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23. Mai 2019, 08:52 Uhr

Paul Achleitner bei der Deutschen Bank

Gescheitert, versagt - und trotzdem im Amt

Ein Kommentar von

Paul Achleitner hat als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank so viele Fehler gemacht, dass ein würdevoller Abgang kaum mehr möglich ist. Bei der Hauptversammlung erwartet ihn zu Recht der Zorn der Aktionäre.

Eines muss man Paul Achleitner lassen: Der Mann hat unfassbares Stehvermögen. Seit 2012 ist er Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, und in dieser Zeit hat er sich derart viel Kritik anhören müssen, dass manch anderer womöglich depressiv geworden wäre. Oder zumindest zurückgetreten.

Auch auf der Hauptversammlung an diesem Donnerstag in Frankfurt wird er sich wieder harte Worte anhören müssen. Bislang hat er jeden Aktionärssturm abgewettert, rechtzeitig Vorstände gefeuert oder unbequeme Aufsichtsratsmitglieder eiskalt abservieren lassen, bevor es für ihn selbst zu eng wurde. Auch dieses Mal ist ein vorzeitiger Abgang des bis 2022 gewählten Ratschefs unwahrscheinlich, allem Getöse im Vorfeld zum Trotz.

Als Referenzgrößen für Achleitners Nehmerqualitäten müssen schon Legenden herhalten: Bruce Springsteen, der auch mit 70 noch schweißgebadet vierstündige Konzerte gibt. Muhammad Ali, der im "Rumble in the Jungle" so lange scheinbar ungerührt George Foremans betonharte Schläge einsteckte, bis der vor Erschöpfung orientierungslos durch den Ring taumelte. Oder Achleitners gerade verstorbener österreichischer Landsmann Niki Lauda. Den Schwerstverletzten scherte wenig, dass ihm ein eilig herbeigerufener Priester nach dem Brandunfall vom Nürburgring im Jahr 1976 die Letzte Ölung gab. An der Schwelle zum Tod drehte er einfach um, hüpfte zurück ins Cockpit und peitschte seinen Ferrari auf 300 Sachen hoch.

Achleitner mag ähnlich standfest sein wie diese Helden, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: In seinem Metier ist er nicht annähernd so erfolgreich. Und sein Stehvermögen beruht auch einzig auf der Fähigkeit, stoisch einfach immer weiterzumachen, obwohl seine Anhänger in der Bank und bei den Aktionären inzwischen allenfalls noch in einen Kleinbus passen.

Zu abhängig vom Investmentbanking

Mehr als 60 Prozent hat die Aktie der Deutschen Bank seit Achleitners Amtsantritt an Wert verloren. Unzählige Personal- und Strategiewechsel, die schlampige Aufarbeitung von Skandalen sowie das dumpfe Gefühl, dass der Konzern nie mehr zur Ruhe kommen wird: Das alles hat nicht nur, aber eben auch mit ihm zu tun.

Auch der erst seit einem Jahr amtierende Vorstandschef Christian Sewing steht zwar schon in der Kritik. Absägen werden ihn die Aktionäre aber nicht. Seine bislang allenfalls übersichtliche Bilanz ist in erster Linie Ausdruck der strategischen Ausweglosigkeit der Deutsche Bank. Das Geschäftsmodell des Konzerns hängt noch immer viel zu sehr vom riskanten, fehlerträchtigen, großvolumigen Wertpapierhandel ab, das die Bank einst groß und mittlerweile endgültig zum Sanierungsfall gemacht hat.

Achleitner setzt nach wie vor unbeirrt auf dieses Geschäft, viel mehr als Sewing, der längst auf Distanz zu ihm gegangen ist. Wer hineinhorcht in den Konzern, spürt das schnell. Sewing ist als Controller groß geworden, als strenger Wächter über die Zahlen, und er scheut Risiken. Deshalb war er auch von Beginn an gegen die inzwischen geplatzte Fusion mit der Commerzbank. Zu Recht - und anders als Achleitner.

Drei Möglichkeiten für Achleitner

Der Aufsichtsratschef ist noch immer ein Anhänger des Investmentbankings im großen Stil - und damit ein Mann von gestern. Die Summe an Fehlentscheidungen und Fehleinschätzungen hat ein Maß erreicht, das einen würdevollen Abgang kaum mehr möglich macht. Es gibt noch genau drei Möglichkeiten, wie die Ära Achleitner bei der Deutschen Bank enden könnte:

Die meisten Großaktionäre der Bank hat Achleitner selbst angeworben: von den Scheichs aus Katar über den chinesischen Mischkonzern HNA bis zum amerikanischen Finanzinvestor Cerberus. Eine ebenso schillernde wie heterogene Mischung - und genau das ist Achleitners Lebensversicherung. Spätestens 2017, als die Verlängerung seines Mandats um fünf Jahre anstand, hat die Bank die Chance verpasst, ihn halbwegs ehrenvoll zu verabschieden. Zu groß war die Uneinigkeit, zu klein angeblich die Auswahl potenzieller Nachfolger.

Diese Unfähigkeit, neue Wege zu gehen, dürfte Achleitner auch jetzt vorerst im Amt halten. Das ist nicht gut. Mit Blick auf die insgesamt desaströse Verfassung der Deutschen Bank ist es inzwischen allerdings beinahe auch schon wieder egal, wer den Konzern weiter in die Bedeutungslosigkeit geleitet.

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