Trump, Boeing und die US-Flugaufsicht Außer Kontrolle

Was führte zu den zwei Boeing-Abstürzen binnen sechs Monaten? Inzwischen ermittelt die US-Regierung gegen die eigene Flugaufsicht. Kritiker sagen: Auch Trumps fixe Idee von "Deregulierung" spielt eine Rolle.

Eine Boeing 737 Max 8 der US-Fluggesellschaft American Airlines am Flughafen von Miami am 13. März
AFP

Eine Boeing 737 Max 8 der US-Fluggesellschaft American Airlines am Flughafen von Miami am 13. März

Von , New York


Steve Dickson arbeitete 27 Jahre lang für Delta, die zweitgrößte Fluggesellschaft der Welt. Der Air-Force-Veteran saß im Cockpit von Boeings und Airbus-Maschinen, später trainierte er andere Piloten und war zuletzt Konzern-Vizepräsident, bevor er im Herbst in Pension ging.

Der Ruhestand sollte nicht lange dauern. Am Dienstag nominierte US-Präsident Donald Trump den Delta-Rentner als neuen Leiter der umstrittenen Flugaufsicht FAA. Dickson wäre der erste Chef in der Geschichte der Behörde, der direkt aus der Luftfahrtbranche kommt.

Dicksons Bestallung dürfte die aktuelle Kontroverse um die FAA und ihre Nähe zu der Industrie, die sie kontrollieren soll, aber kaum befrieden.

Zwei tödliche Abstürze baugleicher Maschinen haben den US-Hersteller Boeing und die FAA, die das fragliche Modell Boeing 737 Max zugelassen hatte, ins Zwielicht gerückt. "Warum", fragt das Magazin "New Yorker", "ließ die FAA zu, dass die Boeing 737 Max überhaupt flog?"

Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert

Das US-Justizministerium hat strafrechtliche Ermittlungen zum FAA-Prüfverfahren eingeleitet. Das Verkehrsministerium, dem die FAA untersteht, führt eigene Untersuchungen. Der Kongress will sich mit Anhörungen einschalten. Dickson dürfte alle Hände voll zu tun haben.

Dabei offenbart der Streit um mutmaßliche Mauscheleien zwischen der FAA und Boeing ein noch viel größeres Problem. Seit Langem warnen Verbraucherschützer, dass die - unter Trump eskalierte - Deregulierung der Wirtschaft das Wohl und die Sicherheit der Bürger bedrohe. Jetzt sehen sie sich durch das Boeing-Debakel bestätigt.

In der Tat hat die US-Regierung mithilfe konservativer Republikaner, die für einen schlanken Staat ("small government") kämpfen, bereits in fast allen Branchen Dutzende Schutzvorschriften verwässert, verzögert oder abgeschafft. Als Grund dafür nennt sie Kosten, Redundanz und lästige Bürokratie. In Wahrheit geschieht das auf Wunsch und Druck der Industrie.

Annulliert oder gelockert wurden so zum Beispiel Bestimmungen

  • zum Umwelt-, Natur- und Tierschutz,
  • zur Arbeitssicherheit,
  • zur Waffenkontrolle und
  • zum Kfz-Kraftstoffverbrauch,
  • außerdem fielen Verordnungen für Pestizide sowie
  • staatliche Einschränkungen von Ölbohrungen und Erdgas-Fracking.

Die meisten dieser Vorschriften waren unter Trumps Vorgänger Barack Obama erlassen worden - ein politisches Erbe, das Trump bekanntlich ausradieren will.

Wie sehr sich die USA darin von Europa unterscheiden, wo der Trend andersrum geht, zeigt sich jedoch vor allem in der Luftfahrtindustrie.

Aus Effizienz- und Kostengründen begann die FAA schon lange vor Trump, mit denjenigen zu kooperieren, die sie regulieren soll - den Airlines und Boeing, dem größten US-Flugzeughersteller. Das führte bereits 2011 zu ersten Bedenken wegen potenzieller Sicherheitsrisiken.

Trumps Deregulierungswahn, den er 2017 mit zwei frühen Dekreten verankerte, hat diese Verflechtung von Kontrolleuren und Kontrollierten beschleunigt. "Das verschob das Gleichgewicht vollends", schreibt die Luftfahrtexpertin Marisa Garcia im Magazin "Forbes".

