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24. April 2012, 16:58 Uhr

Rohstoffgeschäfte

Uno-Experte greift Deutsche Bank an

Die Deutsche Bank gerät wegen des Geschäfts mit Agrarrohstoffen in die Kritik. Der Uno-Experte Olivier De Schutter wirft Noch-Bankchef Josef Ackermann verantwortungsloses Verhalten vor. Die Spekulation mit Rohstoffen destabilisiere die Märkte - und müsse verboten werden.

Hamburg - Neuer Ärger für die Deutsche Bank: Der Uno-Sonderberichterstatter Olivier De Schutter hat das Institut wegen des Geschäfts mit Rohstoff-Indexfonds scharf kritisiert. Diese Art der Spekulation müsste verboten werden, sagte der Belgier "Zeit Online". "Die Deutsche Bank ist in diesem Markt führend, aber sie verhält sich verantwortungslos. Sie tut so, als hätte sie keinen Einfluss auf die Entwicklung der Preise."

Zwar habe es Preisschwankungen bei Lebensmitteln schon immer gegeben. Aber seit institutionelle Investoren um das Jahr 2006 angefangen hätten, mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu spekulieren, würden die Agrarmärkte von reiner Finanzlogik beherrscht, sagte De Schutter. Angebot, Nachfrage und Lagerbestand hingegen spielten nur noch eine winzige Rolle. Das habe den Markt destabilisiert.

Auf Nachfrage teilte ein Sprecher der Deutschen Bank mit, das Institut werde in diesem Jahr keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte auf Basis von Grundnahrungsmitteln auflegen. Außerdem teile man die Ansicht der G 20-Staaten, "dass die Märkte für Agrarrohstoffderivate transparenter gestaltet und die Kontrollmechanismen verstärkt werden sollten, um Fehlverhalten zu verhindern".

Die Deutsche Bank steht wegen ihrer Rohstoffgeschäfte seit Monaten in der Kritik. Die Organisation Foodwatch legte im Oktober einen Bericht vor, der dem größten Geldhaus des Landes Mitschuld an Hungersnöten zuschreibt. Der Autor Harald Schumann führte mehrere Belege für die These an, dass die Wetten an den globalen Rohstoffbörsen tatsächlich die Preise in die Höhe treiben.

Im Januar warf Foodwatch-Chef Thilo Bode dem Deutsche-Bank-Chef vor, sein Wort gebrochen zu haben. Josef Ackermann hatte ihm versprochen, die Vorwürfe bis Ende Januar zu prüfen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen. Stattdessen will das Institut nun eine umfassende Studie erarbeiten. Für Bode spielt Ackermann damit auf Zeit.

"Schwer, gute von gefährlicher Spekulation zu unterscheiden"

Uno-Experte De Schutter fordert die Politik zum Eingreifen auf. Die Finanzmärkte müssten stärker direkt reguliert werden. Es reiche nicht aus, nur die Transparenz der Märkte zu erhöhen, auf denen Agrargüter physisch gehandelt werden. "Ebenso wichtig, aber viel komplizierter" sei es, Regeln für die Finanzmärkte zu schaffen.

Allerdings leiste die Finanzbranche starken Widerstand, sagte De Schutter "Zeit Online". Zudem sei es "schwer, gute Spekulation von gefährlichen Finanzwetten zu unterscheiden. Auch Händler, die mit physischen Agrarprodukten handeln, müssen sich gegen Preisschwankungen absichern. Dafür brauchen sie Derivate. Hier erfüllen die Finanzmärkte eine nützliche Funktion."

Dass vermehrt reiche Investoren sich fruchtbares Land in Entwicklungsländern sichern, nannte der Sonderberichterstatter "ein besorgniserregendes Phänomen". Zudem warnte er vor einer Hungerkrise im Sahel. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht schnell helfe, könnten bald 23 Millionen Menschen in Hungersnot geraten.

cte

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