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02. Februar 2018, 14:45 Uhr

Halbe Milliarde Verlust bei der Deutschen Bank

"Ich fange an, den Job zu genießen"

Von , Frankfurt am Main

Die Deutsche Bank schreibt das dritte Jahr in Folge Verluste, die Aktie stürzt um mehr als sechs Prozent ab. Doch Konzernchef Cryan übt sich in Zweckoptimismus - und verteidigt die umstrittene Boni-Erhöhung.

John Cryan steht erst mal alleine auf der Bühne. Die Fotokameras klicken und blitzen, er lächelt gequält. Wie hilfesuchend schaut er nach oben auf das blaue Logo seines Arbeitgebers. Dem knorrigen Briten sind solche Termine im Rampenlicht ohnehin ein Graus. Doch bei der Deutschen Bank machen sie besonders wenig Spaß - und das seit Jahren.

Zum dritten Mal steht Cryan jetzt hier oben, um die Geschäftszahlen des Vorjahres zu verkünden. Zum dritten Mal ist es ein Verlust. Minus 6,8 Milliarden Euro für 2015, minus 1,4 Milliarden Euro für 2016 und nun minus 0,5 Milliarden Euro für 2017 - zusammen also mehr als 8,5 Milliarden Euro Verluste in drei Jahren. Ein Traumstart sieht anders aus.

Glaubt man Cryan und seinen Kollegen, dann ist es jedes Jahr etwas anderes, was der Bank das eigentlich so gute Geschäft verhagelt. Einmal waren es Abschreibungen auf zu teure Zukäufe der Vergangenheit, ein anderes Mal Strafzahlungen für windige Geschäfte - und nun ist es die US-Steuerreform von Donald Trump. Eigentlich soll die Reform die Unternehmen ja entlasten, doch bevor das wirken kann, müssen erst mal alte Steueransprüche auf frühere Verluste abgeschrieben werden - für die Deutsche Bank bedeutet das zumindest auf dem Papier eine Belastung von rund 1,4 Milliarden Euro.

Die Entwicklung im vierten Quartal war erschreckend

Doch wäre ohne diese eher technische Störung wirklich alles gut bei der Deutschen Bank? Eher nicht. Ohne die Auswirkungen der US-Steuerreform hätte die Bank zwar einen Gewinn gemacht - doch mit rund 900 Millionen Euro einen eher bescheidenen. Zum Vergleich: In ihren erfolgreichsten Jahren fuhr das größte Geldhaus des Landes einst Überschüsse von sechs Milliarden Euro ein. Und die größte US-Bank JP Morgan vermeldete 2017 gar ein Plus von rund 24 Milliarden Dollar.

Gerade die Entwicklung im vierten Quartal 2017 war bei der Deutschen Bank erschreckend. Die Erträge waren noch einmal deutlich schlechter als im Vorjahr. Im Handel mit Anleihen und Währungen gingen sie um 29 Prozent zurück, im Aktienhandel um 25 Prozent. Unter dem Strich stand so ein Verlust von gut 1,3 Milliarden Euro - vor Steuern, also auch ohne Effekte der Trumpschen Reform. Die Investoren reagierten schockiert: Der seit geraumer Zeit ohnehin schwache Aktienkurs brach am Freitagmorgen noch einmal um mehr als sechs Prozent ein.

Wie kann man einem solchen Ergebnis noch etwas Gutes abgewinnen? John Cryan muss es. "Wir haben aufgeräumt", sagt der Bankchef, "und wir sind auf dem richtigen Weg." Er sei vor zweieinhalb Jahren angetreten, um die Bank neu aufzustellen. "Unsere Reputation war am Boden", sagt er. Nun nehme das Geschäft mit den Kunden wieder Fahrt auf - und allmählich entstehe auch eine neue Kostenkultur. Deshalb soll es 2018 endlich wieder einen Gewinn geben. "Ich sehe ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2018 vor uns", sagt Cryan. Und es klingt ein bisschen nach Durchhalteparole.

Der größte Aktionär der Bank ist klamm

Die schlechten Geschäfte sind ja nicht der einzige Ärger, den Cryan am Hals hat. Hinter den Kulissen geht es auch um die Stabilität des größten Aktionärs: Der chinesische HNA-Konzern hatte die Bank einst mit einer milliardenschweren Kapitalspritze aus brenzliger Lage gerettet, doch nun steckt das Riesenkonglomerat offenbar selbst in Schwierigkeiten. HNA ist hochverschuldet und braucht offenbar dringend Geld. Laut Medienberichten fehlen kurzfristig mehr als zwei Milliarden Dollar - die Chinesen müssen wohl Beteiligungen verkaufen.

Und dann ist da noch das leidige Boni-Thema. Nachdem die Bank im vergangenen Jahr zum ersten Mal den gutverdienenden Mitarbeitern die Bonuszahlungen drastisch gekürzt hat, sollen sie nun wieder steigen - trotz der schlechten Geschäftszahlen. Aus der Politik gab es dafür schon reichlich Ärger. Das schade der Solidargemeinschaft, wetterte etwa SPD-Chef Martin Schulz in der "Bild"-Zeitung.

Doch Cryan bleibt dabei: "Wir haben versprochen, in unsere bestehenden Mitarbeiter zu investieren", sagt der Brite. "Es soll die Leute anspornen und motivieren." Kommendes Jahr sei eine ähnliche Boni-Höhe aber nur bei entsprechendem Geschäftserfolg zu rechtfertigen.

Wie viel Geld die Deutsche Bank dieses Jahr genau für Boni ausgeben will, ließ Cryan offen. Dem Vernehmen nach dürfte die Summe aber bei mehr als einer Milliarde Euro liegen. Zum Vergleich: Im kargen Vorjahr waren es nur 546 Millionen Euro, davor allerdings 2,4 Milliarden. So hoch wird man diesmal offenbar nicht mehr gehen.

Bleibt die Frage, was Cryan im nächsten Jahr an gleicher Stelle sagen wird - oder besser, ob er dann überhaupt noch da sein wird. Sein Vertrag läuft zwar noch bis 2020, doch angesichts der Misere der Bank rumort es bei einigen der großen Investoren gewaltig. Schon länger wird deshalb auf eine Ablösung des Bankchefs spekuliert.

Cryan selbst sagt, er wolle seinen Vertrag erfüllen - und übt sich in Optimismus. "Ich fange an, den Job zu genießen", sagt er. Es sei nicht immer so angenehm gewesen, "aber es ist jetzt viel besser geworden".

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