Pleite von Dewey & LeBoeuf "Lehman Brothers der Juristen"

Es ist die größte Juristenpleite der USA: Die traditionsreiche New Yorker Großkanzlei Dewey & LeBoeuf wird abgewickelt. Der Untergang wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, die ihr Geschäftsmodell mit exorbitanten Stundensätzen und Gehältern radikal verändern muss.
Dewey & LeBoeuf Hauptquartier in New York:

Dewey & LeBoeuf Hauptquartier in New York:

Foto: ? Shannon Stapleton / Reuters/ REUTERS

Die US-Fernehserie "Good Wife" lebt von Schlagzeilen der realen Welt. Das populäre TV-Drama um die fiktive Anwaltskanzlei Lockhart & Gardner hat schon viele echte Skandale ausgeschlachtet: sexsüchtige Politiker, rassistische Cops, korrupte Richter, skrupellose Konzernchefs, drogenkranke Hollywood-Stars.

Im Finale der jüngsten Staffel fand sich Lockhart & Gardner selbst am Pranger: Finanzprobleme und Ermittlungen gegen einen Top-Partner trieben die Firma an den Rand des Ruins. "Wir sind hier, um euch zu zerstören", triumphierte ein Konkurrenzanwalt, wobei im Konferenzraum der Kanzlei prompt das Licht zu flackern begann.

Die Szene, die Ende April zehn Millionen Amerikaner sahen, wurde schon vor langem gedreht, aber die aktuellen Parallelen sind verblüffend. Denn diese Woche gehen für eine der altehrwürdigsten US-Kanzleien tatsächlich die Lichter aus: Das New Yorker Traditionshaus Dewey & LeBoeuf, das zur besten Zeit rund 1500 Juristen in zwei Dutzend Filialen weltweit beschäftigte, hat seine Abwicklung eingeleitet. Die Gründe: Finanzprobleme und Ermittlungen gegen einen Top-Partner.

Wie das Drehbuch für eine Seifenoper

Der Kollaps der Kanzlei, deren Ursprünge bis 1909 zurückreichen, ist nicht nur die größte und spektakulärste Juristenpleite der US-Geschichte, sondern ein Shakespeare-würdiges Drama, dem selbst die Wirrungen von "Good Wife" kaum gerecht werden. Dewey & LeBoeuf, kommentiert die "New York Times", sei "das Lehman Brothers der Juristen". Allerdings: "Das wäre unfair gegenüber Lehman Brothers."

Die aufsehenerregende Pleite ist nun der Schlusspunkt. Die New Yorker verfolgen sie seit Wochen wie eine Seifenoper im Fernsehen. Lokalzeitungen und einschlägige Jurablogs protokollierten, sezierten und kommentierten jeden Schritt so emsig, wie Klatschspalten die Millionen-Scheidung eines Promi-Pärchens.

Und Promis waren auch die Stars von Dewey & LeBoeuf, die teils Stundensätze von mehr als 1000 Dollar einspielten und dafür siebenstellige Gehälter kassierten, plus Gewinnbeteiligung und Boni. Zu ihren 5000 Mandanten zählten Konzerne wie AT&T, GM, Disney, Ebay und MetLife, aber auch Basketball- und Baseballteams. Für die kämpften sie mit den härtesten Bandagen, die man mit Geld erwerben konnte - vor Gericht und als Lobbyisten in den Hallen des US-Kongresses.

Arroganz, Maßlosigkeit und schamlose Gier

So großspurig das Auftreten von Dewey & LeBoeuf war, so schockierend ist jetzt der Abgang: Die Kanzlei hinterlässt 315 Millionen Dollar Schulden mit bis zu 10.000 Gläubigern - Banken, Makler, Ex-Partner. Allein die Wall-Street-Bank JP Morgan Chase hat Anspruch auf 75 Millionen Dollar. Die Ironie: Die komplexe Abwicklung wäre ein perfekter Fall für die Experten von - Dewey & LeBoeuf.

Die begründeten das Debakel im Insolvenzantrag mit "einer der schwersten Wirtschaftskrise der US-Geschichte". Doch hinter der Pleite steckt viel mehr: Arroganz, Maßlosigkeit, schamlose Gier. Allerdings war das kein spezielles Dewey & LeBoeuf-Problem. Das gesamte US-Kanzleisystem, über Jahrzehnte hinweg verkrustet, droht zu kollabieren. "Die fundamentalen Eigenschaften der ganzen Industrie werden hiermit in Frage gestellt", sagte der Managementprofessor Olivier Chatain dem Finanzmagazin "Forbes". "Das Geschäftsmodell muss sich weiterentwickeln."

Dieses Geschäftsmodell geht so: Großkanzleien wie Dewey & LeBoeuf sind im Besitz von mehreren Partnern. Diese Partner - altgediente Anwälte - haben somit an ihrer Firma einen finanziellen Anteil, den sie einmalig investieren müssen, wenn sie zu Partnern befördert werden. Das geschieht oft über interne Firmendarlehen. Im Gegenzug bekommen sie eine Gewinnbeteiligung, über ihre sechs- bis siebenstelligen Gehälter hinaus.

