Geldhaus in der Sinnkrise Wofür gibt es eigentlich die Deutsche Bank?

Immerhin: Auf der Intensivstation liegt die Deutsche Bank nicht mehr. Doch das Finanzinstitut steckt in einer tiefen Identitätskrise. Es scheint nicht zu wissen, wie es künftig Geld verdienen soll.

Deutsche-Bank-Chef John Cryan
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Deutsche-Bank-Chef John Cryan

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John Cryan ist nicht gerade das, was man einen Charismatiker nennt. Blass, immer etwas missmutig dreinblickend, und eher ein Freund der Zahlen als der Worte. Termine wie die Jahrespressekonferenz sind dem Chef der Deutschen Bank ein Graus. Trotzdem wird er an diesem Donnerstag den Optimisten geben müssen - auch wenn ihm das ziemlich schwerfallen dürfte.

2016 war ein Horrorjahr für die Deutsche Bank. Der Aktienkurs rauschte Ende September auf den tiefsten Stand der Geschichte. Und an den Finanzmärkten wetteten Investoren in großem Stil auf die Pleite des traditionsreichen Geldhauses.

Verglichen damit sieht die Lage im Februar 2017 geradezu rosig aus. Von der Pleite redet niemand mehr. Der Aktienkurs hat sich seit seinem Tiefststand fast wieder verdoppelt. Und der Verlust, den Cryan nach Schätzungen der Analysten an diesem Donnerstag präsentieren wird, fällt zumindest nicht mehr so dramatisch aus, wie das Minus von 6,8 Milliarden Euro im Jahr zuvor.

Immerhin: Die Deutsche Bank hat aufgeräumt.

  • Mitte Januar schloss sie einen Vergleich mit dem US-Justizministerium und legte damit den seit Jahren schwelenden Skandal um dubiose Hypothekengeschäfte ad acta. 3,1 Milliarden Dollar Bußgeld muss die Bank zahlen. Hinzu kommen Entschädigungen für US-Kunden im Volumen von 4,1 Milliarden Dollar, die über die kommenden fünf Jahre verteilt werden.
  • In dieser Woche folgte eine Teileinigung mit den Aufsichtsbehörden in der russischen Geldwäscheaffäre. Mehr als 600 Millionen Dollar muss die Bank an zwei Behörden in den USA und Großbritannien zahlen. Ganz abgeschlossen ist der Fall damit aber noch nicht: Das US-Justizministerium ermittelt noch.

Milliardenzahlungen für Skandale, das zweite Verlustjahr in Folge und ein Aktienkurs auf dem Niveau von 1993 - so klingen im Moment die guten Nachrichten von der Deutschen Bank. Klar, dass es da nicht leichtfällt, große Aufbruchstimmung zu verbreiten. Das eigentliche Problem aber ist nicht mehr die Vergangenheit und auch nicht die trübe Gegenwart. Das Problem ist die Zukunft.

Fast 150 Jahre nach ihrer Gründung muss die Deutsche Bank die Frage beantworten, warum es sie eigentlich gibt. Für welche Art des Bankgeschäfts steht sie? Und wie will sie damit wieder Geld verdienen?

Lange Zeit war die Rolle der Deutschen Bank klar: Sie war der Mittelpunkt der heimischen Wirtschaft, hielt große Beteiligungen an den wichtigen Industrie- und Finanzkonzernen. Bei ihr liefen die Fäden zusammen. Ihre Chefs von Hermann Josef Abs und Friedrich Wilhelm Christians bis Alfred Herrhausen waren zugleich auch so etwas wie die Klassensprecher der deutschen Wirtschaft. Selbst internationale Abkommen verhandelten sie mit. Wer als Privatkunde ein Konto bei der Bank besaß, konnte stolz sein.

Später änderte sich die Rolle der Bank: Die Deutschland-AG hat sich entflochten und die Chefs in Frankfurt wollten da mitmischen, wo das richtig große Geld gemacht wurde - im Investmentbanking an der New Yorker Wall Street und in der Londoner City. (Mehr zum Aufstieg und Fall der Deutschen Bank lesen Sie hier.)

Die Bank sucht nach ihrem Kurs

Dieser folgenschwere Ausflug kam die Bank nach der Finanzkrise 2007 und 2008 teuer zu stehen. Mehr als 15 Milliarden Euro hat sie seitdem allein für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten ausgegeben - hinzu kamen Milliardenverluste aus riskanten Zockergeschäften.

Seither sucht die Bank ihren Kurs - und hat ihn bis heute offensichtlich nicht gefunden. Unter Vorstandschef Anshu Jain setzte sie viel zu lange darauf, dass die Erfolge im Investmentbanking schon zurückkommen würden. Erst 2015 reagierte Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Er schmiss Jain raus und setzte stattdessen Cryan auf den Chefposten.

Offiziell gilt jedoch immer noch die Strategie, die Jain im April 2015 - kurz vor seinem Abgang - vorgelegt hat. Cryan selbst setzt neben dem Aufarbeiten von alten Skandalen vor allem aufs Sparen. Alles darüber hinaus bleibt unklar. "Die Deutsche Bank ist von der Intensivstation runter", sagt ein Investorenvertreter. "Aber ein Umschwung von innen ist noch nicht zu erkennen."

