Renaissance der Wolkenkratzer Wohnen in der Vertikalen

Deutschland erlebt einen neuen Hochhaus-Boom. Die schicken Türme haben nichts mehr gemein mit den Betonsilos von früher. Aber können sie die Wohnungsnot lindern?

Zabel Property

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Die teuerste Etagenwohnung Deutschlands liegt im Dachgeschoss, sie hat Schrägen, ist eigenwillig geschnitten, besitzt keinen echten Balkon und hat kaum Wände, an denen ein Schrank Platz hätte. Nach den üblichen Maßstäben also nicht gerade ein Selbstgänger - wenn da nicht dieser Blick wäre.

Das Apartment befindet sich 110 Meter über dem Wasser, im 25. und 26. Stock der Elbphilharmonie in Hamburg. Von dort reicht die Aussicht weit bis ins Umland: links die Hafenkräne, rechts die Kirchtürme, dazwischen schlängelt sich die Elbe bis zum Horizont. Insgesamt 44 Wohnungen sind in dem Solitär entstanden, die Hälfte sind nach Auskunft von Philip Bonhoeffer vom Maklerbüro Engel & Völkers verkauft, für 15.000 bis 25.000 Euro pro Quadratmeter. Die Maisonette an der Spitze ist noch zu haben, der Preis liege allerdings "einen Schnaps darüber", so Bonhoeffer.

Die Luxusbehausungen im Hamburger Hafen stehen für einen Trend, der zur Zeit viele Großstädte erfasst - und ihre Silhouetten verändern wird. Deutschland erlebt einen wahren Boom von Wohnhochhäusern, überall wachsen die Türme in den Himmel. "In den Metropolen sind die Bauplätze ausgeschöpft", sagt Konstantin Lüttger von der Immobilienberatungsfirma CBRE, "die Entwicklung kann nur noch in die Höhe gehen."

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Wohnen in Deutschland: Hoch hinaus

Das mächtigste Exemplar entsteht derzeit in Frankfurt am Main am Eingang zum Europaviertel. 172 Meter wird der Grand Tower messen, ein echter Wolkenkratzer also, ab 150 Metern Höhe kann man davon sprechen. Bislang gibt es nur eine Baugrube, in drei Jahren sollen rund 400 Wohnungen bezugsfertig sein. Der Grand Tower ist eines von mehr als einem Dutzend Wohnhochhäusern, die in Frankfurt in Arbeit sind.

In Berlin existieren derzeit ähnlich viele Hochhausprojekte, das imposanteste Gebäude ist der Alexander A. Tower am Alexanderplatz (150 Meter), in einem Jahr soll er fertiggestellt sein; nur der Fernsehturm ist höher. In Hamburg konzentrieren sich die Vorhaben auf die Hafencity, und in Düsseldorf wachsen im Stadtteil Pempelfort gleich drei Türme nebeneinander in die Höhe.

Auch andere deutsche Städte wollen hoch hinaus, allerdings sind der Fantasie zuweilen Grenzen gesetzt. In München gilt seit einer Bürgerbefragung 2004 das Prinzip, dass Neubauten die Frauenkirche nicht überragen sollen: Bei 99 Metern ist dort Schluss. Und in Köln darf die Sicht auf den Dom nicht zugebaut werden, sonst verlöre die Stadt ihren Status als Weltkulturerbe.

Früher hatten Wohnhochhäuser einen denkbar schlechten Ruf. In den Sechziger- und Siebzigerjahren bauten viele Kommunen an der Peripherie Trabantenstädte auf, die sich bald in soziale Brennpunkte verwandelten. Mit den seelenlosen Silos von damals haben die heutigen Neubauten nichts mehr gemein, vor allem nicht die Ausstattung.

In vielen Häusern bietet ein Concierge seine Dienste an: Er nimmt Pakete an, bestellt Taxis oder einen Tisch im Restaurant. Zur Ausstattung gehören vielfach auch Fitnessstudios, Schwimmbäder, Hundewaschplätze oder exklusive Grünflächen. Im Frankfurter Grand Tower wird in der siebten Etage ein fast 1000 Quadratmeter großer privater Garten angelegt. "Die internationalen Kunden erwarten solchen Service", sagt der Berliner Makler Thomas Zabel, dessen Unternehmen das Objekt vermarktet.

Vor wenigen Tagen ist ein Team Zabels von einer Road Show aus dem Nahen und Fernen Osten zurückgekehrt, an Orten wie Dubai, Doha, Singapur und Shanghai präsentierten sie potenziellen Anlegern die Vorzüge des Grand Tower. Die Hälfte der rund 400 Wohnungen sind Zabel zufolge bereits verkauft, zu 60 Prozent an eine internationale Klientel. Die Preisspanne reicht von 6000 bis 19.000 Euro pro Quadratmeter. Entsprechend solvent müssen die Käufer sein. Zu den Kunden gehören oft vermögende Singles, vielfach Geschäftsleute, aber auch ältere Paare, deren Kinder erwachsen sind, auch Empty Nesters genannt.

