dm gegen Alnatura Verschwägert und verklagt
Alnatura-Linsen in einem dm-Markt
Foto: Andreas Gebert/ dpaDie beiden Männer teilen viel. Beide sind Anthroposophen. Der eine ist mit der Schwester des anderen verheiratet. Und jahrzehntelang arbeiteten sie erfolgreich zusammen, ihre Unternehmen profitierten voneinander.
Seit Monaten aber stehen der dm-Gründer Götz Werner und sein Schwager, der Alnatura-Chef Götz Rehn, gegeneinander vor Gericht. Am Dienstag wurde der Prozess vor dem Landgericht Darmstadt fortgesetzt.
Was hat die beiden Männer auseinandergetrieben?
Seit der Gründung von Alnatura 1984 verband den Drogeriehändler und den Bio-Lebensmittelhersteller eine enge Partnerschaft. Werner war es gar, der Rehn, damals Abteilungsleiter bei Nestlé Deutschland, empfahl, sich auf Öko-Nahrung zu spezialisieren. Auch aus eigenem Interesse: Bioprodukte waren Mangelware, und dm wollte sich unabhängiger machen von anderen Herstellern. Seither füllen Dinkelwaffeln und Urkornmüsli von Alnatura die Regale des Drogeriemarkts.
Bis vor Kurzem funktionierte die Partnerschaft für beide Unternehmen hervorragend. dm stieg zur größten Drogeriemarktkette Deutschlands auf, Alnatura konnte dank des Erfolgs seines Großkunden den Umsatz in den vergangenen zehn Jahren auf 760 Millionen Euro vervierfachen. Dabei standen die Firmengründer Werner und Rehn immer auch für mehr als geschäftlichen Erfolg: Werner nennt sein Unternehmen eine "Arbeitsgemeinschaft" und setzt sich seit Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein; Rehns Alnatura wurde 2014 als bester Arbeitgeber Deutschlands ausgezeichnet.
dm-Gründer Götz Werner
Foto: Uli Deck/ picture alliance / dpadm verbannt Alnatura-Produkte
Wann genau sich die ersten Risse in der Partnerschaft zeigten, wissen wohl nur Werner und Rehn. Angeblich forderten dm-Manager bei Verhandlungen über einen neuen Vertriebsvertrag günstigere Konditionen von Alnatura. Rehm soll abgelehnt haben, daraufhin kündigte dm Ende 2014 an, eine eigene Bio-Marke aufzubauen und einen Teil der Alnatura-Produkte aus dem Sortiment zu nehmen.
Seither beharken die verschwägerten Firmenchefs einander, gehen nun in gleich zwei Prozessen gegeneinander vor. In Darmstadt wurde darüber verhandelt, ob dm mitentscheiden darf, über welche Partner Alnatura seine Produkte vertreibt. Denn zwischen den beiden Unternehmen besteht ein Kooperationsvertrag aus den Achtzigerjahren, der dm Mitspracherechte zusichert. Weil die Drogeriekette bis Ende vergangenen Jahres rund 200 Alnatura-Produkte aus dem Sortiment nahm, sieht sich der Bio-Lebensmittelhersteller nicht mehr an den Vertrag gebunden. dm besteht aber darauf. Das Gericht will seine Entscheidung im Dezember verkünden.
Alnatura-Chef Rehn
Foto: wcrART/ face to faceNoch brisanter ist ein zweites Verfahren. In ihm geht es darum, wem der Markenname Alnatura eigentlich gehört. Werner verlangt von seinem einstigen Geschäftsfreund Rehn die Markenrechte. Unterstützt wird er dabei vom ehemaligen Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet, dessen Unternehmen ebenfalls als eines der ersten Alnatura-Produkte vertrieb. Der dm-Gründer argumentiert, dass Alnatura nur durch seinen Drogeriemarkt erfolgreich geworden sei. In erster Instanz hat das Landgericht Frankfurt die Klage abgewiesen. Werner legte Berufung beim Oberlandesgericht ein, verhandelt werden soll im Februar 2017.
Der Wettbewerb zwischen Bio-Marken nimmt zu
"Sollte die Firma Alnatura nicht mehr Herr ihrer Marke sein, wäre das für sie hochproblematisch", sagt Wolfgang Adlwarth, Handelsexperte des Marktforschers GfK.
Denn der Name ist das vielleicht wichtigste Kapital für Alnatura. Mehr als 30 Jahre sind die Bioprodukte mit dem grün hinterlegten Logo am Markt, bekannt beim Kunden und so geschätzt, dass Alnatura vor zwei Jahren als beliebteste Lebensmittelmarke der Deutschen ausgezeichnet wurde.
In Zeiten, in denen das Bio-Segment deutlich schneller wächst als die Lebensmittelbranche insgesamt, in denen immer neue Bioprodukte kaum bekannter Hersteller in den Supermarktregalen landen, ist eine etablierte Marke wie Alnatura besonders wertvoll. Sie ist Rehns Trumpf. "Obwohl er längst nicht so hart ist wie in der Lebensmittelbranche insgesamt, verstärkt sich der Wettbewerb auch im Bio-Segment", sagt Handelsexperte Adlwarth. Wie stark das Geschäft mit Bio wächst, zeigt die folgende Grafik:
Sollten auch oder gar ausschließlich dm und Tegut den Namen auf ihre Produkte schreiben dürfen, könnte es für Alnatura selbst eng werden. Denn nach Angaben des Bio-Lebensmittelherstellers wird dm bis Ende des Jahres fast alle Alnatura-Produkte aus dem Sortiment nehmen. "dm war mit Abstand Alnaturas wichtigster Vertriebspartner. Der Wegfall wird bei Weitem nicht durch das Geschäft in eigenen Läden und mit neuen Partnern ausgeglichen", sagt Adlwarth.
Nach der Auslistung bei dm hat Alnatura die Zahl seiner Filialen in deutschen Städten auf mehr als hundert erhöht und sich die größten Konkurrenten der Drogeriekette als neue Partner ausgesucht: Rossmann und Müller, die Nummern zwei und drei von Deutschlands größten Drogeriemärkten. Doch Müller, der zum 4. Oktober mit 750 Artikeln fast das gesamte Alnatura-Sortiment in die Regale stellt, ist nicht einmal halb so groß wie dm. Und Rossmann übernimmt von Alnatura nur die Babyartikel.
Allerdings könnten auch in dm-Märkten ab Frühjahr 2017 wieder mehr Alnatura-Produkte liegen. Je nachdem, wie das Gericht in Frankfurt entscheidet, wäre dann aber nicht mehr Alnatura der Hersteller. Sondern dm.