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15. Februar 2018, 12:20 Uhr

Pflegealltag in deutschen Kliniken

"Es regiert der Wahnsinn"

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Auf vielen Klinikstationen fehlt es am Nötigsten. Zu wenige Pflegekräfte müssen sich um immer mehr Patienten kümmern. Jetzt gibt eine Pflegerin Einblick in ein System, das für alle zur Gefahr wird.

Sabine Martens* ringt um das Leben eines Mannes - auf dem Flur. Es gibt keinen anderen Platz für den Notfall: In allen Betten der Intensivstation liegen Patienten. Mit drei Kollegen versucht die Pflegerin das Machbare. Mehr sind sie nicht in dieser Spätschicht, vier Pfleger für 14 Schwerstkranke. Eigentlich müssten sie zu siebt sein.

An der Seite des Arztes geben sie dem Mann Sauerstoff, Adrenalin wird in seine Adern gespritzt, die Elektroschocks des Defibrillators durchzucken den Körper. Martens will mehr Medikamente holen. Sie läuft den Flur entlang, sieht aus dem Augenwinkel in ein Zimmer: alles rot, das Bett voller Blut.

Desorientiert hat sich eine Patientin den arteriellen Katheter selbst gezogen. Niemand hat es bemerkt. Martens bindet den Arm ab, gibt eine Infusion. Da rufen zwei Intensivpatienten um Hilfe. "Gleich", antwortet Martens. Es wird 15 Minuten dauern.

Die Krankenpflegerin sieht die Katastrophe kommen, doch kann sie nicht aufhalten. Ein Dementer wird aggressiv, schlägt um sich. Er wähnt sich im Krieg. Den Pflegekräften fehlt die Zeit, um ihn mit Worten in die Realität zu holen. Zu dritt legen sie sich auf ihn, um ihn zu bremsen. Sie spritzen ein Beruhigungsmittel, fixieren ihn.

Der Mangel wird zur Gefahr

Wenn Martens von diesem Tag erzählt, ist sie noch immer aufgewühlt. "Wir sollen Prioritäten setzen", sagt sie. Das bekommen Krankenpfleger oft zu hören, wenn sie bei Vorgesetzten erschöpft um Hilfe bitten. "Aber manchmal hat alles Priorität." Dann können sie kämpfen, wie sie wollen. Es reicht nicht.

Pflegekräfte wie Martens sind zum Kostenfaktor verkommen, Patienten zum Wirtschaftsgut, seit die Politik Krankenhäuser zum Sparen zwingen will. Das soll ein Gesundheitssystem retten, das im Jahr fast 350 Milliarden Euro kostet - ein Drittel mehr als vor zehn Jahren. Leid und Linderung müssen sich harten Effizienzkriterien unterwerfen. Das Resultat: Seit 1995 sparten Kliniken bundesweit 25.000 Pflegekräfte ein. Dabei gibt es mehr Patienten, vor allem mehr ältere. Ihre Krankheiten sind oft schwerer, ihr Pflegebedarf höher.

Im Video: Pflegenotstand in Deutschland - Und wer betreut Sie?

Den Mangel müssen die Pfleger ertragen und die Patienten. "Die Situation an unseren Kliniken ist vielfach bereits katastrophal. Die Folgen der fehlenden Pflegekräfte reichen bis hin zu schweren Komplikationen, können sogar bis zum Tod von Patienten führen", warnt Michael Simon, Professor für Gesundheitspolitik an der Hochschule Hannover.

Auf einer Intensivstation, wo Kranke um ihr Leben kämpfen, sollte jeder Pfleger maximal zwei Patienten betreuen, fordert die Fachgesellschaft. Bei Martens und ihren Kollegen sind es oft vier, manchmal sogar fünf. So schaffen sie nur das Nötigste. Alltag in deutschen Krankenhäusern.

Während der Mann auf dem Flur noch wiederbelebt wird, versucht Sabine Martens, eine zusätzliche Pflegekraft für die Nachtschicht zu finden. Sonst wären sie heute nur zu dritt. Sie ruft den Stationsleiter an, er sucht nach Hilfe. Zwei Stunden später meldet er sich. Es kommt niemand.

