Radikalumbau der Deutschen Bank Alles auf Jain

Die Deutsche Bank trennt sich von der Postbank - und damit von rund 14 Millionen Privatkunden. Es ist auch eine Entscheidung für ihren Co-Chef Anshu Jain. Die Bank begibt sich in seine Hände - und damit in ein großes Risiko.

Deutsche-Bank-Co-Chef Jain
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Deutsche-Bank-Co-Chef Jain

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Der Richtungskampf in der Deutschen Bank ist entschieden. Einstimmig ist der Aufsichtsrat am Freitag dem Vorschlag des Vorstands gefolgt, die Mehrheit an der Postbank zu verkaufen. Viel mehr Details gibt es noch nicht - aber dem Vernehmen nach wird dies nicht der einzige Einschnitt in das klassische Privatkundengeschäft sein. Zuletzt hieß es, in Deutschland könnte jede dritte der rund 730 Deutsche-Bank-Filialen wegfallen. Ob es wirklich so schlimm kommt, ist noch offen. Doch hart wird es allemal. Auch Auslandstöchter dürften von der Schrumpfkur betroffen sein.

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Heft 18/2015
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Damit ist klar, wer sich im internen Machtkampf durchgesetzt hat und in welche Richtung die Bank künftig gehen wird: Sie wird noch mehr als bisher vom Investmentbanking abhängig sein, jener Sparte, die der Bank bis zur Finanzkrise gigantische Gewinne beschert hat - und seitdem vor allem Ärger und Verluste. Erst am Donnerstag hatten amerikanische und britische Aufsichtsbehörden eine Rekordstrafe von 2,3 Milliarden Euro verhängt, weil Händler der Bank maßgeblich in den Skandal um manipulierte Zinssätze verwickelt waren. Das ist in etwa so viel, wie die Bank in den vergangenen zwei Jahren verdient hat - auch damals verhagelten ihr die Skandale der Vergangenheit die Bilanz.

Zwar hat die Bank nun verkündet, sie wolle auch im Investmentbanking sparen, indem sie unrentables Geschäft abstößt. Doch im Vergleich zu den Einschnitten im Privatkundengeschäft dürfte der Abbau vergleichsweise gering ausfallen. In der Summe wird sich die Statik der Bank verschieben - und zwar in Richtung des Kapitalmarkt- und Großkundengeschäfts.

Die Entscheidung ist mit großen Risiken behaftet

Damit begibt sich die Bank ganz in die Hände ihres Co-Chefs Anshu Jain. Der langjährige Kopf der Investmentbanking-Sparte verfolgt das Ziel, die Deutsche Bank in diesem Bereich zum führenden Geldhaus in Europa zu machen. Konkurrenten wie die Schweizer UBS oder die britische Barclays ziehen sich schrittweise aus dem Markt zurück, weil er hohe Risiken birgt und aufgrund der verschärften Regulierungsvorschriften deutlich geringere Renditechancen als vor der Finanzkrise.

Genau in diese Lücke will Jain stoßen. Der Kuchen, den es im Investmentbanking zu verteilen gibt, wird zwar kleiner, aber der Anteil der Deutschen Bank daran soll größer werden. So der Plan.

Um das zu erreichen, entwickelt sich die Bank zurück zu der Form, die sie vor der Finanzkrise hatte - und die der ehemalige Konzernchef Josef Ackermann durch den Kauf der Postbank ab 2008 eigentlich besser ausbalancieren wollte. Mehr stabiles Geschäft hieß damals die Devise. Und tatsächlich haben die Privat- und kleinen Firmenkunden der Bank in den vergangenen Jahren stetige Gewinne beschert - die den Ansprüchen von Jain und vielen Investoren aber leider nicht genügten.

Nun hat sich Jain durchgesetzt gegen die Mahner in der Privatkundenbank. Vielleicht wird er recht behalten und das Investmentbanking zu neuer Blüte führen. Doch die Entscheidung ist mit mindestens zwei großen Risiken behaftet: Sie hängt zum einen davon ab, dass sich im Investmentbanking wirklich wieder langfristig Geld verdienen lässt, ohne dabei Skandale zu generieren und dafür in regelmäßigen Abständen teure Strafen zu bezahlen.

Das zweite Risiko ist Jain selbst. Als langjähriger Chef des Investmentbankings ist er für die meisten Skandale der Bank zumindest politisch mitverantwortlich. Ob er direkt darin verwickelt war oder zumindest vom Fehlverhalten seiner Mitarbeiter wusste, ist noch nicht abschließend geklärt. Und wenn man den Aufsichtsbehörden glauben kann, dann zeigt die Deutsche Bank auch nur geringen Elan, bei der Aufarbeitung der Vergangenheit mitzuwirken.

Solange sich dieses Bild nicht ändert, wird Jain immer ein Chef unter misstrauischer Beobachtung bleiben. Und der von ihm und seinem Co-Chef Jürgen Fitschen ausgerufene Kulturwandel nicht mehr als eine Worthülse.

insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
soalso 25.04.2015
1.
was ich nicht verstehe ist, warum seit amtsantritt die gesammelte presse auf jain draufhaut. darf es nicht sein, dass ein nicht-deutscher die deutsche bank leitet? hat man damit ein problem? denn fachlich hat jain sich nichts zu schulden kommen lassen. er ist der richtige mann an der richtigen position.
Denalos 25.04.2015
2. Wann kommt der große Crash
Irgend etwas stimmt doch da nicht ... ist nur ein Gefühl, aber irgendwann wird das System der DB zusammenbrechen und dann von irgend jemandem (dem Steuerzahler) gerettet werden müssen (oder auch nicht). Was bedeutet eigentlich Systemrelevanz? Systemrevelanz bedeutet eigentlich doch auch eine entsprechende Verantwortung auf allen Seiten, das sehe ich jedoch nicht.
boardinggoofy 25.04.2015
3. Ich liebe die Deutsche Bank
Die Deutsche Bank hat alles richtig gemacht. Zuerst nimmt sie die Millardengeschenke des Deutschen Staates und der deutschen Steuerzahler, naja nicht wirklich dankbar an und sagt jetzt den einfachen Sparern und damit den meisten Steuerzahlern was sie von ihnen hält und befreit sich von diesem Ballast. Ein wahres VaBanque-Spiel. Nach so harmonischer Zusammenarbeit, könnte die Deutsche Bank doch ein attraktiver zukünftiger Arbeitgeber für Frau Merkel sein - das ist natürlich reine Spekulation.
gersois 25.04.2015
4.
Und wann wird die Bank in German Bank PLC umgetauft und zieht nach London um?
polltroll 25.04.2015
5. endlich Klarheit!
Das ist doch hervorragend! Damit ist diese Bank endlich offiziell Zockerbude und Glücks Casino. Somit also ein reines Wirtschaftsunternehmen und nicht mehr system relevant. Braucht also beim nächsten Cashs, nicht gerettet zu werden. Außer Muttis Alternativlosigkeit schlägt wieder zu...
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