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Entschuldigung nach 50 Jahren: Pharmafirma bekennt sich zu Contergan-Skandal

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Entschuldigung im Contergan-Skandal 50 Jahre Schweigen

"Entschuldigung" - dieses Wort findet Arzneimittelhersteller Grünenthal erst nach mehr als 50 Jahren. Wegen seines Schlafmittels Contergan kamen Tausende Kinder mit Behinderungen zur Welt. Der Geschäftsführer bat um Verzeihung für das lange Schweigen, Betroffene fordern Taten.

Hamburg - Es hatte schon keiner mehr damit gerechnet. Erst nach mehr als 50 Jahren hat sich Grünenthal dazu durchgerungen, worauf so viel Contergan-Geschädigte gewartet haben: eine Entschuldigung. Harald Stock, der Geschäftsführer des Arzneimittelherstellers, wandte sich am Freitag an die Opfer des Medikamentenskandals. Es sei bedauerlich, dass Grünenthal nicht früher auf die Opfer zugegangen sei, sagte er. "Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen. Das tut mir leid."

Doch warum spricht die Firma ausgerechnet jetzt über ihren Fehler? Jahrzehntelang hatten sich die Pharma-Manager gewunden. Noch vor fünf Jahren versuchte die Firma mit allen juristischen Mitteln, die Ausstrahlung des WDR-Films "Eine einzige Tablette" zu verhindern. Mehrfach hatte Grünenthal zwar sein Bedauern über die "Tragödie" zum Ausdruck gebracht. Aber eine formelle Entschuldigung gab es nie.

Sie kam nun während der Enthüllung eines Denkmals in Stolberg, dem Sitz von Grünenthal. Johannes Igel, selbst Betroffener, hatte die umstrittene Statue im Alleingang initiiert: Ein Mädchen ohne Arme sitzt auf einem Stuhl. Daneben steht noch ein zweiter Stuhl, der leer ist. Auf einem Schild steht: "Zur Erinnerung an die Toten und Überlebenden der Contergankatastrophe."

Der Entschuldigung ging ein heftiger Streit voraus

Doch die Bronze-Skulptur sorgte schon im Vorfeld für Streit. Die Kosten von 5000 Euro hatte nämlich Grünenthal übernommen. Der Bundesverband Contergangeschädigter sprach von einer "günstigen PR-Maßnahme" für die Firma. "Die Planungen haben wir nur scheibchenweise mitbekommen. Wir wussten lange nicht, wie die Skulptur heißt, und noch länger nicht, wer sie bezahlt", erklärte der Verband. Die Betroffenen seien "aus allen Wolken gefallen, als Grünenthal als Sponsor zutage getreten sei. "Wir stehen nicht zum Contergan-Denkmal", erklärte der Verband. Stattdessen gab es zum Festakt Demonstrationen von Betroffenen.

Grünenthal drohten also erneut negative Berichte. Doch nun werden die Schlagzeilen von der Entschuldigung bestimmt. Diese sei aber unabhängig von den Protestankündigungen formuliert worden, betonte Grünenthal-Sprecher Frank Schönrock. "Abzuleiten, dass wir nur auf die Kritik reagieren, ist nicht richtig", sagte er.

Grünenthal-Geschäftsführer Stock versuchte, das lange Schweigen der Firma zu erklären. "Wir bitten Sie, unsere lange Sprachlosigkeit als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen, die Ihr Schicksal bei uns bewirkt hat", sagte er. Das Denkmal symbolisiere einen wichtigen Meilenstein einer Entwicklung hin zu einem dauerhaften Dialog.

Als er nach seiner Rede die Bühne verließ, brandete im Saal Beifall auf. Vielleicht fiel es dem heutigen Geschäftsführer leichter als seinen Vorgängern, die Entschuldigung zu formulieren. Stock wurde 1968 geboren. Damals war das Schlafmittel Contergan bereits seit Jahren vom Markt.

Nun soll die Skulptur des Künstlers Bonifatius Stirnberg in einem Kulturzentrum der Stadt Stolberg ihren Platz finden. Manche hatten sich einen prominenteren Ort gewünscht. Schließlich steht Contergan für den größten Medikamentenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.

"Unschädlich wie Zuckerplätzchen"

1957 brachte Grünenthal das Schlafmittel auf den Markt. Contergan sei "unschädlich wie Zuckerplätzchen", priesen es Grünenthal-Vertreter an. Tausende Schwangere greifen zu dem lange rezeptfreien Medikament. In den folgenden Jahren melden Kinderärzte eine Zunahme an Fehlbildungen bei Neugeborenen. Die Kinder haben schwere Organschäden und kommen mit verkümmerten Gliedmaßen zur Welt.

Der Wirkstoff Thalidomid führte zu Nervenschädigungen und Missbildungen von Embryos, stellte sich später heraus. Grünenthal stritt zunächst einen Zusammenhang zwischen Contergan und den Fehlbildungen ab. Erst im November 1961 nahm die Firma das Schlafmittel aus dem Handel. Weltweit wurden etwa 10.000 Opfer gezählt. Allein in Deutschland kamen 5000 Babys mit Contergan-Schäden zur Welt. 40 Prozent von ihnen starben noch im Säuglingsalter. Die rund 2400 noch in Deutschland lebenden Contergan-Opfer sind inzwischen 50 Jahre und älter. Einer der bekanntesten Betroffenen ist der Sänger Thomas Quasthoff.

Ein langwieriger Prozess gegen Grünenthal-Verantwortliche endete 1970 mit einem Vergleich. Grünenthal verpflichtete sich, rund hundert Millionen Mark zur Entschädigung der Contergan-Opfer bereitzustellen. 1972 wurde mit Beteiligung des Bundes eine Stiftung gegründet, die heute "Conterganstiftung für behinderte Menschen" heißt. Das Geld war 1997 aufgebraucht. 2009 überwies Grünenthal noch einmal 50 Millionen Euro an die Stiftung. Diese zahlt je nach Schwere der Behinderung pro Monat zwischen 250 und 1127 Euro Rente an Betroffene. Grünenthal offeriert seit 2011 zudem die Erstattung außergewöhnlicher Kosten, die Folge einer Contergan-Behinderung sind. Wie viel die Firma bereits gezahlt hat, will der Sprecher nicht sagen. Man habe mit den Betroffenen verabredet, nicht über Summen zu sprechen.

"Jetzt müssten auch Taten folgen"

Auch nach der Entschuldigung dürfte das Thema Contergan für Grünenthal nicht erledigt sein. Als Geschäftsführer Stock seine Rede beendet hat, meldet sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort. Schöne Reden seien das eine, sagt sie. Aber was die Opfer im Alter wirklich bräuchten, sei Geld. Zum Beispiel für Zahnersatz. Und zwar einen, der über das normale AOK-Gebiss hinausgehe, sagt die Frau. Denn manche Contergan-Geschädigte müssten sehr viel mit den Zähnen machen. Flaschenöffnen zum Beispiel.

Denkmal-Initiator Igel sagt, die Entschuldigung sei an der Zeit gewesen. "Jetzt müssten auch Taten folgen."

mit Material von dpa und dapd
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