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01. Juni 2018, 16:22 Uhr

Doppelschlag aus den USA

Wie schlecht geht es der Deutschen Bank wirklich?

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Die Deutsche Bank wird von Turbulenzen erschüttert. Wie steht es um das größte deutsche Geldhaus? Und warum kommen die schlimmen Nachrichten so oft aus den USA?

Der Zeitpunkt passte mal wieder genau: Gerade hatte die italienische Regierungskrise Europas Banken getroffen und die Aktie der Deutschen Bank in Richtung ihres historischen Tiefstands getrieben, als die nächste Hiobsbotschaft die Finanzmärkte erreichte: Die US-Sparte des größten deutschen Geldhauses werde von wichtigen amerikanischen Regulierungsbehörden als Problemfall eingestuft, titelten am Donnerstag fast zeitgleich das "Wall Street Journal" und die "Financial Times" auf ihren Internetseiten.

Die Reaktion der Börse ließ nicht lange auf sich warten. Die Deutsche-Bank-Aktie stürzte bis zum Handelsschluss um mehr als sieben Prozent auf den tiefsten Stand seit Anfang der Achtzigerjahre. Schlechter, so schien es, kann es kaum mehr laufen.

Doch es kam es noch schlimmer: Am Freitag legte die in New York ansässige Ratingagentur Standard & Poor's nach: Sie senkte die Bonitätsbewertung der Bank um eine Note - von A- auf BBB+, was einer mittelmäßigen Kreditwürdigkeit entspricht.

Der Doppelschlag aus den USA trifft die ohnehin angeschlagene Bank offensichtlich hart. Eilig versuchte der Konzern am Freitag, die Lage zu beruhigen. Der neue Vorstandschef Christian Sewing wandte sich in einem offenen Brief an Mitarbeiter und Öffentlichkeit, um zu versichern, dass die Bank stabil und die Aufregung übertrieben sei.

Unterstützung vom chinesischen Großaktionär

Auch der chinesische Großaktionär HNA sah sich offenbar genötigt, der Bank zur Seite zu springen: Das Konsortium glaube "an den langfristigen Erfolg der Deutschen Bank und freut sich darauf, gemeinsam mit dem Vorstand und dem Management-Team an diesem Ziel zu arbeiten", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen HNA-Sprecher. Das alles klingt ein bisschen nach dem Pfeifen im Walde. Zumal HNA selbst finanziell nicht gerade rosig da steht und erst kürzlich seine Beteiligung an der Bank von 10 auf 7,9 Prozent heruntergefahren hat.

Wie schlimm ist also die Lage der Deutschen Bank?

Dass die Stimmung in den Frankfurter Zwillingstürmen nach drei Verlustjahren in Folge schlecht ist, ist kein Geheimnis. Wie ernst die Lage wirklich ist, wissen aber wohl nur die Top-Manager und Aufsichtsbehörden. Die nackten Zahlen, die Sewing am Freitag noch einmal in seinem offenen Brief nannte, klingen jedenfalls nicht so, als gehe es der Deutschen Bank schon an die Existenz:

Auch die Aufsichtsbehörden lassen durchblicken, dass die Bank mit diesen Werten zumindest ordentlich aufgestellt sei.

Das Problem der Bank ist eher, dass ihr seit Jahren ein schlüssiges Konzept fehlt, um wieder ordentlich Geld zu verdienen. Der seit Anfang April amtierende neue Konzernchef Sewing hat zwar wieder einmal Besserung in Aussicht gestellt. Doch das haben die Deutsche-Bank-Aktionäre in den vergangenen Jahren schon zu häufig gehört. Auch die Ratingagentur Standard & Poor's begründet ihre jüngste Herabstufung mit Zweifeln daran, ob die von Sewing auf den Weg gebrachte Strategie auch entsprechend umgesetzt werde.

Verschwörung gegen die Deutsche Bank?

