Schwaches Auftragsplus, gestiegene Kurzarbeit Deutsche Industrie erholt sich schleppend

Die Auftragszahlen der deutschen Industrie steigen nur leicht, die Kurzarbeit der Branche nimmt gegen den Trend zu. Laut Ifo-Institut würgen Lieferengpässe »die Produktion regelrecht ab«.
Autoproduktion in Dresden

Autoproduktion in Dresden

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Matthias Rietschel / dpa

Die deutsche Industrie hat zwar erneut mehr Aufträge erhalten, allerdings fiel der Zuwachs schwächer aus als erwartet. Im September seien 1,3 Prozent mehr Aufträge eingegangen als im Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt mit. Ein starker Rückgang im August wurde aufgrund neuer Daten von 7,7 auf 8,8 Prozent korrigiert.

Im Detail fiel die Entwicklung im September durchwachsen aus. Im Inland ging die Nachfrage um 5,9 Prozent zurück, während sie aus dem Ausland um 6,3 Prozent zulegte. Die Bestellungen kamen dort vor allem aus Ländern außerhalb der Eurozone, die Orders aus dem Euroraum gingen dagegen zurück.

Auch nach Gütergruppen war die Entwicklung uneinheitlich. Die Aufträge für Investitionsgüter wie Maschinen stiegen an. Vorleistungs- und Konsumgüter wurden jedoch weniger nachgefragt. Laut Statistikamt stiegen die Aufträge im Maschinenbau mit 12,2 Prozent am stärksten. Im Kfz-Bereich erhöhten sie sich um 9,6 Prozent, nachdem sie im August stark gefallen waren.

»Stachel des gewaltigen Rückgangs«

Die Erholung nach dem schwachen August sei wesentlich schwächer ausgefallen, als man erwartet habe, kommentierte das Analysehaus Pantheon Macroeconomics. Ähnlich formulierte es Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank: »So sehr wir uns über den positiven Zuwachs freuen, so tief sitzt noch der Stachel des gewaltigen Rückgangs im Vormonat.«

Die deutsche Industrie wird seit Längerem von erheblichen Problemen im Welthandel geplagt, die sich überwiegend auf die Coronapandemie zurückführen lassen. Damit ist zu erklären, dass die Industrie zwar über einen hohen Auftragsbestand verfügt, zugleich aber nicht wie gewohnt produzieren kann. Denn es mangelt an vielen Vorprodukten und Rohstoffen. Ein rasches Ende der Handelsverspannungen sehen Experten derzeit nicht.

Ökonomen sehen die Industrie angesichts des anhaltenden Materialmangels vor schwierigen Monaten, auch wenn die Aufträge im abgelaufenen dritten Quartal insgesamt gestiegen sind. »Wegen des Materialmangels kann die Industrie das allerdings kaum in eine steigende Produktion ummünzen«, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Hinzu komme, dass die neue Coronawelle in China wieder zu Schließungen von Fabriken führen dürfte, die für den Nachschub der deutschen Industrie wichtig seien.

20.000 Kurzarbeiter mehr

Die Unternehmen reagieren auf die Lage mit mehr Kurzarbeit. Gegen den gesamtwirtschaftlichen Trend stieg die Zahl der davon betroffenen Industriebeschäftigten im Oktober um 20.000 auf 226.000, wie das Ifo-Institut herausfand. »Der Engpass bei den Vorprodukten würgt die Produktion regelrecht ab«, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Beim gegenwärtigen Auftragsbestand dürften eigentlich höchstens 10.000 Beschäftigte in der Industrie in Kurzarbeit sein.

»Die Situation wird wohl noch längere Zeit paradox bleiben«, sagte VP-Chefökonom Gitzel. »Die Industrie hat eigentlich genügend Aufträge, um die Produktion auf Hochtouren laufen zu lassen, doch in Anbetracht fehlender Teile tröpfelt der Ausstoß lediglich vor sich hin.« So fehlen beispielsweise Mikrochips, die in zahlreichen Produkten von Autos bis Haushaltsgeräten enthalten sind.

Wegen der Engpässe wird der Aufschwung in diesem Jahr nach Prognose der Bundesregierung eine Nummer kleiner ausfallen als ursprünglich gedacht. Sie senkte ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 2,6 Prozent von zuvor 3,5 Prozent. 2022 soll es zu einem Plus von 4,1 Prozent reichen, 2023 dann zu 1,6 Prozent.

dab/dpa/Reuters
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