Handelsüberschüsse Was an Trumps Deutschland-Kritik dran ist

Mit harschen Worten kritisiert Donald Trump den deutschen Handelsüberschuss - nicht zum ersten Mal. Wieso hat sich der US-Präsident dabei auf Autohersteller eingeschossen? Und was ist an den Vorwürfen dran?
Mercedes-Export in Bremerhaven

Mercedes-Export in Bremerhaven

Foto: © Fabian Bimmer / Reuters/ REUTERS

Donald Trump gilt nicht gerade als die Konsequenz in Person. Seit seinem Amtsantritt hat der US-Präsident zu mehr als einer Frage seinen Standpunkt gewechselt. Doch es gibt auch Themen, in die er sich regelrecht verbissen hat. Dazu gehört die Tatsache, dass Deutschland mehr Waren in die USA exportiert, als es importiert.

Bei einem Besuch in Brüssel hat Trump seine Kritik am deutschen Handelsbilanzüberschuss nun erneutert. "The Germans are bad, very bad", sagte er nach SPIEGEL-Informationen bei einem Treffen mit der EU-Spitze. "Schauen Sie sich die Millionen von Autos an, die sie in den USA verkaufen. Fürchterlich. Wir werden das stoppen."

Woher kommt Trumps Ärger? Wie gefährlich könnte er deutschen Autoherstellern werden? Und ist etwas an den Vorwürfen dran? Die wichtigsten Fragen im Überblick:

Wie kam es zu den Äußerungen?

Das Thema beschäftigt Trump nicht erst seit gestern. Bereits 1990 sagte er in einem "Playboy"-Interview zu seinen ersten Amtshandlungen, falls er einmal Präsident werden sollte: "Ich würde eine Steuer auf jeden Mercedes-Benz packen, der in dieses Land rollt und auf alle japanischen Produkte."

Trump war schon damals überzeugt, dass die USA im internationalen Handel von anderen Staaten über den Tisch gezogen würden. Verstärkt wurde diese Ansicht später unter anderem durch eine Verfilmung des Buches "Death by China" ("Tod durch China"). Darin argumentiert der Ökonom Peter Navarro, dass die chinesische Wirtschaft nur mithilfe von Währungsmanipulationen und Subventionen ihre enormen Überschüsse gegenüber den USA aufbauen konnte. Navarro ist mittlerweile Trumps Handelsbeauftragter.

Kurz vor Amtsantritt kritisierte Trump dann in der "Bild", dass die Deutschen weniger Autos der US-Marke Chevrolet kaufen als die Amerikaner Mercedes-Modelle. Zudem drohte er Herstellern wie BMW mit einer 35-prozentigen Strafsteuer auf Autos, die sie im benachbarten Mexiko produzieren. In seiner Antrittsrede sagte Trump: "Wir werden zwei simple Regeln befolgen: Kauf amerikanische Produkte, und stelle amerikanische Arbeitskräfte ein."

Donald Trump

Donald Trump

Foto: Gregorio Borgia/ dpa

Trump reagiert auf den vermeintlich unfairen Handel also mit Abschottung und Drohungen. Dadurch erhofft er sich offenbar eine Reaktion der Europäer - wie seine Äußerungen in Brüssel jetzt wieder zeigen.

Warum geht es gerade gegen die Autoindustrie?

Zunächst ist Trump die Materie aus eigener Anschauung vertraut: Der Multimillionär hat im Lauf der Zeit selbst verschiedene deutsche Nobelkarossen besessen - etwa einen Mercedes-Benz 560, der kürzlich in Bayern zur Versteigerung angeboten wurde.

Tatsächlich spielen Autos und Autoteile im deutsch-amerikanischen Handel aber auch eine besondere Rolle. Mit 28 Prozent sind sie das wichtigste Gut, das deutsche Unternehmen in die USA exportieren. Umgekehrt machen Autos nur knapp zwölf Prozent der gesamten US-Ausfuhren nach Deutschland aus - die ja insgesamt weit niedriger sind. In absoluten Zahlen ist das Gefälle bei den Autobauern also noch viel größer.

Dass Deutschland mehr Autos in die USA verkauft als umgekehrt, liegt wohl kaum an der von Trump vermuteten Verschwörung gegen sein Land. Vielmehr haben deutsche Hersteller auch im Vergleich zu Drittländern einen guten Ruf. Das gilt besonders für die Oberklasse, in der deutsche Hersteller in den USA nach Daten des Branchenverbandes VDA einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent haben.

