vice President Legal, Risk & Capital Division in der Wall-Street-Niederlassung der Bank beschäftigt. Er war damit betraut zu prüfen, ob stimmte, was die Bank offiziell über bestimmte hochkomplizierte Wertpapiergeschäfte gegenüber ihren Kunden und in ihren Bilanzen behauptete. Die Schlussfolgerung des promovierten Mathematikers: Es stimmte nicht. Die Bank habe bei den Geschäften mit sogenannten "Leveraged Super Senior Notes" grobe Bewertungsfehler gemacht und nur so einen Verlust von mehreren Milliarden Dollar verschleiert.

"Da gibt es keine Grauzone"

Die Deutsche Bank weist die Vorwürfe energisch zurück. "Die Vorwürfe, die Deutsche Bank habe nicht korrekt berichtet, sind mehr als zweieinhalb Jahre alt", ließ das Institut mitteilen. Ben-Artzi aber betont gegenüber dem SPIEGEL, er sei sich seiner Sache absolut sicher. Es gebe auch keinen Interpretationsspielraum, denn es gehe nicht um die Frage, ob ein Risikomodell richtig oder falsch sei, sondern um einen falschen Wert in der Bilanz: "Da gibt es keine Grauzone, das ist einfach schwarz", sagte Ben-Artzi.

Der Mathematiker hatte seine Bedenken ursprünglich seinen Vorgesetzten bei der Deutschen Bank vorgetragen. Als er damit kein Gehör fand, wandte er sich schließlich an die amerikanische Börsenaufsicht SEC. Einige Zeit später wurde Ben-Artzi entlassen.

Nun bittet der ehemalige Risikoexperte der Bank darum, seine Argumente und Berechnungen dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank persönlich beweisen zu können - bei der nächsten Sitzung des Gremiums. "Dr. Ben-Artzi glaubt, dass die Aufsichtsräte bislang noch keinen akkuraten und vollständigen Überblick über alle Fakten und rechtlichen Aspekte bekommen haben", sagte Jordan Thomas, der Anwalt von Ben-Artzi gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Thomas ist Chef der Whistleblower-Abteilung einer der renommiertesten New Yorker Anwaltskanzleien und war zuvor einer der Direktoren der amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Ben-Artzi werde auch mit der deutschen Aufsichtsbehörde BaFin kooperieren, sagte Thomas, "damit die Wahrheit ans Licht kommt".