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08. April 2010, 18:51 Uhr

Discounter in der Kritik

Experten werfen Lidl Aussitzen vor

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Lidl wirbt mit sozialer Verantwortung - hält seine Versprechen aber nicht, sagen Verbraucherschützer. Jetzt verklagen sie den Discounter. Der Vorwurf: Die Kette drückt die Preise in der Dritten Welt. Doch auch die Verbraucher sind Schuld an der Ausbeutung.

Hamburg - Der Preis spricht für sich: Ein T-Shirt und eine kurze Hose für Kinder kosten bei Lidl zusammen 4,99 Euro. "Welcher Kunde ist denn noch so dickfellig und weiß nicht, dass jemand für solche Preise büßen muss?", fragt Kirsten Brodde. "Trotzdem werden die Sachen weiter gekauft." Brodde betreibt einen Blog für "Grüne Mode" und ärgert sich darüber, dass es immer wieder einen Aufschrei der Empörung über die Methoden der Discounter gibt, sich aber nichts ändert.

So wie jetzt bei der Klage gegen Lidl. Die Verbraucherzentrale Hamburg und die Kampagne für saubere Kleidung werfen dem Discounter vor, unzulässigerweise mit sozialer Verantwortung zu werben. Schließlich würden die Arbeiter in den Fabriken von Bangladesch ausgebeutet und erniedrigt.

"Ich finde die Klage gut", sagt Brodde. "Aber die Vorwürfe gegen Lidl sind doch hinlänglich bekannt. Trotzdem ändert sich erstaunlich wenig." Brodde kritisiert: "Die Firmen sitzen das einfach aus. Wenn der mediale Skandal abflaut, machen sie weiter wie bisher."

Auch Gisela Burckhardt von der Kampagne für saubere Kleidung (CCC) hält nichts von den Versprechen der Discounter. "Wenn sie einerseits von den Lieferanten Sozialstandards einfordern, zugleich aber immer weiter die Preise drücken, dann passt das nicht zusammen."

Forderung nach jährlichen Berichten über Sozialstandards

Burckhardt wirft Lidl vor, sich hinter einem Verhaltenskodex zu verstecken, für die Menschen in Bangladesch aber nichts tun zu wollen. Wie inzwischen 475 Firmen ist der Discounter Mitglied der Business Social Compliance Initiative (BSCI). Der BSCI-Verhaltenskodex enthält Regelungen zur Arbeitszeit, zu Löhnen und zur Gewerkschaftsfreiheit. Doch eine Verpflichtung, Sozialstandards einzuhalten, gibt es nicht.

Die CCC fordert daher, dass Unternehmen jährlich über die Umsetzung von Sozialstandards in der Lieferkette informieren müssen. Eine solche Berichtspflicht gibt es in Großbritannien bereits für börsennotierte Unternehmen.

Lidl selbst wollte die Klage und die damit verbundenen Vorwürfe nicht kommentieren. In einer kurzen Mitteilung vom Donnerstag verwies der Discounter mit Sitz in Neckarsulm lediglich auf seinen Internetauftritt zum Thema "Verantwortung". Dort fänden sich "unsere aktuellen Maßnahmen, die wir innerhalb unserer gesamten Lieferkette unternehmen".

In einem Punkt nimmt Burckhardt Lidl immerhin in Schutz: Sie hält nichts davon, zum Boykott der Discounter aufzurufen. "Dann würden die Näherinnen in Bangladesch ganz ohne Arbeit dastehen." Um sie vernünftig zu bezahlen, müssten die Klamotten aber teurer werden. Allerdings geht es nur um ein paar Cent. Denn der Lohn der Näherinnen mache laut CCC nur ein Prozent des Preises aus.

"Keine andere Chance, als Billigprodukte zu kaufen"

Die Verbraucher ganz von der billigen Ware wegzubekommen, wird ohnehin kaum möglich sein, sind sich die Experten einig. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sagt, Hartz-IV-Empfängern etwa bliebe "überhaupt keine andere Chance, als die Billigprodukte zu kaufen".

"Die Kleidungspauschale für einen 13-jährigen Jugendlichen beträgt bei Hartz IV 21 Euro im Monat, also 242 Euro im Jahr", sagt Schneider. Davon müsse alles bezahlt werden - Turnschuhe, Hosen, Pullover, T-Shirts, Unterwäsche.

"Sicher würden gerade Alleinerziehende ihren Kindern gerne bessere und teurere Klamotten kaufen", sagt Schneider. "Doch sie können einfach nicht."

Doch natürlich kaufen nicht nur Hartz-IV-Empfänger bei Discountern ein. Burckhardt hat deshalb vor allem die Näherinnen in Bangladesch im Blick. "Ein paar Cent mehr tun den Kunden nicht weh. Aber dann würde kein Blut mehr an der Kleidung kleben."

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