Fleischindustrie in Deutschland So funktioniert die Schlachtbank Europas

Durch die Corona-Infektionen in deutschen Schlachthöfen gerät eine Branche in den Blick, die sonst lieber im Verborgenen arbeitet.
Eine Grafikanalyse von Alexander Preker
Schlachthof in Niedersachsen

Schlachthof in Niedersachsen

Foto: Mohssen Assanimoghaddam/ dpa

Immer wieder die Fleischindustrie: Die Corona-Ausbrüche bei Tönnies in Nordrhein-Westfalen und einer Wiesenhof-Schlachterei in Niedersachsen beschäftigen ganz Deutschland - und schüren die Angst vor einer zweiten Welle der Pandemie. Und je stärker sich die Ausbrüche auf eine Branche konzentrieren, um so größer wird der Wunsch nach Wissen über diese sonst eher diskrete Branche.

Die Coronakrise sei wie ein Brennglas für die Situation, konstatierte am Freitag sogar Agrarministerin Julia Klöckner (CDU), die zuvor nicht gerade als Gegnerin der Fleischindustrie aufgefallen war. "Es wird keine zweite Chance geben für die gesamte Branche", sagte Klöckner, nachdem sie sich in Düsseldorf mit Unternehmens- und Verbandsvertretern zu einer Art "Fleischgipfel" getroffen hatte.

Selbst Firmenchef Clemens Tönnies gibt sich mittlerweile kleinlaut: "Wir wollen auch in Zukunft in Deutschland Fleisch produzieren. Dafür brauchen wir die gesellschaftliche Akzeptanz." Grünenpolitiker Anton Hofreiter forderte bereits einen Boykott von Tönnies-Produkten, obwohl diese für Verbraucher noch nicht mal ohne Weiteres erkennbar sind: Die Ware wird unter einer Vielzahl von Marken  vertrieben. Zu Tönnies gehört etwa die "Zur Mühlen"-Gruppe mit Marken wie Gutfried, Böcklunder, Zimbo oder Hareico.

Wo also liegen die größten Probleme der Fleischindustrie in Deutschland - und was wird getan?

Konzentration der Betriebe

Vom nördlichen Nordrhein-Westfalen über das westliche Niedersachsen erstreckt sich eine Region, die manche den Schweinegürtel nennen. Die Nähe zu den Seehäfen galt als wichtig, um billig Futter importieren zu können. Es entstand die wohl deutscheste aller denkbaren Kopien des amerikanischen Belt-Konzepts: Allein in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg leben rund sechsmal so viele Schweine wie Menschen, jeder dritte Job hängt an der Tierhaltung. Doch während die Zahl der geschlachteten Tiere in der Fleischbranche hoch bleibt, sinkt die Zahl der Betriebe, unter Mästern wie unter Schlachtern.

Das führt zu verwobenen Konzernen, die ihre Macht ausbauen. Laut Interessengemeinschaft der Schweinehalter werden bereits fast 80 Prozent aller Schweine von den zehn größten Konzernen geschlachtet. Allein Tönnies kommt demnach auf einen Marktanteil von einem Drittel. Beim Blick auf die Karte mit den größten Fleischbetrieben des Landes ist der Schweinegürtel noch gut zu erkennen:

Besonders stark sei die Konzentration, so der Kasseler Agrarökonom Ulrich Hamm, in der Geflügelbranche, wo es nur noch ganz wenige Große gebe. "Dabei ist es genau das, was die Verbraucher nicht wollen", sagt Hamm. Die Kunden würden auch mehr Geld für regionale und umweltgerechtere Waren ausgeben. "Die Zahl der Verbraucher, die bereit ist, dafür höhere Preise zu bezahlen, ist viel größer als der derzeitige Marktanteil dieser Produkte."

Die kleinen Schlachthöfe wiederum klagen über hohe Kosten - aber auch über strenge Auflagen der EU . Kleine Schlachter, so Forscher Hamm, hätten zudem "bewusst nicht die Möglichkeit genutzt, sich von ausländischen Schlachtbrigaden abhängig zu machen".

Arbeitsbedingungen

Seit den Corona-Ausbrüchen wird besonders über die Lage der Arbeiter in Schlachthöfen diskutiert. Unter ihnen sind seit der EU-Erweiterung viele aus Osteuropa. Die großen Betriebe verlassen sich zunehmend auf die fleißigen, aber schlecht bezahlten Arbeitskräfte, angeblich auch weil Menschen aus Deutschland diese Arbeit nicht mehr machen würden. Daran könnten aber auch die Löhne und Arbeitsbedingungen schuld sein. In der Coronakrise wird entsprechend viel über enge Unterbringung in Massenunterkünften sowie Lohndumping durch Werkverträge und Subunternehmertum diskutiert.