Die zweite Frage, die sich angesichts der jüngsten Turbulenzen stellt, ist folgende: Warum kommen die Rückschläge für die Deutsche Bank so oft aus den USA?

Dass die US-Aufsichts- und Justizbehörden mit großen Banken nicht gerade zimperlich umgehen, ist bekannt. Doch die Deutsche Bank, die sich einst als einzige ernstzunehmende Konkurrenz zu den US-Investmentbanken auf deren Heimatmarkt etablierte, trifft es regelmäßig besonders hart. Und immer wieder sickern Negativmeldungen vorab über die angelsächsische Presse durch.

Besonders deutlich wurde dies im September 2016, als das "Wall Street Journal" über eine Forderung des US-Justizministeriums gegen die Deutsche Bank berichtete, die eigentlich nie hätte öffentlich werden sollen. 14 Milliarden Dollar solle der Frankfurter Konzern zahlen, um einen Rechtsstreit über dubiose Hypothekenpapiere aus Zeiten der Finanzkrise beizulegen.

Schnell war damals klar, dass eine solch hohe Strafe die finanziellen Kapazitäten der Bank überfordern würde. Die Investoren reagierten teilweise panisch. Und der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) musste der Bank verbal beistehen. Am Ende kam eine Strafe von insgesamt 7,2 Milliarden Dollar heraus - nur halb so viel wie die Ursprungsforderung. Aber im Vergleich zu den US-Konkurrenten, die deutlich mehr der umstrittenen Hypothekenpapiere ausgegeben hatten, immer noch eine ungewöhnlich hohe Summe.

Raus aus den USA

Spätestens seit dieser Episode sieht man sich in der Frankfurter Konzernzentrale von den Amerikanern zu hart behandelt - ein Eindruck, der sich angesichts der jüngsten Entwicklungen kaum verflüchtigt haben dürfte.

Und, bei allen hausgemachten Fehlern der Bank, es fällt auch anderen Finanzprofis schwer, dem zu widersprechen. "Es ist schon eigenartig", sagt etwa Stefan Müller, Chef der Frankfurter Investmentfirma DGWA, der die Bank sonst oft hart kritisiert. "Der Gedanke liegt nah, dass die Deutsche Bank aus dem amerikanischen Markt herausgedrängt werden soll."

Und tatsächlich könnte die Deutsche Bank bald weitestgehend aus dem amerikanischen Markt verschwinden. Kurz nach seinem Amtsantritt im April hat Vorstandschef Sewing jedenfalls den Rückzug aus bestimmten Teilbereichen angekündigt. So soll etwa das Geschäft mit Zinsprodukten in den USA deutlich verkleinert werden, auch der Aktienhandel und die Geschäfte mit Hedgefonds werden laut Sewing zurückgefahren.

All das dürften bereits Reaktionen auf den Druck der US-Behörden sein. So hat die US-Notenbank Fed das deutsche Geldhaus allein im vergangenen Jahr vier Mal mit Vollzugsanweisungen ("Enforcement Actions") und Strafen von rund 200 Millionen Dollar belegt. Dabei ging es unter anderem darum, dass die Deutsche Bank ihren Handel nicht ausreichend beaufsichtige und nicht genügend unternehme, um fragwürdige Geschäfte aufzudecken. In den beiden Jahren zuvor, also 2015 und 2016, war die US-Sparte der Bank zudem beim amerikanischen Stresstest durchgefallen.

Vor diesem Hintergrund kann man den Teilrückzug aus den USA durchaus als Kapitulation verstehen.

Für Bankchef Sewing ist das alles kein Grund, "den Kopf hängen zu lassen", wie er in seinem Brief an die Mitarbeiter schreibt. "Ja, der Aktienkurs notiert auf einem historischen Tief. Aber wir werden beweisen, dass wir eine andere Bewertung an den Finanzmärkten verdient haben."

Ein bisschen scheint die Beschwörung schon geholfen zu haben: Am Freitag stieg der Aktienkurs der Bank um 2,6 Prozent.

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