Deutsche Bank in der Image-Krise Hochmut und Fall der Hybris-Banker

Kirch-Prozess, Umsatzsteuerbetrug, Zinsmanipulationen: Die Fehler der Vergangenheit holen die Deutsche Bank ein. Über Jahre hat sie eine Kultur der Überheblichkeit geduldet, wenn nicht befördert. Die neuen Chefs müssen mehr tun, um einen echten Wandel zu schaffen.
Vorstandschef Fitschen (l.) und Jain: Kampf für den Kulturwandel

Vorstandschef Fitschen (l.) und Jain: Kampf für den Kulturwandel

Foto: Boris Roessler/ dpa

Hamburg - Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert, will das Sprichwort weismachen. Manchmal lebt es sich dann aber auch ziemlich unbequem. Auf die Deutsche Bank trifft derzeit die letztere Variante zu.

Die gesamte Finanzbranche hat über Jahre hinweg eine Kultur der Hybris gepflegt. Viele Geldmanager glaubten, sie seien die Größten, Reichsten und Cleversten. Gesetze und Moral galten ihnen wenig bis nichts, und selbst die eigenen Kunden wurden getäuscht und belächelt. Auch die Deutsche Bank hat diese zweifelhafte Kultur zumindest geduldet, wenn nicht gar gefördert - und sie bekommt nun die Rechnung dafür serviert.

Die deutsche Justiz geht in diesen Tagen hart gegen das größte Geldhaus des Landes vor. Am Mittwoch schickte die Frankfurter Staatsanwaltschaft 500 Steuerfahnder die Konzernzentrale und ließ fünf Mitarbeiter festnehmen. Es geht um Betrügereien im Handel mit Emissionsrechten. Die Bank musste einräumen, dass auch gegen Fitschen persönlich ermittelt wird, weil er 2010 eine fehlerhafte Umsatzsteuererklärung des Konzerns unterschrieben hatte.

Am diesem Freitag nun der nächste Schlag: Das Oberlandesgericht München verurteilte die Bank im sogenannten Kirch-Prozess zur Zahlung von Schadensersatz. Die Höhe wurde noch nicht festgelegt. Ein paar hundert Millionen Euro dürften es aber schon werden.

International laufen weitere Klagen und Ermittlungen. So sollen Händler der Bank in den Skandal um manipulierte Referenzzinssätze verwickelt gewesen sein. In den USA soll das Institut zudem beim Handel mit Ramschhypotheken falsche Angaben gemacht haben.

Auf den ersten Blick haben all diese Fälle nichts miteinander zu tun - außer, dass ihre Ursprünge mehrere Jahre zurückliegen. Die Causa Kirch ist die älteste, sie datiert aus dem Jahr 2002. Der damalige Bankchef Rolf Breuer hatte in einem Fernsehinterview öffentlich die Kreditwürdigkeit eines Kunden angezweifelt, des inzwischen verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch. Dieser machte die Bank deshalb für den Untergang seines Konzerns verantwortlich.

Doch in Wahrheit gibt es eine Verbindung zwischen all diesen Fällen. Die Hybris, mit der Breuer vor laufender Kamera über seinen Kunden herzog, entspringt dem gleichen Ungeist, mit dem sich Deutsche-Bank-Mitarbeiter an der Manipulation des Libor-Zinssatzes beteiligten.

Im Investmentbanking sitzen immer noch die alten Kader

Egal, ob nun alle Anschuldigungen zutreffen, die öffentliche und private Kläger gegen die Bank erheben: Auffällig ist, wie heftig gerade die Justiz derzeit gegen das Institut vorgeht. Es ist die Summe der Skandale, die die Deutsche Bank belastet. Sie hat sich über Jahre hinweg den Ruf erarbeitet, dass man ihr alles zutrauen kann. Nun muss sie mit den Folgen dieses Imagedebakels kämpfen.

Die neue Führung hat das zumindest erkannt. Kurz nach ihrer Amtsübernahme im Juni riefen die beiden Vorstandschefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain einen Kulturwandel aus. Nicht jedes Geschäft das gesetzlich erlaubt sei, sei auch moralisch richtig, heißt es nun. Man strebe eine größere "gesellschaftliche Akzeptanz" an.

Der Vorsatz klingt ehrenwert, doch er muss auch glaubwürdig umgesetzt werden. Ein paar Änderungen am Bonussystem werden dafür nicht ausreichen. Die neue Führung muss vielmehr im ganzen Konzern klarmachen, dass sie mit der Überheblichkeitskultur der Vergangenheit brechen will.

Ob das so schnell gelingt, ist fraglich. Schließlich sitzen gerade im Investmentbanking in London, New York und Frankfurt zum Großteil immer noch die Leute, denen die alte Kultur jahrelang eingeimpft wurde. Da ist es auch nicht gerade hilfreich, wenn die Bank bei jedem neuen Skandal nur von "einigen, wenigen Händlern" spricht, die sich falsch verhalten hätten, und dem Rest die Absolution erteilt. Ein bisschen mehr Mut zur persönlichen Verantwortung wäre wünschenswert.

Das gilt vor allem für Anshu Jain. Mehr denn je stellt sich die Frage, wie er den Wandel vermitteln will. Jain selbst war als Chef des Investmentbankings jahrelang der Fixpunkt des alten Systems. In seinen Verantwortungsbereich fällt ein Großteil der nun diskutierten Skandale - auch wenn ihm nie eine direkte Beteiligung nachgewiesen wurde.

Mag sein, dass der Co-Chef der Bank es ernst meint mit dem Wandel. Doch er trägt eine gewaltige Last aus der Vergangenheit mit sich herum. Um sie abzuwerfen, wird es mehr brauchen als nette Worte und gute Juristen.