Die Bundesregierung hat inzwischen beschlossen, Werkverträge in der Fleischindustrie bis Jahresende zu verbieten. Tönnies kämpfte lange für den Erhalt. Nachdem er nun immer mehr unter Druck steht, verkündete er schließlich das eh längst Beschlossene - und will bis Ende 2020 Werkverträge "in allen Kernbereichen" abschaffen. Die Frage der Unterbringung der Menschen indes lässt sich womöglich nicht so schnell lösen. Auch weil viele Arbeiter selbst kein Interesse daran haben dürften, noch mehr Geld für ihre Unterkunft hier ausgeben zu müssen - sie wollen möglichst viel an die Familien nach Hause schicken.

Durch ähnlich enge Unterkünfte drohen auch zur Erntehauptzeit der Landwirtschaft im Herbst neue Ausbrüche, wenngleich das Virus in kalten Schlachthöfen besonders gute Verbreitungsmöglichkeiten hat.

Schlachtbank Europas

Die deutsche Fleischindustrie produziert deutlich mehr als hierzulande gegessen wird. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei gut 115 Prozent , der Exportüberschuss bei Fleisch und Fleischwaren beträgt 1,3 Millionen Tonnen.

Von dem bei Tönnies geschlachteten Fleisch geht laut Branchenranking der Fleischwirtschaft  50 Prozent in den Export, beim zweitgrößten Konzern Vion sind es demnach 37 Prozent, beim drittgrößten Westfleisch mehr als 41 Prozent. Und das Auslandsgeschäft mit dem Billigfleisch dürfte wichtiger werden: Der Verbrauch in Deutschland - derzeit 87,8 Kilo pro Kopf und Jahr - geht seit Jahren zurück.

Es ist ein umkämpftes Geschäft, in dem die Preise für Schweinefleisch zuletzt deutlich fielen. Das veranlasste den Discounter Aldi in Deutschland etwa dazu, von den Händlern noch niedrigere Preise zu verlangen. Der Druck, die Margen über Masse groß zu halten, ist immens.

Und es werden nicht nur Tiere aus Deutschland geschlachtet. "Wir haben in den letzten Jahren einen Schlachttiertourismus aufgebaut", sagt Agrarökonom Hamm. "Lebende Schweine aus den Niederlanden und zum Teil auch aus Dänemark werden zum Schlachten über die Grenze gebracht, weil die Schlachthöfe hierzulande billiger arbeiten, unter Bedingungen, die, wie die Werkverträge, im Ausland teils bereits verboten sind."

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2019 insgesamt 3,3 Millionen Tiere zum Schlachten importiert, viele von ihnen kehrten in Form von fertig zerlegten Schweinehälften wieder in ihre Länder zurück.

Hoch industrialisiertes System

In den Rahmenbedingungen für die deutsche Landwirtschaft liegt ein weiterer Grund, warum es der Fleischindustrie hierzulande so gut geht: Jahrelang galten lasche Regeln zur Entsorgung der Exkremente. Erst im März stimmte der Bundesrat nach heftigen Auseinandersetzungen der neuen Düngeverordnung zu - und konnte so hohe Strafzahlungen der EU gerade noch abwenden. Während in den Niederlanden schon lange strengere Vorgaben gelten, konnte in Deutschland die Gülle besonders stark ausgefahren werden - für das Grundwasser fatal, für die Fleischindustrie ein Wettbewerbsvorteil.

Die Landwirte stehen dennoch unter Druck, ihre Tiere just in time zu liefern. Wenn ein etwa wegen Corona geschlossener Schlachthof keine Tiere mehr abnimmt, kann das im Stall zu Problemen führen. Große, schlachtreife Tiere nehmen noch mehr zu, als sie sollten - und verbrauchen dort Platz, wo bereits die nächsten Tiere heranwachsen.

Fleischpreis und Kennzeichnung

Die Politik streitet zudem seit Jahren, ob sich die Lage von Arbeitern und Tieren durch höhere Preise oder schärfere Kennzeichnungspflichten verbessern lässt. Auch Agrarministerin Klöckner spricht sich inzwischen für eine Tierwohlabgabe aus, mit der die Fleischbranche bessere Bedingungen wie neue Ställe schaffen können soll. Experte Hamm zufolge geht die Politik damit den zweiten Schritt vor dem ersten: "Sinnvoll wäre es zunächst, die Mindestanforderungen an die Haltung so zu verschärfen, dass es tierschutzgerecht ist. Das ändere ich nicht mit einer kleinen Abgabe."

Können normale Verbraucher durch ihr Einkaufsverhalten etwas ändern? "Ja", sagt Agrarökonom Hamm, "wenn Verbraucher einfach erkennen können, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden". Er fordert daher eine gesetzlich verpflichtende und eindeutige Kennzeichnung von Fleischprodukten.

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