Innerhalb der Branche wird die Stärke deutscher Hersteller anerkannt. Bei einer Umfrage unter Unternehmen aus der europäischen Automobilindustrie wurde dem Standort Deutschland sowohl mit Blick auf Qualität als auch auf Innovationen mit Abstand die höchste Wettbewerbsfähigkeit zugesprochen.

Ähnliche Ergebnisse gibt es auch bei Befragungen außerhalb Europas. Als Automanager kürzlich weltweit von der Unternehmensberatung KPMG gefragt wurden, welche Marken in den kommenden Jahren die besten Aussichten auf Erhöhung ihrer Marktanteile haben, landete BMW auf Platz eins, Daimler auf Platz drei und Volkswagen auf Platz sechs. Die Plätze dazwischen füllten japanische und südkoreanische Hersteller, US-Unternehmen wie Ford, Tesla und General Motors (Plätze sieben bis neun) wurden dagegen schlechter bewertet.

Hat Trumps Kritik einen wahren Kern?

Ja. Die deutschen Überschüsse werden nicht nur vom US-Präsidenten kritisiert, sondern auch von Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds und der OECD oder europäischen Politikern wie Frankreichs neuem Präsidenten Emmanuel Macron.

Hinter der Kritik steht nicht zuletzt die Sorge, dass große Ungleichgewichte neue Wirtschaftskrisen auslösen könnten. Das liegt auch daran, dass andere Länder innerhalb der Eurozone nicht mehr wie früher einfach ihre Landeswährungen abwerten können, um so die eigenen Exporte anzukurbeln. Zudem sind die Überschüsse gerade in jüngerer Zeit massiv gewachsen. So haben sie sich gegenüber den USA seit dem Jahr 2000 nahezu verdreifacht:

In Deutschland wird die Kritik häufig mit dem Hinweis zurückgewiesen, deutsche Produkte seien nun einmal besonders wettbewerbsfähig. Das ist gerade bei Autos zwar zweifellos der Fall (siehe vorherige Frage), doch für die deutschen Überschüsse gibt es auch noch andere Gründe.

Dazu gehören die Aufwertung des Dollars gegenüber dem Euro, die deutsche Produkte in den USA vergleichsweise günstig macht, sowie die Konjunkturpakete, mit denen die US-Regierung nach der letzten Krise auch den Konsum ausländischer Waren angekurbelt hatte.

Zudem müsste Deutschland zur Verringerung seiner Überschüsse keineswegs - wie immer wieder behauptet - absichtlich weniger Waren ins Ausland verkaufen. Vielmehr würde es genügen, mehr Waren aus dem Ausland zu importieren, um so das Ungleichgewicht zu verringern.

Unter dem Eindruck von Trumps Kritik werden solche Schritte in Deutschland inzwischen offener debattiert als früher. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bezeichnete den deutschen Überschuss im SPIEGEL kürzlich als "zu hoch" und nannte eine mögliche Reaktion der Politik: Durch Steuersenkungen, wie sie im Bundestagswahlkampf bislang vor allem Union und FDP fordern, hätten die Deutschen mehr Geld in der Tasche, das auch in den Kauf ausländischer Produkte fließen würde. Aber auch eine staatliche Investitionsoffensive, wie von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gewünscht, würde die Einfuhr ausländischer Güter ankurbeln.

Wie gefährlich sind Trumps Vorwürfe?

Trumps erneute Drohung lässt die Wirtschaft nicht ganz unbeeindruckt. Unter ihrem Eindruck sanken am Freitagvormittag die Aktienkurse von BMW  , Volkswagen   und Daimler  . Dass sich die Verluste mit je rund einem Prozent in Grenzen hielten, zeigt aber, dass Trumps Worte längst nicht mehr für bare Münze genommen werden. Eine Umsetzung der von ihm angekündigten Strafsteuer gilt in Washington mittlerweile als unwahrscheinlich. Auch konservative Politiker haben gewarnt, dass dadurch die Preise für US-Verbraucher steigen könnten.

Solche Preiserhöhungen aber kann der schon jetzt historisch unbeliebte Trump ebenso wenig wollen wie einen Verlust der ohnehin schon schwindenden Arbeitsplätzen in der Industrie. In der deutschen Wirtschaft wird deshalb immer wieder darauf hingewiesen, dass viele Konzerne nicht nur nach Übersee liefern, sondern auch selbst dort produzierten. "Die USA sind für die deutschen Hersteller nicht allein ein wichtiger Markt, sondern mehr denn je auch ein bedeutender Produktionsstandort", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann am Freitag.