Machtkampf um Filialen Showdown bei der Deutschen Bank

Die Deutsche Bank steht vor einem radikalen Umbau. Es geht auch um die Frage, wie lange es noch Filialen unter der Marke geben wird - und ob die Investmentbanker um Anshu Jain im Kulturkampf den Sieg davontragen.

Deutsche-Bank-Spitze Jain, Achleitner, Fitschen (v.l.): Radikaler Strategieschwenk
REUTERS

Deutsche-Bank-Spitze Jain, Achleitner, Fitschen (v.l.): Radikaler Strategieschwenk

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ausgerechnet in einem Kirchengebäude haben die Banker Zuflucht gefunden. Die Villa Elisabeth gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde am Weinberg in Berlin-Mitte und strahlt mit ihren stucküberzogenen Säulen und Bögen einen "morbiden Charme" aus, wie es Jürgen Fitschen formuliert. Ein Haus, das vom alten Glanz seiner Geschichte lebt - ganz so wie Fitschens Arbeitgeber, die Deutsche Bank.

Fitschen ist als Präsident des Bankenverbands hierhergekommen, es ist der traditionelle Frühjahrsempfang. Doch der Deutsche-Bank-Chef spricht die Themen an, die auch den Glanz seines Hauses zuletzt arg haben verblassen lassen. Das Ausmaß der Regulierung sei "für uns alle nicht vorhersehbar" gewesen, sagt Fitschen. Hinzu kämen die niedrigen Zinsen, die die Margen der Banken zusammenschmelzen lassen. Und dann seien da noch die "Belastungen der Vergangenheit", die nicht alle Häuser der Branche abgearbeitet hätten.

Das beschreibt in nüchternen Worten die Probleme der Deutschen Bank, die Fitschen und sein Co-Chef Anshu Jain einfach nicht in den Griff bekommen. Eigentlich waren die beiden Mitte 2012 angetreten, um das ehrwürdige Haus nach der Finanzkrise wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Doch statt besser wurde vieles schlimmer. Die Gewinne sind mau (siehe Grafik). Hohe Strafen aus den Finanzskandalen der Investmentbankingsparte fressen die Erträge auf. In den kommenden Wochen erwartet die Bank eine weitere Milliardenrechnung wegen ihrer Verwicklung in den Skandal um mutmaßliche Zinsmanipulationen.

SPIEGEL ONLINE
Von den Zielen, die sich das Führungsduo zum Amtsantritt gesetzt hatte, ist die Bank weit entfernt. Zudem tut sich das Geldhaus schwer, die steigenden Regulierungsanforderungen zu erfüllen. Im Verhältnis zum Geschäftsvolumen ist das Eigenkapital, auf das der Konzern im Krisenfall zurückgreifen kann, gefährlich klein.

Co-Chefs Fitschen (l.) und Jain: Selbstgesteckte Ziele verfehlt
DPA

Co-Chefs Fitschen (l.) und Jain: Selbstgesteckte Ziele verfehlt

Am 24. April soll die Entscheidung fallen

Die Situation ist so verfahren, dass die Bankspitze nun einen radikalen Kursschwenk vorbereitet: Um die Bilanz zu entlasten und die Rendite zu erhöhen, soll das Privatkundengeschäft entweder stark geschrumpft oder gleich ganz abgespalten werden. Das künftige Fundament sollen das Investmentbanking und die Vermögensverwaltung für reiche Kunden bilden.

Bis Ende nächster Woche soll die Entscheidung fallen. Für den 24. April hat Aufsichtsratschef Paul Achleitner eine außerordentliche Sitzung des Kontrollgremiums angesetzt. Bis dahin wird gestritten und intrigiert. Die gegenseitige Abneigung zwischen Investment- und Privatkundenbankern ist mittlerweile so groß wie wohl nie zuvor. Der Kampf zwischen beiden Fraktionen steuert auf den finalen Showdown zu. Und die Chancen für die Privatbanker stehen schlecht.

