Neuer Deutsche-Bank-Chef Sewing Der Privat-Mann

Die Deutsche Bank tauscht ihren Chef aus. Mit Christian Sewing steht zum ersten Mal seit 16 Jahren kein Investmentbanker an der Spitze des größten deutschen Geldhauses. Kann er den angeschlagenen Finanzkonzern retten?
Christian Sewing

Christian Sewing

Foto: Susann Prautsch/ dpa

Bielefeld, sagen manche Menschen, gebe es gar nicht. Die Stadt in Ostwestfalen taugt seit jeher vor allem als Synonym für Provinzialität. In der großen Welt der Investmentbanker ist auch Christian Sewing eine Art Bielefeld. 1989 hat er in der dortigen Deutsche-Bank-Filiale als Lehrling angefangen. Nun, fast 30 Jahre später, rückt er an die Vorstandsspitze. Der bisherige Vorstandsboss, der Brite John Cryan, scheidet aus, auch Sewings bisheriger Mit-Vize Marcus Schenck wird die Bank verlassen.

Diese Entscheidung traf der Aufsichtsrat der Bank am Sonntagabend in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz. Es ist der vorläufige Höhepunkt des seit Monaten andauernden Deutsche-Bank-Dramas.

Scheidender Bankchef Cryan (l.), Aufsichtsratsboss Achleitner

Scheidender Bankchef Cryan (l.), Aufsichtsratsboss Achleitner

Foto: Boris Roessler/ dpa

Mit Sewing rückt ein Managertyp an die Spitze, der sich von allen bisherigen Deutsche-Bank-Chefs unterscheidet. Bis vor wenigen Jahren regierten vor allem abgehobene und oft selbstverliebte Sonnenkönige wie Josef Ackermann oder Rolf Breuer den Finanzkonzern. Auch der indischstämmige Brite Anshu Jain lässt sich in diese Kategorie einordnen. Ihm folgte mit Cryan ein knorriger und extrem nüchterner Zahlenmensch, der nichts mehr hasste als öffentliche Auftritte.

Sewing dagegen ist beides: Bodenständig, schon durch seine Herkunft, aber zugleich freundlich und offen. Der 47-Jährige plaudert gerne über Fußball (besonders über den FC Bayern) und wirkt mit seinem ewigen Jungengesicht wie der perfekte Schwiegersohn.

Aber ist er auch der perfekte Chef für die Deutsche Bank? Seine Berufung kommt zumindest überraschend. Zwar hatte Aufsichtsratschef Paul Achleitner Sewing und Schenck bereits vor gut einem Jahr zu gemeinsamen Vizechefs ernannt - und ihnen damit so etwas wie die Kronprinzenrolle zugespielt. Doch erstens galt von den beiden immer Schenck als der ehrgeizigere und aussichtsreichere. Und zweitens hatte sich Achleitner zuletzt doch sehr intensiv nach geeigneten Kandidaten von außen umgesehen, um den in Ungnade gefallenen Vorstandschef Cryan zu ersetzen.

Aufstieg und Fall der Bank begleitet

Als erste Wahl kann Sewing sich also nicht fühlen. Und doch könnte er womöglich für einen Neuanfang in der Bank stehen. Denn zum ersten Mal seit dem Ende der Ära Rolf Breuer im Jahr 2002 steht an der Spitze des größten Geldhauses kein Investmentbanker - also kein Vertreter jener Sparte, deren Handelsgeschäfte die Bank seit den Neunzigerjahren so stark aufgeblasen und ihr seit der Finanzkrise so hohe Verluste eingebrockt haben. Ackermann war ein Investmentbanker, sein Nachfolger Jain auch. Sie standen für den Anspruch der Bank, im großen internationalen Geschäft ganz oben mitmischen zu können. Cryan sollte die Trümmer dieser Strategie aufräumen. Es ist ihm nur zum Teil geglückt.

Als Sewing 1989 bei der Deutschen Bank anfing, leitete der damalige Bankchef Alfred Herrhausen den Einstieg ins Investmentbanking ein (mehr zur verhängnisvollen Geschichte der Bank lesen Sie hier). Sewing hat die ganze Entwicklung also mitgemacht. Er hat für die Bank in Singapur, Tokio und London gearbeitet. Lange Zeit im Risk Management, also jener Abteilung, die auch den Investmentbankern auf die Finger schauen und deren riskante Geschäfte absichern sollte.

Die Voraussetzungen sind schlecht

2015 stieg Sewing schließlich in den Vorstand auf und übernahm dort die Zuständigkeit für das Privat- und Firmengeschäft. Keine leichte Aufgabe, weil sie vor allem darin bestand, Stellen abzubauen und Filialen zu schließen. Zugleich sollte Sewing die im Konzern immer etwas ungeliebte Tochter Postbank integrieren - auch das ein Job, der mit großem Stellenabbau enden dürfte.

Bei den Arbeitnehmervertretern ist Sewing dennoch beliebt. Auch, weil er mit Bedacht vorgeht. Den internationalen Investoren ist dieses Tempo oft nicht schnell genug. Sie verstehen zum Beispiel nicht, warum die Postbank-Integration sich so lange hinzögert.

Sewings neue Aufgabe wird es sein, den Mitarbeitern und Investoren endlich wieder so etwas wie Aufbruchstimmung zu vermitteln - eine Idee davon, was die Deutsche Bank sein will. Er kann das leidenschaftlicher vermitteln, als man es von einem Ostwestfalen vermutet. Schon am frühen Montagmorgen wandte er sich in einem offenen Brief an die Mitarbeiter und forderte, die Bank müsse ihre "Jägermentalität" zurückgewinnen.

Doch die Voraussetzungen für eine Wende sind nicht gerade günstig. Nach drei Verlustjahren in Folge ist sowohl die Moral der Mitarbeiter als auch das Vertrauen der Investoren am Boden. Der Aktienkurs sinkt seinem Rekordtief entgegen und vor allem die Investmentbanker im Konzern dürften Sewing skeptisch bis feindselig begegnen.

Unter solchen Umständen ist es vielleicht ganz gut, erst einmal unterschätzt zu werden. Wie Bielefeld.

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