Hauptversammlung Kalte Küche bei der Deutschen Bank

"Wir sind zu harten Einschnitten bereit", verkündet Deutsche-Bank-Chef Sewing den Aktionären. Vor allem das Investmentbanking dürfte geschrumpft werden. Die Frage ist nur: Reicht die Zeit noch für eine Wende?

Deutsche-Bank-Chef Sewing: "Noch einmal genau hinsehen"
THORSTEN WAGNER/EPA-EFE/REX

Deutsche-Bank-Chef Sewing: "Noch einmal genau hinsehen"

Von , Frankfurt am Main


Früher, so viel steht fest, war mehr Lametta, wenn die deutschen Großbanken zur Hauptversammlung luden. Die Aktionäre der Commerzbank etwa mussten am Mittwoch bis nach Wiesbaden reisen, 40 Kilometer entfernt vom Konzernsitz Frankfurt - so konnte der knapsende Konzern einen hohen sechsstelligen Betrag bei der Hallenmiete sparen.

Bei der Deutschen Bank fand die Hauptversammlung am Donnerstag zwar wie üblich in der Frankfurter Festhalle statt, der Sparhammer fiel also moderater aus. Dafür ging er durch den Magen. Das sonst stets reichhaltige Catering im Pressebereich schrumpfte auf Bockwürstchen, Bouletten und einen in Speiseöl ertränkten Kartoffelsalat zusammen - vermutlich mit dem Ziel, die Medienvertreter ins Fresskoma zu schicken. Was auch beinah gelang.

Kai Pfaffenbach/REUTERS

Abgesehen vom Umstand, dass gespart werden muss, hielten die Aktionärstreffen der beiden größten deutschen Banken, die kürzlich beinahe ihre Fusion beschlossen hätten, weitere erstaunliche Erkenntnisse bereit.

Das Management der Commerzbank Chart zeigen, das den Zusammenschluss viel dringender wollte als der Vorstand der Deutschen Bank Chart zeigen, strotzt nach dem Abbruch der Gespräche plötzlich vor Selbstbewusstsein. Vorstandschef Martin Zielke sitzt sicher im Amt, wurde mit sozialistisch anmutenden 99 Prozent entlastet und fühlte sich stark genug für eine hämische Spitze gegen den blauen Konkurrenten. "Was unsere Kunden auch gut finden, ist unsere Unternehmenskultur: Das Einhalten von Verhaltensregeln, Gesetzen und Richtlinien ist ein zentraler Bestandteil unserer Strategie", rief er seinen Aktionären entgegen. Wen er damit meinte, war jedem klar.

Dass Zielke wieder breitbeinig durch Frankfurt (oder gelegentlich Wiesbaden) läuft, liegt nicht daran, dass die Commerzbank neue Gewinnquellen entdeckt hätte. Sondern an der neuen Relativitätstheorie im Banking: Absolut ist die Lage weiter trist, verglichen mit der Deutschen Bank aber kommod. Ausländische Rivalen liebäugeln mit dem Kauf der Commerzbank, der Aktienkurs steigt seit Monaten.

Achleitner hat innerlich ausgecheckt

Die Deutsche Bank dagegen steht vor einem doppelten Paradigmenwechsel. Sie wird, so lässt Vorstandschef Christian Sewing durchblicken, ihr Investmentbanking stärker stutzen als geplant. Und: Aufsichtsratschef Paul Achleitner bleibt im Amt - wenn auch mit einem Denkzettel: Die Anteilseigner votierten mit nur 71,63 Prozent des vertretenen Grundkapitals für seine Entlastung. Auch ein Aktionärsantrag, ihn als Leiter der Hauptversammlung abzusetzen, war zuvor gescheitert - 99,04 Prozent der Aktionäre hatten keine Lust auf Instant-Putsch.

Aber: Innerlich hat Achleitner offenkundig schon ausgecheckt. Seine Rede zum Auftakt der Hauptversammlung war wesentlich kürzer und inhaltsärmer als in den Vorjahren und - bereinigt um Formalitäten wie die übliche Schweigeminute für verstorbene Mitarbeiter - kaum länger als der Wetterbericht. Rasch überließ der sonst so sendungsbewusste Österreicher dem seit einem Jahr amtierenden Sewing die Bühne und widmete sich der ordnungsgemäßen Abwicklung der Hauptversammlung.

Sewing nutzte seine Chance und umgarnte die Aktionäre einigermaßen geschickt. Mit seinem erfolgreichen Veto gegen die Commerzbank-Fusion hat er in den vergangenen Monaten intern wie extern an Statur gewonnen. Sewing war zu Recht gegen den Zusammenschluss (den Achleitner befürwortete), weil er fürchtete, dass das Experiment schiefgeht. Jetzt ist er der stärkste Vorstandschef in der Ära Achleitner und hat die Freiheit, sein Programm durchzuziehen. Trotzdem musste auch Sewing einen Dämpfer hinnehmen: Er wurde mit vergleichsweise geringen 75,23 Prozent Zustimmung entlastet. Üblich sind Zustimmungsquoten von mehr als 90 Prozent. Allerdings hätte auch eine Nichtentlastung keine direkten Konsequenzen.

