Discounter Ernährungsindustrie beklagt ruinösen Preiskampf

Die stark gebeutelte Ernährungsindustrie schlägt Alarm. Der Verband BVE fordert im Vorfeld der Verbrauchermesse Grüne Woche von der Bundesregierung, gegen den Preisverfall einzuschreiten. Der Wettbewerb werde mit fragwürdigen Praktiken geführt.

Einkauf beim Discounter: "Das Verramschen von Lebensmitteln muss aufhören"
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Einkauf beim Discounter: "Das Verramschen von Lebensmitteln muss aufhören"


Berlin - Die angeschlagene deutsche Lebensmittelindustrie will die Rabattschlachten in Billig-Supermärkten nicht länger hinnehmen: Sie fordert von der Bundesregierung ein Einschreiten gegen den Preisverfall in der Branche und die Nachfragemacht der Lebensmitteldiscounter. "Das Verramschen von Lebensmitteln muss aufhören", sagte der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham, am Mittwoch in Berlin. Der Wettbewerb werde teilweise mit fragwürdigen Praktiken geführt, sagte er. Solche Missstände müsse die Politik beheben.

Nach Berechnungen der BVE erzielte die Ernährungsindustrie 2009 einen Umsatz von 150 Milliarden Euro. Das sind 4,2 Prozent weniger als im Vorjahr - der stärkste Umsatzeinbruch seit Bestehen der Bundesrepublik. Doch trotz Preissenkungen kauften die Verbraucher nicht mehr ein. Insgesamt wurden sie so um mehr als sechs Milliarden Euro entlastet. "Dieses Konjunkturpaket hat die Lebensmittelindustrie finanziert", sagte eine Verbandsprecherin der Wirtschaftswoche.

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Immerhin erwartet der BVE für das laufende Jahr ein geringes Wachstum von einem Prozent. Voraussetzung sei aber, dass das Exportgeschäft wieder Fahrt aufnehme. Allerdings rechneten nach einer Branchenumfrage 80 Prozent der Unternehmen mit keiner Verbesserung der ohnehin schwachen Ertragslage.

"Wir brauchen gegen den Preisverfall neue Instrumente"

Gründe seien zwölf Preissenkungsrunden in den vergangenen zwölf Monaten und ein stagnierendes Exportgeschäft. Die Lebensmittel- und Getränkehersteller hätten 2009 ihre Preise insgesamt gegenüber dem Vorjahr um vier Prozent senken müssen. Treibende Kraft dabei sei der Kampf der Discounter um Marktanteile. Über diese Ketten würden 44 Prozent der Lebensmittel vertrieben. Der BVE vertritt nach eigenen Angaben 5800 Betriebe, in denen rund 535.000 Menschen beschäftigt sind.

BVE-Chef Abraham erklärte im Vorfeld der am Freitag in Berlin beginnenden Lebensmittelmesse Grüne Woche, im Kartellrecht gebe es genügend Mittel, um Monopole und Oligopole zu bekämpfen. "Ich glaube, man muss das, was da ist, anwenden." Das Kartellamt habe offenbar nicht immer alle Problematiken im Blick.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, forderte, eine Änderung des Kartellrechts zu prüfen: "Wir brauchen gegen den Preisverfall neue Instrumente." Der Einzelhandelsverband HDE wies den Vorwurf einer einseitigen Nachfragemacht des Lebensmittelhandels zurück. Handel und Hersteller stünden sich gleich stark gegenüber. Das gehe aus einer Studie der Universität Köln und der BBE Retail Experts hervor.

"Keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten"

Der Lebensmitteleinzelhandel sei als Absatzkanal zwar sehr bedeutsam, aber nicht überragend. So würden nur 22 Prozent der Gesamtproduktion von Fleisch über den Lebensmitteleinzelhandel vertrieben. Gastronomie, Direktabsatz, Großhandel, Online-Handel und Export seien weitere und wichtiger werdende Absatzmärkte für Erzeuger und Industrie.

Ein Sprecher des Bundeskartellamts erklärte, bislang lägen keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in der Ernährungsindustrie vor. Auch im Milchgeschäft gebe es keine Indizien für ein wettbewerbswidriges Verhalten des Einzelhandels. Die Behörde räumte jedoch ein, es gebe ein Machtgefälle zulasten der Erzeuger.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) kündigte im Vorfeld der Grünen Woche an, sie werde mit Wirtschaft und Handel sprechen, "wie faire Preise in der Lebensmittelkette erreicht werden können." Sie hatte bereits am Dienstag jene Verbraucher gegeißelt, die vornehmlich auf den Preis schauen.

Zur Grünen Woche als weltgrößten Verbraucherschau ihrer Art reisen in diesem Jahr 56 Landwirtschaftsminister an. Insgesamt werden 2010 über 400.000 Besucher erwartet, darunter 100.000 Fachbesucher. Vom 15. bis 24. Januar bieten rund 1000 deutsche und mehr als 500 ausländische Aussteller eine globale Leistungsschau der Land- und Ernährungswirtschaft.

fro/Reuters/apn

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