Geldhaus in der Krise Deutsche-Bank-Chef Cryan ruft um Hilfe

Milliardenverluste, der Aktienkurs abgestürzt: Die Deutsche Bank steckt tief in der Krise. Nun ruft Vorstandschef John Cryan Politik und Notenbanker zu Hilfe. Investoren dagegen hoffen auf eine Fusion mit der Commerzbank.
Deutsche-Bank-Chef Cryan

Deutsche-Bank-Chef Cryan

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Wer John Cryan einmal erlebt hat, weiß, warum der Brite als Mr. Grumpy gilt. So kritisch wie der Deutsche-Bank-Chef nach seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr über sein eigenes Haus redete, war man es bisher in der Branche nicht gewohnt. Zu viele Skandale, inakzeptabel hohe Boni, eine veraltete IT - schnell hieß es, der neue Boss schade mit seiner Nörgelei der ohnehin angeschlagenen Bank.

Und tatsächlich folgten eher zweifelhafte Superlative: Zu Jahresbeginn musste Cryan den höchsten Verlust in der Geschichte der Bank verkünden - im Sommer rutschte der Aktienkurs auf den tiefsten Stand seit mehr als 30 Jahren.

In einer solch katastrophalen Lage, werden die Strohhalme, an die man sich als Manager oder Aktionär klammern kann, immer dünner. Die Deutsche Bank hat offenbar beschlossen, die Lösung der Probleme nicht mehr nur bei sich selbst, sondern vielmehr bei der Politik und der Europäischen Zentralbank (EZB) zu suchen.

Die Rede, die Cryan an diesem Mittwoch bei einer Bankentagung des "Handelsblatts" in Frankfurt hielt, war ein einziger Hilferuf an Notenbanker und Aufseher: Rettet uns Banken, sonst leidet die gesamte Wirtschaft, so die Botschaft.

"Deutschlands Banken fallen seit Jahren international immer weiter zurück", warnte Cryan. Das liege zwar einerseits auch an eigenen Versäumnissen, "andererseits liegt es aber eben auch am harten Wettbewerb und an einer Regulierung, die uns immer weniger Bewegungsspielraum lässt".

Cryan sieht vor allem drei große Probleme:

  • Die schärfere Regulierung: Seit der Finanzkrise haben die Aufsichtsbehörden weltweit die Kapitalanforderungen für Banken erhöht. Die Finanzinstitute müssen ein größeres Kapitalpolster anlegen, um besser für künftige Krisen gewappnet zu sein. Der Deutschen Bank machen diese neuen Regeln besonders zu schaffen, ihr Kapitalpolster gilt als vergleichsweise dünn. Zudem muss sie immer mehr Geld investieren, um Skandale wie in der Vergangenheit zu vermeiden.
  • Die Konkurrenz durch Sparkassen und Genossenschaftsbanken: "Es gibt in Deutschland schlicht zu viele Banken", sagt Cryan. Der starke Wettbewerb sei zwar gut für die Kunden, die von niedrigen Preisen profitierten, aber schlecht für die Stabilität des Bankensystems.
  • Die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank: Seit 2014 verlangt die EZB Strafzinsen für Banken, die ihr Geld über Nacht bei ihr parken. Im Frühjahr hat sie den Satz auf -0,4 Prozent gesenkt. So wollen die Notenbanker die Finanzinstitute dazu bringen, mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben. Doch das funktioniert nur teilweise. Die Banken dagegen klagen über die hohen Kosten. Mehrere Hundert Millionen Euro pro Jahr seien es für die Deutsche Bank, sagt Cryan. "Die Notenbanken müssen handeln", fordert er deshalb.

Was die Zinspolitik angeht, hat Cryan in der Finanzbranche viele Unterstützer. "Die nächste Finanzkrise wird ihre Ursache in falscher Regulierung und einer fatalen Geldpolitik haben", wetterte etwa Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon, dessen Institute besonders unter den niedrigen Zinsen leiden - ebenso wie übrigens die Commerzbank.

Der Druck ist jedoch wohl nirgendwo so hoch wie in der Deutschen Bank. So erfolgsverwöhnt wie das größte deutsche Geldhaus einst war, so tief war der Absturz der vergangenen Jahre. Das Investmentbanking, einst die Gewinnmaschine des Konzerns, lieferte plötzlich nur noch Skandale, die die Bank viel Geld kosteten. Und die spärlichen Erträge der restlichen Bank reichten oft nicht, um die Verluste auszugleichen - geschweige denn, um üppige Kapitalpolster aufzubauen. In einer solchen Situation schlagen Probleme wie Niedrigzinsen, die alle Banken treffen, besonders hart ins Kontor.

An der Börse ist der einstige Stolz der deutschen Wirtschaft gerade mal noch knapp 18 Milliarden Euro wert. Das ist weit weg von den besten, mit denen man sich einst messen wollte. Zum Vergleich: Die US-Bank Wells Fargo bringt es auf rund 230 Milliarden Euro Börsenwert.

Angesichts der Lage klammern sich nicht nur die Manager, sondern auch Investoren an jeden Strohhalm, den sie finden. Neuerdings ist das eine mögliche Fusion mit der ebenfalls angeschlagenen Commerzbank. Man habe "theoretisch" über einen Zusammenschluss nachgedacht, berichtete am Mittwochmorgen manager magazin online. Prompt schossen die Aktien der beiden Unternehmen nach oben. Zwei Kranke könnten sich gegenseitig gesund pflegen, so die Hoffnung dahinter. Es ist eine sehr vage Hoffnung.


Zusammengefasst: Der Deutschen Bank geht es schlecht - und Konzernchef John Cryan macht unter anderem die Notenbanken und die Politik dafür verantwortlich, dass es nicht besser wird. Vor allem die Negativzinsen der EZB ärgern den Briten. Investoren klammern sich an die Hoffnung, der Konzern könnte mit der Commerzbank fusionieren.

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