Dewey & LeBoeuf zahlte Jahresgehälter von bis zu fünf Millionen Dollar

Das Kapital für diese großzügigen Auszahlungen sammeln die Kanzleien über Gebühren und Stundensätze ein, die zum Großteil von einem Ameisenheer aus "Associates" erarbeitet werden - Junganwälte, die noch keine Partner sind und "nur" reguläre Gehälter bekommen.

Dewey & LeBoeuf zockte auf höchster Ebene mit. Um sich gegen die Konkurrenz anderer US-Kanzleien zu behaupten, machte es vielen Rivalen die besten Partner abspenstig - indem es denen astronomische Saläre und Boni garantierte. Beobachter zählten aktuell rund hundert solcher Verträge im Wert von je bis zu fünf Millionen Dollar im Jahr. Diese Garantien, auf Kosten der normalen Angestellten, galten selbst in der Branche als vollkommen überzogen.

Dabei hatte Dewey & LeBoeuf auch ohne die finanziellen Verlockungen einen Ruf, der den Partnern lebenslangen Ruhm und Reichtum versprach. Die globale Großinstitution war im Oktober 2007 aus der Fusion zweier traditionsreicher Kanzleien entstanden: Dewey Ballantine, benannt nach Ex-Gouverneur Thomas Dewey, und LeBoeuf, Lamb, Greene & MacRae, gegründet 1929. Leider war das Timing ungünstig. Neun Monate später ging Lehman Brothers unter, die Finanzkrise begann - und die Geschäfte gingen drastisch zurück.

2008 begann der Niedergang

Nicht nur wegen der Krise, sondern auch durch einen strukturellen Wandel: Immer mehr US-Konzerne regelten juristische Angelegenheiten über hauseigene Anwälte, während Privatleute auf billigere Optionen auswichen, etwa Online-Dienste wie LegalZoom.com, mitgegründet vom O.-J.-Simpson-Anwalt Robert Shapiro.

Offenbar schon ab 2008 setzte Dewey & LeBoeuf deshalb erstmals interne Auszahlungen aus, vertröstete Partner und Ex-Partner. Auch bei den Banken, die Dewey & LeBoeuf mit langfristigen Millionenkrediten am Wickel hatten, kam es bald in Verzug. Die Lawine begann - als unsichtbarer Schneeball. Dewey & LeBoeuf erodierte von außen wie von innen. Solidarität und Loyalität, die Fundamente jeder guten Kanzlei, bröckelten immer weiter. Ein Partner nach dem anderen ging. Dewey & LeBoeuf verlor sein einzig wahres Kapital - die Top-Anwälte.

Dann nahm die Bezirksstaatsanwaltschaft auch noch Ermittlungen gegen Deweys Chairman Stephen Davis auf, der 2007 die Fusion vorangetrieben hatte. Der Anlass: Verdacht auf "finanzielle Unregelmäßigkeiten". Die Justiz hatte interne Dokumente gesteckt bekommen - von einer Reihe erboster Dewey-Partner. Dewey probierte vieles aus: ein neues Führungstrio, eine Fusion mit Konkurrenten, Umschuldung. Nichts funktionierte. Der Exodus der Partner, vergleichbar mit einem Bank-Run, war nicht mehr aufzuhalten - die Firma blutete aus.

Anwälte machen Millionenansprüche gegen die Anwaltskanzlei geltend

Dewey & LeBoeuf ist nicht die erste Kanzlei, die seit Beginn der Krise Pleite geht, aber es ist die renommierteste. Die Folgen sind für viele Menschen dramatisch. Die Partner sitzen auf ungetilgten Krediten - und haften mit ihren Anteilen für die Firmenschulden. Ex-Partner verlieren ihre Pension. Junganwälte verlieren Jobs und ganze Karrieren. Am schlimmsten aber ist es für die Sekretärinnen, Assistenten und anderen Angestellten: Die verlieren alles.

Schon gibt es erste Klagen gegen Dewey & LeBoeuf. So verlangt die Rentenverwaltung Pension Benefit Guaranty im Namen von 1776 Dewey & LeBoeuf-Mitarbeitern rund 80 Millionen Dollar. Auch Deweys Ex-Vizechef Morton Pierce hat Anspruch auf 61 Millionen Dollar angemeldet.

Am Dienstag schleppten Möbelpacker Kisten aus der Dewey & LeBoeuf-Zentrale in Manhattan, einem Hochhaus an der Sixth Avenue. Als einer der Letzten hielt Insolvenzanwalt Martin Bienenstock die Stellung. "Wenn Sie im Hintergrund Lärm hören", sagte er der "New York Times" am Telefon, "das sind die Möbelpacker."