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01. Februar 2017, 17:59 Uhr

Geldhaus in der Sinnkrise

Wofür gibt es eigentlich die Deutsche Bank?

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Immerhin: Auf der Intensivstation liegt die Deutsche Bank nicht mehr. Doch das Finanzinstitut steckt in einer tiefen Identitätskrise. Es scheint nicht zu wissen, wie es künftig Geld verdienen soll.

John Cryan ist nicht gerade das, was man einen Charismatiker nennt. Blass, immer etwas missmutig dreinblickend, und eher ein Freund der Zahlen als der Worte. Termine wie die Jahrespressekonferenz sind dem Chef der Deutschen Bank ein Graus. Trotzdem wird er an diesem Donnerstag den Optimisten geben müssen - auch wenn ihm das ziemlich schwerfallen dürfte.

2016 war ein Horrorjahr für die Deutsche Bank. Der Aktienkurs rauschte Ende September auf den tiefsten Stand der Geschichte. Und an den Finanzmärkten wetteten Investoren in großem Stil auf die Pleite des traditionsreichen Geldhauses.

Verglichen damit sieht die Lage im Februar 2017 geradezu rosig aus. Von der Pleite redet niemand mehr. Der Aktienkurs hat sich seit seinem Tiefststand fast wieder verdoppelt. Und der Verlust, den Cryan nach Schätzungen der Analysten an diesem Donnerstag präsentieren wird, fällt zumindest nicht mehr so dramatisch aus, wie das Minus von 6,8 Milliarden Euro im Jahr zuvor.

Immerhin: Die Deutsche Bank hat aufgeräumt.

Milliardenzahlungen für Skandale, das zweite Verlustjahr in Folge und ein Aktienkurs auf dem Niveau von 1993 - so klingen im Moment die guten Nachrichten von der Deutschen Bank. Klar, dass es da nicht leichtfällt, große Aufbruchstimmung zu verbreiten. Das eigentliche Problem aber ist nicht mehr die Vergangenheit und auch nicht die trübe Gegenwart. Das Problem ist die Zukunft.

Fast 150 Jahre nach ihrer Gründung muss die Deutsche Bank die Frage beantworten, warum es sie eigentlich gibt. Für welche Art des Bankgeschäfts steht sie? Und wie will sie damit wieder Geld verdienen?

Lange Zeit war die Rolle der Deutschen Bank klar: Sie war der Mittelpunkt der heimischen Wirtschaft, hielt große Beteiligungen an den wichtigen Industrie- und Finanzkonzernen. Bei ihr liefen die Fäden zusammen. Ihre Chefs von Hermann Josef Abs und Friedrich Wilhelm Christians bis Alfred Herrhausen waren zugleich auch so etwas wie die Klassensprecher der deutschen Wirtschaft. Selbst internationale Abkommen verhandelten sie mit. Wer als Privatkunde ein Konto bei der Bank besaß, konnte stolz sein.

Später änderte sich die Rolle der Bank: Die Deutschland-AG hat sich entflochten und die Chefs in Frankfurt wollten da mitmischen, wo das richtig große Geld gemacht wurde - im Investmentbanking an der New Yorker Wall Street und in der Londoner City. (Mehr zum Aufstieg und Fall der Deutschen Bank lesen Sie hier.)

Die Bank sucht nach ihrem Kurs

Dieser folgenschwere Ausflug kam die Bank nach der Finanzkrise 2007 und 2008 teuer zu stehen. Mehr als 15 Milliarden Euro hat sie seitdem allein für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten ausgegeben - hinzu kamen Milliardenverluste aus riskanten Zockergeschäften.

Seither sucht die Bank ihren Kurs - und hat ihn bis heute offensichtlich nicht gefunden. Unter Vorstandschef Anshu Jain setzte sie viel zu lange darauf, dass die Erfolge im Investmentbanking schon zurückkommen würden. Erst 2015 reagierte Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Er schmiss Jain raus und setzte stattdessen Cryan auf den Chefposten.

Offiziell gilt jedoch immer noch die Strategie, die Jain im April 2015 - kurz vor seinem Abgang - vorgelegt hat. Cryan selbst setzt neben dem Aufarbeiten von alten Skandalen vor allem aufs Sparen. Alles darüber hinaus bleibt unklar. "Die Deutsche Bank ist von der Intensivstation runter", sagt ein Investorenvertreter. "Aber ein Umschwung von innen ist noch nicht zu erkennen."

Nach allem, was man herauslesen kann, scheinen Cryan und seine Vorstandskollegen um die deutschen Top-Manager Marcus Schenck und Christian Sewing die Bank zumindest deutlich stärker auf Firmenkunden ausrichten zu wollen. Das klassische Handelsgeschäft aus dem Investmentbanking sehen sie dagegen eher als verzichtbar an.

Doch nicht alle, die bei der Deutschen Bank etwas zu sagen haben, denken so. Aufsichtsratschef Achleitner etwa fällt der Abschied vom Traum der globalen Investmentbank offensichtlich immer noch schwer. Und auch die katarische Herrscherfamilie Al-Thani, mit einem Anteil von rund zehn Prozent der größte Aktionär der Konzerns, sähe die Bank lieber wieder in einer Reihe mit den großen Wall-Street-Häusern.

Was wird aus der Postbank?

Zudem muss die Bank entscheiden, was aus ihren wichtigen Sparten werden soll. Die Postbank etwa, ein unglücklicher Einkauf aus der Ära des Ex-Vorstandschefs Josef Ackermann, steht eigentlich schon seit fast zwei Jahren zum Verkauf. Doch losgeworden ist der Vorstand sie nicht - weshalb man nun wieder darüber nachdenkt, die Tochter vielleicht doch ganz in den Konzern zu integrieren.

Und dann wäre da noch die Vermögensverwaltungssparte Deutsche Asset Management, die weltweit mehr als 700 Milliarden Euro Vermögen in Fonds und anderen Finanzprodukten verwaltet. Sie könnte zumindest teilweise an die Börse gebracht werden, so eine Überlegung. Mit den Einnahmen ließe sich das dünne Kapitalpolster der Bank etwas aufbessern. Allerdings würde der Konzern sich damit auch einer strategischen Chance berauben. Die Vermögensverwaltung gilt schließlich als Perle im insgesamt wenig glänzenden Portfolio der Deutschen Bank.

"Die grundsätzliche Frage lautet: Wo will die Bank hin?", sagt Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment. Bevor das nicht geklärt sei, würden Investoren der Bank auch kein frisches Geld geben.

Die Deutsche Bank wird in den kommenden Monaten Antworten geben müssen, wenn sie nicht wieder in eine Situation wie im vergangenen Jahr rutschen will. Ob John Cryan diese Antworten schon an diesem Donnerstag liefern kann, ist fraglich. Zumindest ein bisschen Zuversicht würden sich die Aktionäre aber sicher wünschen.

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