Einziges Ziel: Lebend übernommen, lebend übergeben

Kurz vor Mitternacht ist Martens zu Hause. Eine Stunde später als normal. Sie ist todmüde, doch der Adrenalin-Kick hält sie wach. "Was hätte ich besser machen müssen, was habe ich falsch gemacht?", die Pflegerin quält sich. Um halb fünf Uhr morgens schläft sie ein. Eine Stunde später klingelt der Wecker. Ihr Sohn muss zur Schule.

Einmal hat Sabine Martens gezählt, wie viele Schritte sie in den acht Stunden Schicht gemacht hat. Es waren 40.000. Das sind rund 24 Kilometer.

"Lebend übernommen, lebend übergeben - wir versuchen nur noch, das zu gewährleisten", sagt sie, die seit zwanzig Jahren als Pflegerin arbeitet. "Es regiert der Wahnsinn hier."

Verbände werden nicht täglich erneuert. Medikamente oft später gegeben als nötig. "So häufig haben wir Patienten nicht gewaschen, nicht das Bett gemacht." Selbst die Dokumentation des Pflegeaufwands lassen sie oft weg. Dabei bringt die das Geld in die Klinik. "Ich kann das mit meinem Gewissen eher vereinbaren, als den Leuten hier Hilfe zu versagen", sagt Martens.

"Absaugen war nicht zeitnah möglich!!"

In ihrer Not warnen Pfleger in jährlich Tausenden Gefährdungsanzeigen ihre Klinikleitungen vor den Gefahren für Patienten und sich selbst. Es sind beängstigende Hilferufe - allein aus den vergangenen Monaten:

Sabine Martens streicht sich ein Haar aus dem Gesicht. Sie hat so oft Gefährdungswarnungen geschrieben. Auch das zermürbt. Denn es ändert nichts.

Warnungen als lästige Manöver abgebügelt

"Du hattest immerhin die Zeit, eine Gefährdungsanzeige zu schreiben", bekam die Krankenschwester einmal gesagt. Eine Klinik bestrafte eine Stationsleiterin sogar, die sich mit eigenen Anzeigen gegen den Notstand zu wehren versuchte: Nun bekommt sie extra kein weiteres Personal. Ein anderes Haus mahnte Pflegekräfte ab, nachdem sie oft vor Gefährdungen warnten. Immer mehr Pfleger aber beginnen jetzt, sich mit Streiks zu wehren.

Wie weit die Ignoranz der Vorgesetzten geht, zeigt der Briefwechsel in einem großen deutschen Klinikkonzern Ende vergangenen Jahres. Während die Pflegekräfte von Kranken zu Kranken rennen, schaffen sie es kaum mehr, ihre Hände zu desinfizieren. Dabei werden Keime zu einer immer größeren Gefahr für Patienten.

Bis zu zwei zusätzliche Stunden bräuchte jeder Pfleger pro Schicht für die richtige Desinfektion der Hände, schrieben Pflegekräfte in einem Brief an ihre Geschäftsführung. Wie soll das gehen bei der Arbeitsmenge?, fragten sie. Der Personalmanager gab ihnen das Problem zurück: "Es handelt sich bei der Händedesinfektion nicht um eine zusätzliche Maßnahme, die weggelassen werden kann, ebenso wie auf die Gabe von Medikamenten nicht verzichtet werden kann", schrieb er.

"Du wechselst die Stelle, oder ich bin weg"

Wenn Sabine Martens solche Reaktionen hört, denkt sie an eine Zahl: 190. Es sind ihre Überstunden, die sich in einem Jahr aufgetürmt haben. Fast vier Wochen. Die Pflegerin arbeitet eigentlich Teilzeit, nur 80 Prozent. Sie will für ihre zwei kleinen Kinder da sein.

Die Rechnung geht schon lange nicht mehr auf. Bis zu 300 Überstunden schieben manche Kollegen vor sich her. Das quält sie. "Ich habe in der Freizeit ständig Angst, dass das Telefon klingelt und ich einspringen soll", sagt eine Schwester. Manche Familie droht unter dem Arbeitsdruck zu zerbrechen. Wie die von Martens.

Es war ein Samstag vor fünf Jahren, als sie wieder angerufen wurde, wieder einsprang. Wie fast jedes Wochenende davor. Ihr Sechsjähriger schaute sie an, als sie die Jacke überzog. "Wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht wiederzukommen", sagte er. Worte wie Messerstiche.

