Geldanlage Lebensversicherungen wälzen ihre Probleme auf die Kunden ab

Bis zu sieben Prozent Verzinsung bei der Lebensversicherung, das war einmal. Eine Auswertung der Bundesregierung zeigt nun, wie Konzerne die Ausschüttungen an Kunden drücken - obwohl ein Gesetz das verhindern soll.
Von Anne Seith und Dominik Reintjes
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Inhaber von Kapitallebensversicherungen sind schlechte Nachrichten mittlerweile gewohnt: Die Prognosen für ihre Auszahlungen sinken Jahr um Jahr, die laufende Verzinsung liegt 2018 im Schnitt nur noch bei 2,4 Prozent. In den Neunzigerjahren waren es noch über sieben Prozent.

85 Millionen Lebensversicherungen haben die Deutschen abgeschlossen, doch der Klassiker unter den Produkten - die Kapitallebensversicherung - lohnt sich immer weniger, das gilt auch für die Anbieter.

Nun gibt die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag einen Eindruck davon, wie viele Versicherer die Folgen der Niedrigzinspolitik auf ihre Kunden abwälzen.

Die Unternehmen legen die Sparbeiträge ihrer Kunden vor allem in sichere Anleihen an, die aber wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen. So bekommen die Versicherten am Ende der Sparphase immer weniger ausbezahlt.

12 Milliarden weniger Rohüberschuss

Hinzu kommt, dass die Versicherer Altkunden in besseren Zeiten Mindestverzinsungen von bis zu vier Prozent garantierten. Um dieses Versprechen langfristig einhalten zu können, müssen die Unternehmen seit 2011 eine sogenannte Zinszusatzreserve aufbauen. Das drückt schwer aufs Budget - und reduziert die Mittel, die für andere Kunden zu Verfügung stehen.

So ging der sogenannte Rohüberschuss, aus dem die Versicherten bedient werden, in den vergangenen Jahren von fast 26,7 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 10,4 Milliarden Euro 2016 zurück. Ohne die Zinszusatzreserve hätte er allerdings 2016 bei 22,7 Milliarden Euro gelegen.

Eigentlich hatte die letzte Bundesregierung verhindern wollen, dass diese prekäre Entwicklung allein zu Lasten der Versicherten geht. Wenn es der Branche schlecht gehe, müssten auch die Eigentümer der Lebensversicherer dafür gerade stehen, erklärte das Bundesfinanzministerium.

2014 wurde deshalb ein "Gesetz zur Absicherung stabiler und fairer Leistungen für Lebensversicherte" verabschiedet - kurz: Lebensversicherungsreformgesetz.

Darin heißt es unter anderem, dass die Versicherungen Gewinne nicht mehr an ihre Eigentümer auszahlen dürfen, wenn die Leistungen für die Versicherten gefährdet sind.

Dieses Regelung wird aber offenbar weiträumig umgangen: Über Gewinnabführungsverträge zweigen viele Lebensversicherer immer größere Summen beispielsweise an ihre Muttergesellschaften ab. Wurden 2012 auf diesem Wege noch etwas mehr als 350 Millionen Euro aus den Unternehmen geschleust, waren es 2016 rund 1,1 Milliarden Euro.

Unterm Strich belief sich der Gesamtüberschuss der Branche so 2016 auf lediglich 335,5 Millionen Euro - ohne Gewinnabführungsverträge wären es aber rund 1,45 Milliarden Euro gewesen.

Auch die Zahl der Unternehmen mit Gewinnabführungsverträgen ist seit Inkrafttreten des Lebensversicherungsreformgesetzes stark gestiegen: Von 23 im Jahr 2013 auf 31 im Jahr 2016. "Die Daten veranschaulichen, dass es aktuell keine wirksame Ausschüttungssperre für die Eigentümer gibt, weil sie einfach umgangen wird", moniert der Grünen-Abgeordnete Gerhard Schick, der die Anfrage gestellt hat. Das müsse nun "dringend korrigiert werden".

Gutachten des Bundestags

Rein rechtlich wäre es möglich, das Ausschüttungsverbot auch auf Gewinnabführungsverträge auszuweiten. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Eine solche Gesetzesänderung wäre "wohl verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden, um Defizite bei der Sicherung der Versichertenansprüche zu beheben", heißt es darin.

Dass die Lebensversicherer dazu neigen, den Versicherten nur noch das gesetzlich vorgeschriebene absolute Minimum ihrer Einnahmen zukommen zu lassen, zeigen auch zwei andere Zahlenreihe, die in der Antwort auf Schicks Anfrage aufgelistet ist: Sie zeigen, dass die Versicherten von den Überschüssen immer weniger abbekommen - und die Unternehmen immer mehr.

Wurden 1995 noch 97,5 Prozent dieser Rohüberschüsse an die Versicherten ausgeschüttet, waren es 2016 demnach nur noch 85,9 Prozent. Der Anteil für die Unternehmen stieg in der gleichen Zeit von 2,5 auf 14,1 Prozent.

Zwar sind bei dieser Rechnung die Kosten der hohen Zinsgarantien noch nicht berücksichtigt. Für Schick ist das Gesamtbild jedoch klar:

"Die Krise der Lebensversicherer geht voll zu Lasten der Versicherten. Sie schultern mit geringeren Überschussanteilen die Probleme der Unternehmen", sagt der Grünen-Abgeordnete.

Die Versicherer dagegen, so Schick, "streichen ihre Gewinne wie eh und je ein".