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01. Oktober 2016, 11:25 Uhr

Bank in der Krise

Wem nützt die Deutsche Bank?

Eine Kolumne von

Hohe Gebühren, niedrige Zinsen, Kurssturz an der Börse: An der Deutschen Bank leiden viele - Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter. Einer bestimmten Personengruppe hingegen hat das Geldhaus viel Geld beschert.

Die Deutsche Bank ist nicht an der Spitze, nicht beim preiswertesten Girokonto, beim günstigsten Baukredit oder beim ertragreichsten Tagesgeldkonto. Nur bei der Größe ist sie vorn - sie ist die Bank mit der höchsten Bilanzsumme in Deutschland. Und natürlich bei den Sorgen, die sie ihren Kunden, Aktionären und inzwischen auch ihren Mitarbeitern macht.

Zuletzt wurde ich 2009 bei einem Familienfest auf die finanzielle Lage einer einzelnen Bank angesprochen. In den vergangenen Tagen geschah das beim Familienfest, von Bekannten auf der Straße und auch von Journalistenkollegen. Die Besorgten waren zumeist Aktionäre der Deutschen Bank. Knapp 90 Prozent des Kurswerts haben Langzeitaktionäre in den vergangenen zehn Jahren verloren.

Aktionär der Deutschen Bank zu sein ist keine sichere Bank mehr, eher ein finanzielles Desaster. 90 Prozent Verlust bei einem deutschen Musterkonzern - das kannte man bisher nur von der "Volksaktie" der Telekom. Nicht mal E.on und RWE sind derart eingebrochen.

Immerhin steigende Dividenden hat die Deutsche Bank von 2006 bis 2014 an ihre Aktionäre gezahlt. Allerdings insgesamt deutlich weniger, als sie ihren eigenen Top-Bankern an Boni aufs Gehaltskonto schaufelte.

Um mit einem Mythos aufzuräumen: Die besonders prekäre Lage der Deutschen Bank hat wenig mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank oder der hohen Zahl der Filialen und Mitarbeiter in Deutschland zu tun.

Es liegt auch nicht an den neuen gesetzlichen Regeln für den Umgang mit den Kunden, dass es der Bank schlecht geht, schlechter als der Konkurrenz. Vielmehr liegt es am Umgang der Bank mit ihren Kunden in der Zeit vor den neuen Regeln. Investmentbanker der Deutschen Bank sind systematisch - wie formuliere ich das - so hart am Wind gesegelt, dass ihnen die US-Justiz nun ein ums andere Mal auf die Pelle rückt. Schlichtweg deshalb, weil sie das Gesetz gebrochen haben. Die 14-Milliarden-Dollar-Forderung des US-Justizministeriums - wie hoch die tatsächliche Zahlung am Ende auch immer ausfallen wird - ist nur das große symbolische Ausrufezeichen einer ganzen Kette von Verfahren.

Wie konnte es dazu kommen?

Das verblichene Management um Anshu Jain und Jürgen Fitschen hatte in seiner Verzweiflung über die Vergangenheit recht. Es geht um kulturelle Fragen. Der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann reckte im Jahr 2004 die Finger zum Victory-Zeichen, als er vom Vorwurf der Untreue freigesprochen wurde, weil er seine Pflichten zwar verletzt hatte, aber eben gerade nicht so gravierend, dass dies für eine Verurteilung reichte.

Wenig später, zu Beginn der Finanzkrise 2007, erklärte Ackermann in einer deutschen Talkshow, dass Verbraucher in Deutschland selbstverständlich vor seinen cleveren Bankern geschützt seien, nicht aber die (vermeintliche) Bankkonkurrenz von der kleinen Düsseldorfer IKB, denn das seien Vollkaufleute.

Die Deutsche Bank profitierte von der Dummheit und dem Beinahe-Kollaps der IKB. Und der Steuerzahler - also wir - durfte über den Umweg der bundeseigenen KfW die IKB retten. Die Rede ist von acht Milliarden Euro, die bilanzwirksam versenkt wurden. Dann wurde die IKB für einen Apfel und ein Ei an eine texanische Heuschrecke mit dem schönen Namen Lone Star verscherbelt.

Wem nützt dieses Gebaren denn nun?

Gesellschaftlich verursacht solches Gebaren schweren Schaden. Nicht Leistung aus Leidenschaft, sondern Leistung, die Leiden schafft. Aber ein Unternehmen muss ja nicht am Gemeinwohl orientiert sein.

Hauptsache, werden viele sagen, die Bank nützt ihren Kunden, immerhin 13 Millionen in Europa, auch ohne die Postbank. Es fragt sich nur: welchen davon?

Den Kreditnehmern wohl nicht. Die Deutsche Bank ist auch in der Vergangenheit nicht durch besonders günstige Kredite bekannt geworden.

Den Kleinanlegern auch nicht. Mehr als hundert Milliarden Euro an tagesfälligem Geld, also Geld, dass man sofort abheben könnte, liegen auf Konten der Deutschen Bank - praktisch ohne Zinsen abzuwerfen, ganz im Gegensatz zu Konkurrenten wie zum Beispiel der ING DiBa.

Von den Aktionären war schon die Rede. Einzig die Fondsanleger bei den Töchtern DWS und dbxtrackers haben im vergangenen Jahrzehnt überdurchschnittliche Leistungen gesehen und auch auf ihren Depotauszügen dokumentiert bekommen. Mit der Marke Maxblue schaffte es die Deutsche Bank, ein konkurrenzfähiges Wertpapierdepot auf den Markt zu bringen.

Von den fähigen Fondsmanagern profitieren auch die Riester-Kunden der Deutschen Bank, die es bis zum Riester-Fondsparplan schafften. Die meisten Deutsche-Bank-Kunden auf der Suche nach einem Riester-Vertrag wurden allerdings zuvor in den Filialen abgefangen und ihre Altersvorsorge in provisionsträchtigere Riester-Rentenversicherungen des konzerneigenen Versicherers Zurich umgeleitet, wie Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen immer wieder zu Recht öffentlich kritisierte.

Was folgt daraus?

Auch in den kommenden Monaten wird es keinen Spaß machen, Aktionär, Mitarbeiter oder Kunde der Deutschen Bank zu sein.

Am bittersten ist es für die Mitarbeiter, denn die können nicht einfach wechseln. Vielleicht lohnt es für Gewerkschaft und Betriebsrat, doch einmal zu fragen, wo eigentlich die Milliarden geblieben sind. Die Aktionäre haben sie definitiv nicht.

24,4 Milliarden Euro hat die Deutsche Bank allein von 2009 bis 2015 ihren (vor allem leitenden) Mitarbeitern an Boni gezahlt. Für die exzessiven Jahre 2006 bis 2008, als einzelne Banker 80 Millionen Euro Bonus erhielten, nennt die Bank auf Anfrage keine Zahlen. An Dividenden jedenfalls hat die Bank im gesamten Zeitraum von 2006 bis 2015 knapp 5,2 Milliarden Euro an ihre Aktionäre ausgeschüttet.

Leicht zu sehen, wo das Geld geblieben ist.

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