Sie ging.

"So knapp, wie es auf der Station war, das konnte ich niemandem antun", sagt sie heute. Während der Fahrt, während der Schicht hat sie geheult. Eine Woche sprach ihr Kind nicht mit ihr.

Mit ihrem Mann tauschte sie damals nur Zettel aus, auf die jeder von ihnen schrieb, was noch zu erledigen war. Sie sahen sich kaum, auch er arbeitete im Schichtdienst. "Wenn ich zu Hause war, dann müde." Als ihr Kind in der Kita das Kasperletheater aufführte, war sie nicht dabei, vergaß Arzttermine. Eines Abends, sie kam von der Schicht nach Hause, schaute ihr Mann sie an und sagte: "Entweder du wechselst die Stelle, oder ich bin weg."

Als Martens eine andere Klinik fand, war es wie eine Befreiung. Dort gab es mehr Personal. Endlich lebte sie auf. Picknick am See, Kino, abends ins Restaurant. Doch das ist schon längst wieder vorbei.

"Mittlerweile ist es auch hier nicht mehr zu ertragen", sagt die Pflegerin. Die Operationszahlen steigen. Wieder kommen Anrufe, ob sie einspringt. Sie und ihr Mann entfernen sich voneinander. Sie ist stur geworden, das spürt sie, unnachgiebiger in der Familie.

Der Druck macht krank. Eine Pflegerin auf Martens Station fühlte sich jüngst schlapp. Eine Erkältung. Doch es fehlten so viele Kräfte, dass sie blieb. Als sie die Tür zu einem Patientenzimmer öffnen wollte, kippte sie um. Ihr Kreislauf machte nicht mehr mit. Drei Kollegen hatten schon einen Burn-out. Der Krankenstand, warnt die Gewerkschaft Ver.di, ist in der Pflege besonders hoch.

Konflikt der Kliniken

Was Martens zu spüren bekommt, sind die Folgen eines politischen Fehlers. Da die Krankenversorgung immer teurer wird, hat die Bundesregierung die Kliniken in einen Konkurrenzkampf gezwungen. Unwirtschaftliche Häuser sollen nicht überleben, sie bluten langsam aus. So drückt sich die Politik davor, sie selbst zu schließen. Dieses System zwingt alle Krankenhäuser dazu, stärker zu sparen, als gut ist.

Seit 14 Jahren finanzieren sich Kliniken über Fallpauschalen. Pro Behandlung und Aufenthalt gibt es Geld. Die übernommenen Kosten entsprechen dem Schnitt ausgewählter Häuser - ist eine Klinik teurer, macht sie Verlust. Um zu überleben, operieren die Kliniken so viel, wie es geht. In den vergangenen zwanzig Jahren stieg die Zahl der Patienten um fast vier Millionen im Jahr. Die Bundesländer verschärfen die Lage noch, weil sie den Krankenhäusern rund drei Milliarden Euro weniger zahlen, als sie müssten.

"Können Sie nicht bei mir bleiben?"

Aufmunternde Worte lassen sich in diesem System nicht abrechnen. "Es ist erfüllend, für die Kranken da zu sein und ihre Dankbarkeit zu spüren", sagt Martens. Diese Wertschätzung liebt sie an ihrem Beruf. "Können Sie nicht bei mir bleiben?", bitten Patienten sie oft. Jetzt aber fehlt sogar die Zeit, wenn ein Leben zu Ende geht.

An einem Tag betreut Martens 20 Intensivpatienten. Ihre Kollegin hilft bei einer Reanimation, eine andere bei einem Notfall. Ein Pfleger ist zu einem Patienten mit Kreislaufstillstand unterwegs. Martens ist allein, kümmert sich um zwei Kranke. Plötzlich geht ein Alarm im Nebenzimmer.

Das Herz des Mannes dort hat ausgesetzt. Er ist alt, sehr krank. "In diesen letzten Minuten wäre ich gern bei ihm gewesen, hätte ihm die Hand gehalten", sagt Martens. "Er hätte ein Recht darauf gehabt." Doch er stirbt allein.

* Name geändert

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