Abschied des BDA-Präsidenten Dieter Hundts süßer Machttisch

Die Wirtschafts- und Politikelite der Bundesrepublik versammelte sich zum Abschiedsessen von Dieter Hundt - und der scheidende Arbeitgeberpräsident musste bei der Tischordnung endlich keine Rücksichten mehr nehmen. Das bekamen auch zwei Minister zu spüren.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: Mit allem durch
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Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: Mit allem durch


"Wer hier ist, ist wichtig", leitete die Moderatorin Nina Ruge am Montagabend ihre Moderation ein. Und zumindest was die Handvoll Tische im Zentrum des Geschehens angeht, hatte sie eindeutig recht. Dieter Hundt, der scheinbar ewige und nun doch abgetretene Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) hatte zu seinem Abschiedsessen ins Historische Museum in Berlin geladen. Und allein anhand der Tischordnung (siehe Grafik) lässt sich ein Sittengemälde der deutschen Wirtschafts- und Politikelite malen: Wer sitzt im Zentrum des Geschehens, wer am Rand? Wer muss unbedingt mit wem ins Gespräch gebracht werden, und wer darf welchem Intimfeind auf keinen Fall begegnen?

Die Antworten auf diese Fragen fallen an diesem Abend auch deshalb spannend aus, weil der 75-jährige Hundt mit allem durch ist. Gerade frisch zum BDA-Ehrenpräsidenten ernannt, muss er keine politischen Rücksichten mehr nehmen. Deshalb darf man getrost davon ausgehen: Hundts Tischordnung drückt Sympathie und Antipathie, Wert- und Geringschätzung ein Stück weit deutlicher aus als sonst üblich bei Veranstaltungen an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft.

Hundts Tischordnung: Alles kreist um Goethe
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Klar, im Zentrum des Geschehens sitzen neben Hundt Kanzlerin Angela Merkel und Ex-Kanzler Helmut Kohl. An der einen Seite neben Merkel Hundts Nachfolger beim BDA, Ingo Kramer. Der muss schließlich schleunigst ein möglichst inniges Verhältnis zu Merkel aufbauen.

Dass Hundt den anderen Platz neben Merkel für DGB-Chef Michael Sommer reserviert hat, zeugt von der besonderen Nähe zwischen BDA und Einheitsgewerkschaft - gemeinsam kämpft man schließlich für Flächentarifvertrag und Tarifeinheit. Der Klassenfeind ist längst Sozialpartner.

Mit Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen, eigentlich die Hauptansprechpartnerin eines Arbeitgeberpräsidenten, wurde Hundt hingegen nie richtig warm - von der Leyens teure Rentenpläne und ambitionierte Quotenregeln waren Hundt immer ein Graus. Und dass auch in den Lebenswelten eine gewisse Ferne zwischen den beiden herrscht, wurde spätestens klar, als Hundt seiner Ehefrau dankte, die "nie geklagt" und die Kinder "fast allein" großgezogen habe.

Ein Platz am Ehrentisch blieb von der Leyen verwehrt - im Gegensatz zum weit weniger einflussreichen EU-Kommissar Günther Oettinger. Noch schlimmer erwischte es Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Der scheidende Vizekanzler fand sich an einen zweitklassigen Tisch verbannt und ausgerechnet neben Hubertus Heil platziert - jenen SPD-Politiker, dem Ambitionen auf Röslers Ministerposten nachgesagt werden.

Dass hingegen Wolfgang Schäuble nicht an Hundts Tisch sitzen dufte, liegt wahrscheinlich am ehernen Grundgesetz jeder Berliner Tischordnung: Der Finanzminister darf sich auf keinem Fall genötigt sehen, von seinem Intimfeind Kohl Notiz nehmen zu müssen. Im Historischen Museum fanden sich die beiden zwar in bedenklicher Nähe zueinander, aber immerhin Rücken an Rücken an verschiedenen Tischen.

Gleich vier Plätze am Hundt-Tisch besetzten Mitglieder des Porsche-Piëch-Clans - immerhin ist Hundt ganz nebenbei auch noch Alleininhaber des Automobilzulieferers Allgaier Werke. Für die Vertreter der Schwesterverbände des BDA blieb da leider kein Platz mehr. Ob Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank und Präsident des Bankenverbands; ob Ulrich Grillo vom Bundesverband der Deutschen Industrie; ob Eric Schweizer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages: Sie alle fanden sich in sicherer Entfernung von Hundt platziert.

Und doch konnten die Verbannten sich mit einem Blick auf die vielen Plätze trösten, die hinter den insgesamt neun nach Dichterfürsten benannten Ehrentischen noch folgten. Auch die sonnenfernen Planeten brauchten schließlich einen kleinen Platz im Universum des Dieter Hundt.



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