Hunderte Einzelvorschriften zur US-Luftsicherheit stehen seitdem zur Debatte, mehr als 90 wurden bereits gestrichen, trotz des Protestes betroffener Arbeitnehmergruppen wie der Association of Flight Attendants. Darüber hinaus will Trump nun auch noch das Budget und das Personal der FAA im aktuellen Haushaltsentwurf weiter kürzen.

Die FAA-Führung ist sowieso ausgeblutet: Seit Januar 2018 wird die Behörde - wie so viele Ämter und Ministerien, die unter Trump verwaist sind - nur kommissarisch von ihrem Vizechef geleitet. Ein Vorstoß Trumps, seinen Ex-Privatpiloten zum FAA-Chef zu machen, kam nicht weit. Danach vergingen Monate, bis er jetzt Dickson nominierte.

Noch lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie die zwei jüngsten Abstürze in dieses Bild passen. Jedenfalls war die FAA die letzte Flugaufsicht der Welt, die alle 737 Max vorerst aus dem Verkehr zog, obwohl US-Piloten schon lange über Probleme damit geklagt hatten.

Am Dienstagabend meldete die "New York Times", die 737 Max sei einer der ersten Jets gewesen, bei deren Genehmigung sich die FAA 2017 "stark" auf Boeing "verlassen" habe. Die FAA habe dabei etliche Details ganz besonders eingehend geprüft - nur die neue Software zur Flugkontrolle nicht, die als Ursache beider Unglücke vermutet wird.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war ein Informationskasten zum Unternehmen Boeing eingebaut, dessen Angaben leider veraltet waren. Wir haben den Kasten entfernt.

insgesamt 163 Beiträge
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Abahallo! 20.03.2019
1. Gewaltenteilung!
Die Einführung der Gewaltenteilung war ein Fortschritt. Das ist leider nicht mehr jedem geläufig. Zudem zeigen sich unter Trump die Schwächen der US-Verfassung, weil er sich an keinerlei "ungeschriebene " Gesetze häjt, und es gerade auch auf die Nutzung von Gesetzeslücken anlegt.
claus7447 20.03.2019
2. Das könnte zu einem massiven Konflikt
mit Europa führen. Man stelle sich vor die EU Behörde anerkennt nicht mehr FAA Zertifizierungen. Umgekehrt würde das sofort FAA machen. Die Katze die sich in den Schwanz beisst.
peter.teubner 20.03.2019
3. Wie wärs mit etwas mehr Klarheit?
Unter welchem Präsident wurden die Maschinen zugelassen? Wie lange dauert ein solcher Zulassungsprozess? Welche Verantwortung trägt Obama, welche Trump für die Ausdünnung der FAA? In dem Artikel geht das alles durcheinander und ich bekomme das Gefühl Trump (Gott möge die Welt von ihm erretten) soll für etwas beschuldigt werden, für das er noch gar nichts konnte. Kein vertrauenswürdiger Stil.
ddcoe 20.03.2019
4. Klare Reaktion ist nötig
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist es erklärte Politik der USA die Sicherheit auf dem Altar des Profits zu opfern? Das sollte dann doch bitte das Schicksal der Amerikaner bleiben. In reiner Notwehr kann das nur bedeuten - Finger weg von Boeing, Finger weg von allen Technischen Produkten Made in USA. Als Passagier kann ich ja vermeiden so einen Schrottflieger zu betreten.
thechamelion3 20.03.2019
5. Trump bashing
Die B737 Max wurde nach Vorgaben zertifiziert die unter Obama gültig waren. Schon bei der B787 gab es klare Probleme - das Batteriesystem das im Dreamliner gebrannt hat, war auch von Boeing selbst zertifiziert worden. Es war reines Glück das die Brände jeweils am Boden bzw. bei ANA so nahe an Land ausgebrochen sind das der Flieger kein Totalverlust war - bei einem Etops von 330 hätten es auch 5h zum alternate sein können. Die Nähe der FAA zu Boeing war schon lange vor Trum ein Problem, und es gibt das alte Sprichwort: Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Boeing ist lange gegangen, alleine das angedachte Softwareupdate spricht Bände.
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