Aktionärstreffen der Deutschen Bank Jain bewirbt sich um die Alleinherrschaft

Bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank beeindruckt Anshu Jain die Aktionäre mit einer gefühligen Rede auf Deutsch. Doch die Skepsis gegenüber dem indischstämmigen Investmentbanker bleibt. Einige fürchten schon die Zeit, wenn er die Bank allein regieren wird.
Aktionärstreffen der Deutschen Bank: Jain bewirbt sich um die Alleinherrschaft

Aktionärstreffen der Deutschen Bank: Jain bewirbt sich um die Alleinherrschaft

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Man merkt Anshu Jain an, dass er sich angenehmere Auftritte vorstellen kann. Seine Mimik ist eingefroren. Mit beiden Händen klammert sich der sonst so smarte Deutsche-Bank-Chef am Rednerpult fest. Zum ersten Mal in seinem Leben hält er eine ganze Rede auf Deutsch - und das vor Tausenden Aktionären. Als er gleich zu Beginn vorliest, wie sehr er sich freue, hier heute sprechen zu dürfen, presst Jain ein Grinsen heraus, das wohl eigentlich ein Lächeln werden sollte.

Ein Jahr ist Jain nun Co-Chef der Deutschen Bank. Man hat ihm den erfahrenen Jürgen Fitschen zur Seite gestellt. Der bodenständige Banker aus der niedersächsischen Provinz soll den Kulturschock abfedern, wenn das angelsächsisch geprägte Zahlengenie Jain auf die deutsche Öffentlichkeit trifft - für die ihre größte Bank immer noch so etwas ist wie eine nationale Institution.

Nun ist so ein Moment, in dem Jain zeigen muss, dass er die Deutschen versteht. Dass er es irgendwann auch alleine können wird. Deshalb tauschen Jain und Fitschen heute die Rollen. Jain ist ausnahmsweise mal nicht für die genialen Deals zuständig, sondern für das Gefühl. "Dies ist ein bewegender Tag für mich", lässt er die Aktionäre wissen und versichert ihnen, dass die Bank "fest verankert hier in Deutschland" sei.

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Deutsche-Bank-Chef Jain: "Wandlung vom Saulus zum Paulus"

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Zum Ende seiner kurzen Rede wird Jain persönlich. Er und seine Familie seien in Deutschland "auf Freundlichkeit und Freundschaft" getroffen "Wir bekamen Rat und Hilfe von so vielen Menschen. In der Deutschen Bank und im privaten Leben. Das tat gut. Vielen Dank dafür von mir, von uns."

So schlimm wie Falschgeld zu drucken

In der Tat versuchen Jain und seine Frau Geetika in Deutschland anzukommen. Sie haben eine Wohnung in Frankfurt gemietet - als zweites Domizil neben ihrem Haus im Londoner Westend. Und sie lernen beide fleißig Deutsch. Bei der Hauptversammlung sitzt Geetika Jain in der ersten Reihe, um die erste Rede ihres Mannes in der noch so fremden Sprache zu hören.

Bei den Aktionären kommt Jains Charmeoffensive gut an. Mehrmals wird er von Applaus unterbrochen. "Die deutsche Rede war ein guter Versuch", sagt hinterher ein älterer Aktionär am Buffett. Immerhin: ein Versuch.

Vertreter der großen Aktionärsvereinigungen sehen Jain immer noch kritisch. Es gebe immer noch eine "reservierte Skepsis", was den Glauben an die "Wandlung vom Saulus zum Paulus" angehe, sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die Skandale, die die Bank in den vergangenen Monaten erschüttert haben, seien "auch Geschäften zu verdanken, die unter Ihrer Leitung im Geschäftsbereich Investmentbanking getätigt wurden", sagte Nieding.

Jain war bis zum vergangenen Jahr Chef des Investmentbankings. In seinen damaligen Verantwortungsbereich fallen Skandale wie die Verwicklung der Deutschen Bank in die versuchte Manipulation von Referenzzinssätzen, die Nieding als "geradezu unsäglich" bezeichnet. Das sei in etwa so schlimm wie "Falschgeld zu drucken".

Auch Markus Kienle von der Schutzvereinigung der Kapitalanleger (SdK) überbrachte im Namen der Aktionäre vor allem Verärgerung über die ständigen Skandale. "Man stellt sich manchmal die Frage", sagte Kienle, "ob man hier an einer Bank beteiligt ist oder an einer kriminellen Vereinigung".

Viele Aktionäre wollen Fitschen behalten

Es sieht so aus, als würde es noch eine Weile dauern, bis die Bank ihren Ruf wieder einigermaßen hergestellt hat. Und die beiden Chefs sind sich dessen offenbar bewusst. "Man kann nicht einfach den Hebel umlegen", sagte Fitschen. "Ein Kulturwandel muss sich Schritt für Schritt entfalten und sich tief in der Bank festsetzen."

Die Frage ist nur: Wer garantiert, dass es den angekündigten Wandel tatsächlich geben wird? Am ehesten trauen Investoren und Geschäftspartner dies Fitschen zu. Doch dessen Vertrag läuft nur noch bis 2015, dann ist er 66 und könnte eigentlich in Rente gehen. Doch viele Aktionäre würden ihn gerne behalten. Sie schätzen Jain als Gewinnbringer, doch sie misstrauen offenbar seinen Absichten - und fordern deshalb, dass Fitschen seinen Vertrag noch einmal um zwei Jahre verlängert. In der Bank gilt diese Variante durchaus als möglich.

Für Jain hieße dies: Er müsste weiter warten, bis er die Bank alleine regieren kann. Auf der Hauptversammlung bedankte er sich bei den Aktionären gleich mehrmals für deren Geduld. Der Kulturwandel brauche Zeit, sagte Jain - und seine Deutschkenntnisse ebenso. Wie es scheint, braucht auch er selbst noch ein bisschen Geduld.