Zur Auswahl stehen zwei Modelle, die Strategievorstand Stefan Krause in Achleitners Auftrag in den vergangenen Wochen ausgearbeitet hat.

  • Das erste Modell sieht einen Verkauf der Postbank vor. Das Institut mit fast 14 Millionen Privatkunden hatte der damalige Konzernchef Josef Ackermann erst 2009 gekauft, um der riskanten und schwankungsanfälligen Investmentbank ein größeres Privatkundengeschäft als Stabilisator zur Seite zu stellen. Nun soll der Stabilisator wieder weg. Neben der Postbank würden in diesem Modell auch etliche der rund 740 Filialen der Deutschen Bank verschwinden. Von jedem dritten Standort ist die Rede. 5000 bis 6000 Arbeitsplätze könnten allein in Deutschland wegfallen, fürchten Arbeitnehmervertreter. "Das Modell wäre ein Desaster für die Privat- und Geschäftskundenbank", sagt einer ihrer Top-Manager. Da hilft es wenig, dass diese Variante auch Einschnitte beim Investmentbanking vorsieht.
  • Das zweite Modell ist noch radikaler: Es sieht die Abspaltung des kompletten Privatkundengeschäfts vor - inklusive Postbank. Die abgetrennte Sparte könnte in einigen Jahren an die Börse gebracht werden, die Deutsche Bank würde nur noch einen Minderheitsanteil behalten. Wie die ausgegliederte Bank heißen soll, ist offen. Gut möglich, dass der Name Deutsche Bank dabei irgendwann verschwinde, heißt es im Konzern. Die Kernbank hingegen würde sich ganz auf das Geschäft mit Firmen- und vermögenden Privatkunden konzentrieren - und dabei wohl auch den Großteil des riesigen Wertpapierhandels behalten.

In der Privatkundensparte kommt die ganze Diskussion extrem schlecht an. "Es wird jetzt so dargestellt, als wäre das Privatkundengeschäft das Problem - und wenn die Bank das erst mal los sei, werde alles gut", sagt ein Mitarbeiter. Dabei habe die Sparte doch immer einen ordentlichen Gewinn erwirtschaftet. Es seien die Verfehlungen der Investmentbanker in London und New York gewesen, die die Bank in den vergangenen Jahren so viel Geld gekostet hätten.

Investmentbanker Jain, Aufsichtsratschef Achleitner: "Heimliches Führungsduo"
DPA

Investmentbanker Jain, Aufsichtsratschef Achleitner: "Heimliches Führungsduo"

Doch gerade diese Herren des Geldes, die hohe Gehälter kassieren und in guten Zeiten auch hohe Gewinne einfahren, geben mittlerweile bei der Bank den Ton an. Co-Chef Jain und Aufsichtsratsboss Achleitner steuern den Konzern als "heimliches Führungsduo", wie ein Insider sagt. Beide kommen aus dem Investmentbanking. Jain führte vor seinem Aufstieg in die Vorstandsspitze das Kapitalmarktgeschäft der Deutschen Bank, Achleitner war jahrelang Deutschland-Chef bei Goldman Sachs. Um sich herum haben die beiden die Führungsgremien mit weiteren Investmentbankern besetzt. Erst kürzlich holte Achleitner den Goldman-Manager Marcus Schenck als neuen Finanzchef.

Viele Privatbanker wollen nur noch raus

Privatkundenchef Neske: In der Führungsriege isoliert
Getty Images

Privatkundenchef Neske: In der Führungsriege isoliert

Privatkundenchef Rainer Neske dagegen, der schon seit Jahren für einen Strategieschwenk weg von riskanten Geschäften wirbt, gilt in der Führungsriege der Bank als weitgehend isoliert. Co-Chef Fitschen, eigentlich als Vermittler im Kulturkampf an die Spitze geholt, kann die Balance kaum allein herstellen.