Aufsichtsratschef Achleitner: Die Rede war kaum länger als der Wetterbericht
THORSTEN WAGNER/EPA-EFE/REX

Aufsichtsratschef Achleitner: Die Rede war kaum länger als der Wetterbericht

Eines hat er jedenfalls nicht: Zeit. Die Aktionäre verlangen endlich Erfolge. Die Kosten müssen drastisch sinken, Umsatz, Gewinn und Aktienkurs dagegen sollen möglichst schnell nach oben. Um das zu schaffen, hat Sewing - etwas wolkig zwar, aber doch hinreichend klar - den Aktionären versprochen, das Investmentbanking zu verkleinern. An dieser Stelle lohnt die Exegese seiner Rede.

Die Investoren wollen Ergebnisse sehen

Mehr als 85 Prozent des Jahresumsatzes kommen laut Sewing aus stabilen Geschäftsbereichen - und sind damit quasi unantastbar. Das heißt aber auch: Die restlichen 15 Prozent sind nicht profitabel genug. Folgerichtig will Sewing dort "noch einmal genau hinsehen und entsprechend handeln", um die Profitabilität erheblich zu steigern, wie er sagte. An anderer Stelle kündigte er markig an: "Wir sind zu harten Einschnitten bereit."

Wer wissen will, wo genau Sewing die Axt ansetzen will, kann sich in den Geschäftsbericht der Deutschen Bank vertiefen. Dort stößt man rasch auf den Handel mit Aktien und Anleihen. Der steht zwar noch immer für mehr als 15 Prozent des Gesamtumsatzes, ist aber extrem von den Schwankungen an den Börsen abhängig - und gehört deshalb garantiert nicht zu den stabilen Geschäftsfeldern.

Hier also wird Sewing aufräumen müssen, um Kapital in solidere, profitablere Bereiche umzulenken. Dass es so kommt, dürfte in den nächsten Tagen und Wochen klarer werden, die Investoren verlangen nach Details des Konzernumbaus. Die wird Sewing liefern müssen - damit nicht auch noch er zur "lame duck" wird wie Achleitner.

insgesamt 17 Beiträge
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klm061260 23.05.2019
1. Postbank übernimmt Deutsche Bank
Den "Brand" Deutsche Bank verkaufen, sofern er noch was werthaltiges darstellt und die Deutsche Bank in die Postbank migrieren. Das Geschäftsmodell der Deutschen Bank gibt es nicht (mehr) und von Retailbanking hat diese (arrogante) Bank nie was verstanden. Die Postbank schon - auch deren Management !
legeips62 23.05.2019
2. Wir (Vorstände und Aufsichträte) sind zu harten Einschnitten
bereit und verzichten auf 1 Jahr Gehalt, Bonuszahlungen und Sitzungsgelder... Die Personalkosten sollen doch bestimmt gesenkt werden... Hat er doch gesagt, oder nicht?
HerrPeterlein 23.05.2019
3. Große Häme, aber diese ist zu groß
Bei der Deutschen Bank kommt viel Häme durch, zu arrogant trat man in den letzten Jahrzehnten auf. Doch machen die internationalen Großbanken noch viel mehr skrupellose Geschäfte, wo kommen sonst diese extremen Gewinne her? Gleichzeitig können die kleineren Banken in Deutschland viel, aber vieles auch nicht. Schon die Zahlen einer einfachen GmbH richtig zu lesen bringt diese an ihre Grenzen, das sieht bei der DB noch besser aus.
michi_meissner 23.05.2019
4. Achleitner muss endlich weg.
Frage nicht die Frösche, wenn u den Teich austrocknen willst! Achleitner gehört zum INvestmentbanking, nur deshalb wuren letzten Jahr auch für objektiv miese Leistungen 2 Mrd an Boni ausgeschüttet. Dass er wenig kann, hat er nun genug Jahre bewiesen.
jschm 23.05.2019
5. Drama
Es ist ein Drama, dass Deutschland als eines der größten Volkswirtschaften keine konkurrenzfähige Grossbank mehr hat, die die Unternehmen weltweit betreuen und finanzieren kann. Sogar Spanien hat mit Santander und BBVA zwei gut aufgestellte Grossbanken an denen man in LATAM kaum vorbei kommt. Leider leistet sich Deutschland immer noch einen Zoo von Kleinkrautern unter den BAnken, die nicht bis zum nächsten Dorf denken können. Die Schreierei wird groß sein, wenn DB und COBA übernommen werden und dann die Hochfinanz aus NY, London, Paris, Rom oder Madrid dirigiert wird.
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