Deutsche-Bank-Chef Cryan Die harte englische Art

Bei seinem ersten Auftritt als Deutsche-Bank-Chef verkündet John Cryan harte Einschnitte: 9000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, die Dividende wird gestrichen. Der Brite will Kosten sparen und die Bank neu organisieren. Ob das reicht?
Deutsche-Bank-Chef Cryan: Die harte englische Art

Deutsche-Bank-Chef Cryan: Die harte englische Art

Foto: DANIEL ROLAND/ AFP

Die wichtigste Nachricht zuerst: Es gibt ihn wirklich. Knapp vier Monate ist John Cryan als Deutsche-Bank-Chef im Amt - knapp vier Monate war von ihm praktisch nichts zu sehen. Bis zu diesem Donnerstag.

Als Cryan das Podium betritt, steht er allein im Blitzlichtgewitter der Fotografen, die nach Bildern des neuen Chefs gieren. Offiziell hat Cryan noch einen Co-Chef, Jürgen Fitschen. Doch spätestens nach diesem Auftritt ist klar, wer hier in Zukunft das Sagen hat.

Cryan hat eine Botschaft dabei, die wehtut: Es wird erst mal schlechter, bevor es besser werden kann. "Wir haben beschlossen, dass wir 9000 Arbeitsplätze streichen werden", liest Cryan auf Deutsch vom Manuskript ab. 4000 davon sollen in Deutschland wegfallen. Das ist jede elfte Stelle. Bis Ende 2017 sollen 200 Filialen geschlossen werden.

Auch die Mitarbeiter, die bleiben, werden Abstriche machen müssen - vor allem bei den Bonuszahlungen. Es wäre "inakzeptabel", wenn die Beschäftigten die Lasten nicht mittragen würden, sagt Cryan. Wer genau auf wie viel Geld verzichten müsse, sei aber noch offen. Ebenso wie die Frage, wie die niedrigeren Boni den Vorstand treffen.

Doch nicht nur die Mitarbeiter, auch die Aktionäre sollen Opfer bringen. Für 2015 und 2016 wird es keine Ausschüttungen geben. Die Dividende wird gestrichen. Das gab es noch nie in der Geschichte der Deutschen Bank. Doch die Bank stand wohl auch noch nie so schlecht da wie heute.

Ein Skandal in Moskau macht neuen Ärger

Der Niedergang des einst wichtigsten und vielleicht auch angesehensten Unternehmens des Landes ist beispiellos. Ob windige Geschäfte mit US-Hypotheken, manipulierte Referenzzinssätze oder Umsatzsteuerbetrug mit CO2-Zertifikaten - es gab in den vergangenen Jahren kaum einen Skandal, in den die Deutsche Bank nicht verwickelt war. Immer wieder muss der Konzern neues Geld für Rechtsstreitigkeiten zurücklegen. Zwölf Milliarden Euro waren es allein seit 2012 - eine ungeheure Summe. Aktuell ist es ein Verdacht in Moskau, der Ärger macht: Russische Kunden sollen über die Deutsche Bank Rubel-Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben.

Es waren solche Skandale, die letztlich dafür sorgten, dass Cryans Vorgänger Anshu Jain die Bank im Frühsommer verlassen musste. Auf der einen Seite machte die Finanzaufsicht Druck, auf der anderen die Aktionäre, denn die hohen Strafzahlungen ließen die Gewinne der Bank regelmäßig dahinschmelzen.

Cryan will das Thema Rechtsstreitigkeiten bald loswerden. "Ich verspreche Ihnen, dass wir diese Angelegenheiten so schnell wie möglich bereinigen", sagt der 54-Jährige. Man werde "angemessene Konsequenzen ziehen. Das gilt über alle Hierarchiestufen hinweg."

Schon äußerlich hebt sich Cryan von seinen Vorgängern ab. Statt des klassischen nachtblauen Banker-Anzugs trägt er Grau. Dazu eine rote Krawatte, Halbglatze und einen britisch-blassen Teint - stünde Cryan in einer x-beliebigen Filiale hinter dem Schalter, fiele er wahrscheinlich kaum auf.

Von allem ein bisschen weniger

Für die Zukunft will Cryan die Bank organisatorisch neu aufstellen. Weniger komplex, mit klareren Zuständigkeiten, wer wofür verantwortlich ist. Genau daran haperte es in den vergangenen Jahren. Die Führung der Bank war in zig Ausschüssen organisiert, die Chefs wesentlicher Geschäftsbereiche wie des Investmentbankings saßen nicht einmal im Vorstand. Das schütze sie zum einen davor, dass ihre Gehälter öffentlich wurden. Zum anderen konnte auch die Finanzaufsicht sie nicht belangen.

Das soll nun anders werden. Jeder Geschäftsbereich wird im neuen Vorstand vertreten sein. Zudem werden dort auch zwei Frauen sitzen - ebenfalls ein Novum in der Konzerngeschichte.

Doch auch wenn es zunächst so klingt: Es ist keine Revolution, die Cryan da startet. Er ist kein Visionär, sondern ein Sanierer. Die Deutsche Bank habe kein Strategieproblem, sagt der neue Boss. Das Problem der vergangenen Jahre sei nur gewesen, dass die Strategie nicht richtig umgesetzt worden sei.

Das soll nun endlich geschehen. Die Geschäftsbereiche werden dazu zwar neu aufgeteilt, doch die Richtung ändert sich nicht. Im Prinzip macht die Bank weiter all das, was sie bisher gemacht hat. Nur von vielem ein bisschen weniger - und vor allem besser organisiert. So jedenfalls schwebt es Cryan vor.

Nicht nur im deutschen Privatkundengeschäft wird gekürzt. Aus zehn Ländern zieht sich die Bank sogar ganz zurück. Das betrifft vor allem Lateinamerika und Skandinavien. Auch im Investmentbanking soll es Einschnitte geben, doch die fallen längst nicht so stark aus wie bei einigen Konkurrenten. "Wir wollen weniger Risiken eingehen", sagt Cryan, doch auf welche Geschäfte er deshalb in Zukunft verzichten will, bleibt offen.

Warum die deutsche Öffentlichkeit glauben solle, dass nun alles besser werde, wo dies doch auch schon Cryans Vorgänger versprochen hätten, will ein Journalist bei der Pressekonferenz wissen. Die Antwort des neuen Chefs fällt ehrlich aus: "Ich denke, das ist keine Frage des Glaubens", sagt Cryan, "wir werden es Ihnen zeigen müssen."

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