Ein Hochhaus zu bauen, bedeutet einen weit größeren Aufwand, als einen normalen Geschossbau hochzuziehen. Betonpfähle müssen bis zu 60 Meter in den Grund gerammt werden, Behörden verlangen Gutachten über eine eventuelle Beeinträchtigung des Flugverkehrs, der Bau der Aufzüge geht richtig ins Geld, vor allem aber ziehen die Brandschutzauflagen Extrakosten nach sich. Als Hochhäuser gelten Gebäude, deren Obergeschoss von einer Feuerdrehleiter nicht mehr erreichbar ist, dies ist meist oberhalb von 23 Metern der Fall. Solche Objekte erfordern ein weiteres Treppenhaus als Fluchtweg - was den Bau in der Regel deutlich teurer macht.

Der Berliner Bauunternehmer Christoph Gröner umgeht diesen Kostenfaktor, indem er bereits existierende Bürohäuser in Wohntürme verwandelt. Das alte Postgiroamt in Kreuzberg zum Beispiel soll demnächst als XBerg Tower Platz für 380 Wohnungen bieten. Damit will Gröner neue Zielgruppen ansprechen, darunter Studenten, Rentner oder Jungunternehmer.

Zwischen 2010 und 2018 sollen in Deutschland 79 Wohnhochhäuser gebaut werden, hat das Analysehaus Bulwiengesa ermittelt, sie bieten Platz für 9766 Wohnungen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 248.000 Wohnungen fertiggestellt. Das Problem der Wohnungsnot könnten die Hochhäuser zwar nicht lösen, aber zumindest einen gewissen Beitrag dazu leisten, meint Bulwiengesa-Vorstand Andreas Schulten: "Jede neu gebaute Wohnung ist hilfreich."

Schulten sieht zwar noch Potenziale für das Segment der Wohnhochhäuser. Allerdings warnt er davor, die Nachfrage der globalen Vermögenselite zu überschätzen. Blieben die Projektentwickler nur auf sechs von hundert Wohnungen sitzen, verdienten sie keinen Cent: "Dann geht ihre Rechnung nicht auf."

Zudem stehen die Deutschen im Wettbewerb mit internationalen Standorten. In London sind derzeit 230 Gebäude mit mehr als 20 Etagen in der Entwicklung. Und in New York, der Mutterstadt aller Wolkenkratzer, wird in noch ganz anderen Dimensionen geplant. Dort entsteht mit dem Central Park Tower ein Haus von 541 Metern, dreimal so hoch wie der Frankfurter Grand Tower.



insgesamt 111 Beiträge
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phoeni 22.11.2016
1. Der Gewa-Tower
und die aufgerufenen Preise lassen grüßen. Die einzige Klientel, die davon profitiert sind Verkäufer/Investoren, der Rest schaut in die Röhre.
finger_weg 22.11.2016
2. Einfache Antwort
Nein. Damit lässt sich die Wohnungsnot in den Städten mit Sicherheit nicht lindern, indem man Wohnraum für Reiche schafft. Denn die Wohnungen, die theoretisch dann frei werden, können sich die Normalos nicht leisten.
WestlicheNation 22.11.2016
3. Sehr schlechter Artikel
Die Wohnungsnot betrifft größtenteils Niedrig- und Mitteleinkommen. Wie sollen diese Luxushochhäuser da helfen? Der Artikel ist vollkommen weltfremd. Wieder Mal typisch für diese Medien.
Boesor 22.11.2016
4.
Gruselige Namen, aber das ist ja eher unwichtig. Interessanter wird sein, wie sich diese Riesen in das Stadtbild integrieren können, ohne zu dominant zu sein.
KingTut 22.11.2016
5. verschlafen
Deutschland hat in Sachen Hochhausbau die letzten 30-40 Jahre verschlafen. Daran ändern auch Alibiprojekte wie der Messeturm in Frankfurt, nebst einigen anderen Hochhäusern nichts. Das hat dazu geführt, dass uns international viele Städet hinsichtlich Anzahl und Höhe von Wolkenkratzern voraus sind. Was sind schon 170 Meter, wenn andernorts über 500 m der Standard sind? Das heißt, dass sich an der abträglichen konservativen Grundstimmung beim deutschen Hochhausbau nichts geändert hat. Man hat sich ein bisschen geändert, aber nicht so wie man eigentlich müsste.
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