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19. Mai 2016, 17:21 Uhr

Deutsche-Bank-Hauptversammlung

Zorn und Verzweiflung

Aus Frankfurt am Main berichtet

Die Deutsche Bank ist ein Sanierungsfall, auf der Hauptversammlung entlud sich die Wut gegen die alte Führungsriege. Immerhin: Der neue Chef Cryan erntet schon Lob.

Am schwersten ist es für Paul Achleitner. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank muss sich an diesem Donnerstag als Erster den Aktionären stellen. Nervös steht er auf der Bühne, mit beiden Händen klammert er sich am Rednerpult fest. Er hat nichts Gutes zu erwarten.

Das größte Geldhaus des Landes steht so schlecht da wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr hat es einen gigantischen Verlust von 6,8 Milliarden Euro verbucht, fast der komplette Vorstand wurde ausgetauscht. Nur Oberaufseher Achleitner ist geblieben. Und bekommt nun den Zorn der Aktionäre ab.

Die Stimmung im Saal ist eisig, als der Österreicher redet. Achleitner spricht die größten Vorwürfe von sich aus an. "Sie werfen mir als Aufsichtsratsvorsitzendem vor, zu lange an einzelnen Vorständen festgehalten zu haben." Manche stellten gar die Frage, ob er, Achleitner, noch der Richtige für den notwendigen Neuanfang sei. Zum ersten Mal an diesem Tag bekommt er Applaus.

Die Wut der Aktionäre ist verständlich. Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Aktienkurs halbiert. Seit Beginn der Finanzkrise 2007 ist er sogar um fast 90 Prozent abgestürzt. Eine Dividende gibt es in diesem und im nächsten Jahr auch nicht. Wo kein Gewinn ist, kann auch keiner ausgeschüttet werden.

Schuld daran sind vor allem die Chefs der vergangenen Jahre. Unter der Regentschaft von Josef Ackermann und Anshu Jain weitete die Deutsche Bank das internationale Investmentbanking drastisch aus - und ging dabei einige Geschäfte ein, die sie nun teuer zu stehen kommen. Seit 2002 hat die Bank 12,7 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten aufgewendet. Geld, was den Aktionären verloren gegangen ist.

"Bankrotterklärung für das alte Management"

Entsprechend hart gehen die Anteilseigner der Bank mit der früheren Führungsriege ins Gericht. Gleich mehrere Aktionärsvertreter kündigen an, dem alten Vorstand die eigentlich übliche Entlastung zu verweigern.

"Die Reputation hat gelitten, das Vertrauen am Kapitalmarkt ist erschüttert, der Aktienkurs ist ein Desaster", schimpft Ingo Speich von der mächtigen Fondsgesellschaft Union Investment, die einer der größten Aktionäre der Bank ist. Er spricht von einer "Bankrotterklärung für das alte Management", das ein Jahrzehnt lang nicht in der Lage gewesen sei, die Bank ordentlich zu führen. "Die Deutsche Bank steckt in der schwersten Krise ihrer Geschichte."

Herausholen soll sie dort John Cryan, ein 55-jähriger Brite, der im Juli vergangenen Jahres den hochumstrittenen Jain ablöste. Ab Freitag wird Cryan die Bank allein führen, sein bisheriger Co-Chef Jürgen Fitschen hatte auf der Hauptversammlung seinen letzten Arbeitstag als Vorstand.

Cryan sieht nicht gerade aus wie ein Heilsbringer. Blass, hohe Stirn und immer etwas missmutig dreinblickend - was ihm schon zu früheren Zeiten den Spitznamen "Mister Grumpy" eingebracht hat. Bei seiner Rede betont er Tugenden wie Sparsamkeit, Fleiß und Disziplin. Die hohen Rechtskosten nennt er "inakzeptabel".

"Sind Sie auch ein Visionär?"

Cryan ist kein Charismatiker, eher ein Mann der Zahlen - aber nach Ansicht vieler Aktionäre ist das genau das, was die Bank nun braucht. "Herr Cryan, Sie sind für uns der richtige Mann zur richtigen Zeit", sagt Fondsmanger Speich. "Der Deutschen Bank bleibt nichts anderes übrig, als sich gesundzuschrumpfen."

Cryans neue Nüchternheit kommt bei fast allen Aktionärsvertretern gut an. Doch einige fragen sich, ob er auch mehr kann. Etwa die Bank wieder an die Erfolge alter Zeiten heranführen. "Herr Cryan, Sie sind vielleicht ein guter Sanierer, aber sind Sie auch ein Visionär?", fragt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Wie wolle man das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen, wenn man die Jahre 2016 und 2017 jetzt schon verlorengebe?

Genau diese Fragen wird Cryan in den kommenden Monaten und Jahren beantworten müssen. Er selbst sieht sich keineswegs nur als Aufräumer. "Das ist nicht mein Verständnis", sagt er. Natürlich wolle auch er der Bank zu Wachstum verhelfen.

Einen kleinen Erfolg kann Cryan dabei schon mal verzeichnen. Als er am Donnerstag in Aussicht stellt, dass die größten Rechtsstreitigkeiten bald beendet werden könnten, schießt die Aktie um gut drei Prozent nach oben.

Zusammengefasst: Bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank zeigen sich die Aktionäre frustriert über Aktienkurs und fehlende Dividende. Die Schuld dafür geben sie der alten Führung, die im vergangenen Jahr ausgetauscht wurde. Viele hoffen nun, dass der neue Chef John Cryan die marode Bank sanieren kann.

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