Zudem steht Fitschen von anderer Seite unter Druck: Ab 28. April, vier Tage nach der entscheidenden Aufsichtsratssitzung, muss er einmal wöchentlich vor Gericht erscheinen. Die Staatsanwaltschaft München wirft ihm und vier ehemaligen Deutsche-Bank-Vorständen Prozessbetrug vor. Sie sollen im Rechtsstreit mit dem inzwischen verstorbenen Medienunternehmer Leo Kirch wissentlich falsche Angaben gemacht haben.

Der Frust der Privatkundenbanker sitzt mittlerweile so tief, dass viele von ihnen nur noch raus wollen aus dem Konzern - und deshalb für die Abspaltungsvariante trommeln. "So würden wir auch endlich den Kulturkonflikt los", sagt ein Manager. "Die beiden Welten lassen sich einfach nicht zusammenführen."

Doch auch dieser Ausweg könnte den Privatbankern am Ende versperrt bleiben. Dem Vernehmen nach soll sich ausgerechnet Jain intern mittlerweile für den Erhalt der Bank als Ganzes einsetzen - ohne die Postbank und mit erheblich geschrumpftem Privatkundengeschäft. 2017 könnte Jain dann allein den Chefposten übernehmen. Fitschen wird dann 69 - und geht in Rente.

Zusammengefasst: Am 24. April will die Deutsche Bank über ihre künftige Strategie entscheiden: Verkauft sie nur die Postbank und schrumpft andere Geschäftsbereiche, oder spaltet sie das Privatkundengeschäft gleich ganz ab? Vor der Entscheidung tobt ein Machtkampf zwischen Investmentbankern und Vertretern des Privatkundengeschäfts.

insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Eduschu 16.04.2015
1.
Wo sind sie geblieben, die langfristig denkenden Manager? Es ist gerade mal eine Generation her, da wollte die Deutsche Bank schon einmal auf das Privatkundengeschäft verzichten. Und? Nach dem Desaster am Neuen Markt besann man sich flugs eines Besseren. Warum eigentlich - ist es vielleicht doch von Vorteil, als Bank auch so aufzutreten wie eine klassische Bank? Diversifizieren! Das rufen uns doch alle Bankberater zu. Ob das auch für eine Bank selbst gelten kann? Ich glaube schon.
franz.v.trotta 16.04.2015
2.
Verhandelt wird der Nachlass von Herrn Ackermann, also des Deutsch-Bankers, der von Frau Merkel geadelt wurde. Was für ein Desaster!
ixfueru 16.04.2015
3. Der sog. Kulturverfall
bei der DB ist nicht aufzuhalten - leider. Und das Privatkundengeschäft sollte schon einmal "an die Börse" gebracht werden - bis man merkte, dass es nicht so schlecht ist, wie die Investmentbanker glaubten. Naja, die Fußstapfen von Herrhausen und Ackermann sind für derzeitigen "Führungskräfte" einfach zu groß.
Icestorm 16.04.2015
4. Berg- und Talbahn
Als in der Finanzkrise des Investmentgeschäft zusammenbrach, wollte man wieder vermehrt ins Privatkundengeschäft. Nun gehts wieder andersrum.
ixfueru 16.04.2015
5. Ich teile Ihre
Zitat von EduschuWo sind sie geblieben, die langfristig denkenden Manager? Es ist gerade mal eine Generation her, da wollte die Deutsche Bank schon einmal auf das Privatkundengeschäft verzichten. Und? Nach dem Desaster am Neuen Markt besann man sich flugs eines Besseren. Warum eigentlich - ist es vielleicht doch von Vorteil, als Bank auch so aufzutreten wie eine klassische Bank? Diversifizieren! Das rufen uns doch alle Bankberater zu. Ob das auch für eine Bank selbst gelten kann? Ich glaube schon.
Annahme nicht. Wenn die Unternehmensführung den "Laden" so führt, dass sich die Mitarbeiter mit dem Unternehmen "identifizieren", kann das laufen. Aber das ist bei der DB schon seit längerer Zeit nicht mehr der Fall. Und der "Fisch fängt vom Kopf an zu stinken".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.