Chefwechsel bei Daimler Zetsche geht, das System Zetsche bleibt

Dieselaffäre und sinkende Gewinne haben Dieter Zetsche zuletzt stark unter Druck gesetzt. Trotzdem hat der Daimler-Chef seinen Zukunftsplan nun durchgesetzt: Ein enger Vertrauter soll ihm an die Spitze folgen.
Noch-Daimler-Chef Zetsche

Noch-Daimler-Chef Zetsche

Foto: Soren Andersson/TT/ AP

Nach 13 Jahren als Daimler-Chef wird Dieter Zetsche sein Amt abgeben. Auf der Hauptversammlung des Autokonzerns im Mai 2019 soll sein Nachfolger gekürt werden, der bisherige Entwicklungsvorstand Ola Källenius. Das hat der Aufsichtsrat des Autokonzerns am Mittwoch beschlossen.

Die Personalie an sich ist zunächst nicht überraschend, schließlich galt der 49-jährige Schwede Källenius schon lange als Kronprinz des 65-jährigen Zetsches. Ebenso war angedacht, dass Zetsche 2021 nach einer zweijährigen Abkühlungsphase an die Spitze des Aufsichtsrats rücken würde. Hinter dem heutigen Beschluss steckt aber noch mehr: der Wille des Aufsichtsrats, für Stabilität zu sorgen. Und Spekulationen über ein Ausscheiden Zetsches zu beenden.

Der Verdacht der Verkehrsbehörden, Daimler habe Hunderttausende Dieselautos manipuliert, hatte den Konzernchef gewaltig unter Druck gesetzt. Hinzu kommen Ermittlungen der EU-Kommission wegen eines Autokartells, das der SPIEGEL aufgedeckt hat. Auch geschäftlich lief es zuletzt nicht mehr rund bei Daimler: Der Konzern musste seine Aktionäre vor sinkenden Gewinnen warnen.

Trotz - oder vielleicht gerade wegen - dieser Unsicherheiten bleibt eine Revolution bei Daimler nun aus. "Der bevorstehende Wandel der Autoindustrie benötigt Kompetenz und Kontinuität in der Führung des Unternehmens", sagt der IG-Metall-Bezirksleiter und Daimler-Aufsichtsrat Roman Zitzelsberger.

Die Befürworter eines radikaleren Führungswechsels haben damit eine Niederlage erlitten. Bis zuletzt herrschte im Konzern ein erbitterter Wettstreit zweier Personen und ihrer Zukunftskonzepte.

Fest steht: Ab Ende 2019 soll Daimler aus drei weitgehend eigenständigen Einheiten bestehen - Pkw, Lastwagen und Dienstleistungen. Strittig war jedoch, wie unabhängig diese Einheiten tatsächlich agieren sollten.

Finanzvorstand Bodo Uebber stand für eine radikalere Version des Wandels. Die Pkw-Sparte um die Marke Mercedes, das Herzstück der künftigen Daimler-Holding, sollte demnach einen eigenen Chef erhalten. Uebber selbst wäre wohl an die Spitze der übergeordneten Konzernholding gerückt.

Zetsche dagegen stand für die weichere Variante. Die Macht sollte nicht zwischen Holding und Pkw-Sparte aufgeteilt werden, sondern in einer Hand bleiben. Zetsches Vertrauter Ola Källenius, so die Idee, würde beides in Personalunion führen.

"Endlich Klarh eit, wie es weitergeht"

Ola Källenius

Ola Källenius

Foto: Kai Pfaffenbach/ REUTERS

Diese Version hat sich jetzt durchgesetzt, mit einer wichtigen Konsequenz: Der Konzern wird künftig nicht drei wichtige Häuptlinge haben, sondern nur zwei. Es ist ein Zuschnitt, der es Zetsche ermöglicht, auch künftig eine tragende Rolle im Konzern zu spielen.

"Das System Zetsche hat sich durchgesetzt", sagt Arndt Ellinghorst, Autoexperte des Analysehauses Evercore ISI. "Damit herrscht jetzt endlich Klarheit, wie es weitergeht."

Auch die Belegschaftsvertreter befürworten die neue Struktur. "Wir sind überzeugt, dass wir durch diese Einheit die Schlagkraft des Konzerns und die Stärke der Dachgesellschaft fördern", sagt Michael Brecht, Betriebsratschef und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Daimler. Sowohl Zetsche als auch dessen Nachfolger Källenius spricht er das Vertrauen aus.

Diese Rückendeckung ist bemerkenswert: Das Verhältnis zwischen Betriebsrat und Konzernführung war zuletzt spürbar abgekühlt. Brecht hatte Zetsche aufgefordert, alle Vorwürfe der Verkehrsbehörden konsequent aufzuklären.

Nun heißt es seitens der Arbeitnehmer, für Zetsche gelte die Unschuldsvermutung. Wichtiger noch: Sein Nachfolger Källenius sei in der Dieselaffäre unbelastet. Er wurde erst Anfang 2017 Chef des Entwicklungsressorts, das für Motoren und Abgassysteme zuständig ist. Das war lange nach Bekanntwerden des Skandals.

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Abgasskandal: Diese Modelle werden zurückgerufen

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Auf Källenius warten nun große Herausforderungen. Viele Mercedes-Modelle stehen am Ende ihres Lebenszyklus. Der neue Chef muss die Produktpalette erneuern - und eine Strategie für das Zeitalter der E-Mobilität entwickeln. Daimler steht vor einer unsicheren Zukunft.