Nach allem, was man herauslesen kann, scheinen Cryan und seine Vorstandskollegen um die deutschen Top-Manager Marcus Schenck und Christian Sewing die Bank zumindest deutlich stärker auf Firmenkunden ausrichten zu wollen. Das klassische Handelsgeschäft aus dem Investmentbanking sehen sie dagegen eher als verzichtbar an.

Doch nicht alle, die bei der Deutschen Bank etwas zu sagen haben, denken so. Aufsichtsratschef Achleitner etwa fällt der Abschied vom Traum der globalen Investmentbank offensichtlich immer noch schwer. Und auch die katarische Herrscherfamilie Al-Thani, mit einem Anteil von rund zehn Prozent der größte Aktionär der Konzerns, sähe die Bank lieber wieder in einer Reihe mit den großen Wall-Street-Häusern.

Was wird aus der Postbank?

Zudem muss die Bank entscheiden, was aus ihren wichtigen Sparten werden soll. Die Postbank etwa, ein unglücklicher Einkauf aus der Ära des Ex-Vorstandschefs Josef Ackermann, steht eigentlich schon seit fast zwei Jahren zum Verkauf. Doch losgeworden ist der Vorstand sie nicht - weshalb man nun wieder darüber nachdenkt, die Tochter vielleicht doch ganz in den Konzern zu integrieren.

Und dann wäre da noch die Vermögensverwaltungssparte Deutsche Asset Management, die weltweit mehr als 700 Milliarden Euro Vermögen in Fonds und anderen Finanzprodukten verwaltet. Sie könnte zumindest teilweise an die Börse gebracht werden, so eine Überlegung. Mit den Einnahmen ließe sich das dünne Kapitalpolster der Bank etwas aufbessern. Allerdings würde der Konzern sich damit auch einer strategischen Chance berauben. Die Vermögensverwaltung gilt schließlich als Perle im insgesamt wenig glänzenden Portfolio der Deutschen Bank.

"Die grundsätzliche Frage lautet: Wo will die Bank hin?", sagt Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment. Bevor das nicht geklärt sei, würden Investoren der Bank auch kein frisches Geld geben.

Die Deutsche Bank wird in den kommenden Monaten Antworten geben müssen, wenn sie nicht wieder in eine Situation wie im vergangenen Jahr rutschen will. Ob John Cryan diese Antworten schon an diesem Donnerstag liefern kann, ist fraglich. Zumindest ein bisschen Zuversicht würden sich die Aktionäre aber sicher wünschen.



insgesamt 40 Beiträge
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localpatriot 01.02.2017
1. Es liegt an der Nationalkultur
Die Engländer, was man in der City of London täglich sehen kann, besitzen die Fähigkeit aus dem Geld der Anderen riesige Gewinne zu schöpfen. Das Ziel ist klar: So viel Geld wie möglich abschöpfen, alles andere zählt nicht. Die eigene Regierung ist happy (man erinnert sich gerne an Sir Francis Drake und andere Freibeuter), die Firmenoberen sind happy, und das Fussvolk ist happy. Deutschland dagegen ist Exportweltmeister, aber wenn es sich um Geld, Banken, Grosse Bauprojekte, High Tec und Verbrauchersachen handelt, dann hat man das einfach nicht im Griff.
i.dietz 01.02.2017
2. Ackermann und Jain
die ehemaligen Super-Gehirne dieser "Zockerbande" haben einen Scherbenhaufen hinterlassen. Jetzt fehlt nur noch, dass das Kanzleramt feststellt, dass diese Bank "System-relevant" ist ! Dann brauche ich heute Abend keine Komödie mehr im TV anzuschauen !
allessuper 01.02.2017
3. ich hätte Rat
für die neue Sinnfindung der Bank mit den schrägen Geschäften im geschlossenen Rahmen (Logo): Trainingsseminare in der Wildnis, nur mit dem Minimum ausgestattet, alle Boni der letzten Jahre als Spende an Projekte nach Afrika und dann auf Sinnsuche gehen. So haben es die Ur-Einwohner der USA gemacht. Sie kamen immer mit guten Ideen zurück. Wenn der Mut nicht reicht, einfach nach erfolgreichen Konzepten schielen (GLS Bank, Triodos Bank, Umweltbank usw. ) und hoffen, dass die Mitarbeiter schnell genug lernen.
joking_hazard 01.02.2017
4. Warum sich nicht wieder auf die eigentlichen Aufgaben einer Bank konzentrieren?
Spekulation gehört nicht zu den Kernaufgaben einer Bank. Gewinnmaximierung auch nicht. Eine Bank hat für die Versorgung mit Geld und die Verwaltung von Konten und Geldtransfers zu sorgen. Und Finanzkrisen zu verhindern wäre auch so eine gesellschaftlich wertvolle Aufgabe, aber leider tragen Banken eher dazu bei Krisen auszulösen.
Ontologix II 01.02.2017
5. Sinn oder Nicht-Sinn
Der Sinn der Deutschen Bank ist, die meist wohlhabenden Aktionäre noch reicher zu machen und jeden, der ein Konto bei der DB besitzt abzuzocken. Ich eninnere mich an Gewinnerwartungen von 25% auf das Kapital.
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