Milliardenverlust Die Lebenslüge von der profitablen Deutschen Bahn

Erstmals seit Jahren steht die Deutsche Bahn vor einem Verlust - zumindest offiziell. Denn in Wahrheit ist die Lage schlimmer: Der Konzern ist schon lange unprofitabel - das Minus wird nur von den Zuschüssen der Steuerzahler verdeckt.
Kopf in den Zug stecken: Bahn und Politik stehen nicht zu ihren Tricks

Kopf in den Zug stecken: Bahn und Politik stehen nicht zu ihren Tricks

Foto: Christoph Schmidt/ picture alliance / dpa

Ein Milliardenverlust bei der Bahn, die Zahlen so mies wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr - es läuft im Moment nicht wirklich rund für Konzernchef Rüdiger Grube. Aber, so wird der deutsche Ober-Bahner seine Kritiker vermutlich bald wissen lassen: Alles halb so wild.

Zum einen soll ja in Zukunft vieles besser werden. Und zum anderen beruht der Verlust in diesem Jahr vor allem auf Sondereffekten. Schuld ist insbesondere eine horrende Wertberichtigung beim seit Jahren sanierungsbedürftigen Schienengüterverkehr. Im Kern, so dürfte Grubes Geschichte weitergehen, macht die Bahn noch immer Gewinn.

Dass Deutschland eine profitable Eisenbahn hat, ist seit Langem eine der größten Lebenslügen der Politik. Zwar hat der wichtigste Staatskonzern in den vergangenen Jahren immer wieder Bilanzen vorgestellt, die viele schwarze Zahlen enthielten - und die dem Konzern sogar ermöglichten, seinem Eigentümer Bund eine Dividende zu zahlen. Nur: Mit der Realität haben diese schönen Bilanzen wenig zu tun. Es handelt sich vielmehr um potemkinsche Profitabilität.

Fast sechs Milliarden Euro Investitionen fließen pro Jahr ins Schienennetz. Sie werden überwiegend vom Bund finanziert. Mit anderen Worten: Der Bundesverkehrsminister spendiert viel Geld, damit der Bahnchef ein bisschen Gewinn machen kann.

Selbst in den besten Zeiten des Konzerns, die inzwischen auch schon eine ganze Weile zurückliegen, war das Unternehmen für den Steuerzahler ein Zuschussgeschäft. Im bislang erfolgreichsten Jahr 2006 erzielte die Bahn ein Ergebnis von 1,7 Milliarden Euro. Zieht man davon all das Geld ab, das der Bund damals überwies, stand für den Steuerzahler unterm Strich ein Minus von über 1,5 Milliarden Euro.

Die Bahn macht Schulden, damit Schäuble die schwarze Null hält

Der Schienenverkehr insgesamt ist noch weitaus defizitärer, da noch die zig Milliarden dazukommen, die der Bund den Ländern für den Regionalverkehr spendiert und unter anderem noch üppige Pensionslasten anfallen. Zwischen 2005 und 2013 steckte allein der Bund mehr als 130 Milliarden Euro in das System Schiene. Hauptprofiteur auch dabei: die Deutsche Bahn.

Trotz dieser eindeutigen Zahlen gibt es sowohl beim Staatskonzern als auch in der Politik wenig Bereitschaft, sich endlich ehrlich zu machen und zu sagen "Wir wollen einen wettbewerbsfähigen Schienenverkehr - und den leisten wir uns auch!"

Wie gering diese Bereitschaft ist, zeigt sich ebenfalls im aktuellen Zahlenwerk. Trotz der desolaten Lage will die Bahn ihrem Eigentümer weiterhin eine üppige Dividende ausschütten: Der Bund bekommt also brav 850 Millionen Euro pro Jahr. Egal, was auch passiert! Um diese Summe aufzuwenden, nimmt Grube sogar in Kauf, dass die Verschuldung des Konzerns in den kommenden Jahren von rund 18 auf bis zu 22 Milliarden Euro steigt.

Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Damit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble keine zusätzlichen Schulden aufnehmen muss, erledigt dies eben der Bahnchef. Mit der Bezeichnung "Taschenspielertrick" ist dieses Manöver nur unzureichend gewürdigt.

Und vorausschauend ist es auch nicht: Wenn die Zinsen nur um 2,5 Prozentpunkte steigen, kosten die 22 Milliarden Euro Schulden den Konzern jedes Jahr 550 Millionen Euro mehr. Die muss Grube dann erst einmal erwirtschaften. Aber auch das wird für den Bahn-Chef am Ende womöglich halb so wild sein: Schließlich kann man ja die Ticketpreise erhöhen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.