Thomas Fricke

Drei Jahre Trump So mau ist die beste Bilanz aller Zeiten

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Auf den ersten Blick scheint es der US-Wirtschaft unter Donald Trump prima zu gehen. Tatsächlich hat der polternde Präsident aber keines seiner Ziele erreicht.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: MARK WILSON/ AFP

Eine wachsende Wirtschaft, boomende Börsen und ständig Deals mit vormals bösen Mächten - wenn Donald Trump referiert, wie es den USA unter seiner Präsidentschaft ergeht, klingt die Sache eigentlich klar. Ist der US-Präsident fürs Wohl der Menschheit also doch nicht so schlimm wie anfangs vermutet? Ein Gedanke, der ihn im Herbst für weitere vier Jahre Präsident werden lassen könnte. Und zum Vorbild für uns, wenn es etwa darum geht, Steuern zu senken.

Jetzt wollen wir Trump in seiner Begeisterungsfähigkeit nicht unnötig bremsen. Bei näherem Hinsehen fällt zwar auf, dass die US-Wirtschaft manches gerade gut macht - nur nicht unbedingt deshalb, weil es Donald Trump gibt. Zumal von dem, was der Präsident dem einen oder anderen Wähler an großen ökonomischen Umkehrungen versprochen hatte, so viel nicht passiert ist.

Dass die Börsen boomen? Haben wir auch ohne Donald Trump. Und mit Angela Merkel. Der Dax hat diese Woche ja auch ein Allzeithoch erreicht, immerhin. Eine amtlich registrierte Arbeitslosigkeit auf Rekordtief? Ebenso. Wobei das in den USA mehr als bei uns auch daran liegt, dass sich weniger Leute als früher am Arbeitsmarkt melden. Teils aus Verzweiflung. Der Anteil erwachsener Männer, die arbeitsbereit sind, liegt mit weniger als 90 Prozent in den USA heute viel tiefer als noch Anfang der Siebzigerjahre (mit 96 Prozent).

Wofür sich Trump Ende 2016 wählen ließ, sind zudem ja auch ganz andere Versprechen. Dass er alles daransetze, unfaire Handelspartner zu stoppen - nicht als Selbstzweck (angeblich), sondern für mehr US-Export, weniger Import und eine wiedererstarkende Industrie in seiner Heimat. Oder dass er die Steuern so stark senkt, dass die Wirtschaft wieder mehr investiert und erfindet und überhaupt produktiver wird, während sich die entsprechenden Steuerausfälle schnell selbst finanzieren, da dank Boom wieder mehr Einnahmen beim Staat hereinkommen.

Jetzt ist schwer zu leugnen, dass Trump seit Monaten kaum eine Woche vergehen lässt, ohne sich mit Vertretern von Ländern zu streiten, die gut im Export sind: Sie sollen mehr kaufen und weniger verkaufen, findet er. Oder in der er unserer armen Autoindustrie droht. Als hätte die nicht schon genug Probleme.

Von den höheren Zöllen haben US-Produzenten nichts

Was nicht so ganz passt, sind die realwirtschaftlich messbaren Ergebnisse. Vom Drohen und Händeschütteln allein entsteht ja noch kein Arbeitsplatz. De facto haben höhere Zölle angesichts globalisierter Verflechtung zwischen Zulieferern und Abnehmern dazu geführt, dass nicht nur die US-Importe etwa aus China (tatsächlich) gesunken sind - sondern auch die US-Exporte, die auf ebendiese Importe oft angewiesen sind. Mehr noch: Wo chinesische Billigimporte wegfielen, liefern jetzt andere Länder die Sachen - wovon lokale Produzenten in den USA auch nichts haben. Fehlkalkül.

Das Resultat könnte idiotischer kaum sein: Amerikas Wirtschaft hat seit der Wahl Trumps keine Marktanteile weltweit gewonnen, sondern weiter verloren - von 10,8 auf zuletzt 10,2 Prozent. Nach Schätzungen der OECD werden die US-Ausfuhren dieses Jahr zum vierten Mal in Folge langsamer zulegen als die durchschnittliche Nachfrage auf den Absatzmärkten. Vergangenes Jahr dürften die US-Verkäufe weltweit sogar gesunken sein. Tolles Revival.

Umgekehrt hat auch der Importdruck nicht nachgelassen. Der Anteil der Gesamtnachfrage, der durch Einkäufe aus der Ferne gedeckt wurde, lag in den USA 2016 bei 15,2 Prozent - jetzt sind es 15,6. Wende? Nix davon.

Entsprechend bizarr fällt die vorläufige trumpsche Bilanz im Außenhandel insgesamt aus. Die Amerikaner dürften nach OECD-Prognose per Saldo bald 600 Milliarden Dollar mehr aus dem Ausland beziehen, als dorthin zu verkaufen. Das sind 170 Milliarden - oder 40 Prozent - mehr Defizit als beim Antritt des Dealmakers. Damit nähert sich die US-Wirtschaft wieder den Rekorden, die es gab, kurz bevor die große Finanzkrise 2007 ihren Lauf nahm. Zur Erinnerung: Zielvorstellung war eine Verringerung, keine Explosion. Und das hat nicht nur statistische Relevanz.

Industriejobs werden abgebaut

Von wegen Revival der Industrie - und der Regionen, in denen, wie im legendären Rust Belt, so viele aus Frust Trump gewählt haben. Seit 2016 ist der Anteil der Industriejobs an der Beschäftigung in den USA nicht wieder gestiegen, sondern weiter gesunken. Schlimmer noch: Seit die Konjunktur 2019 zu schwächeln begann, sinkt nicht nur die Quote - es werden auch real Arbeitsplätze wieder abgebaut.

Während alles in allem Ende des Jahres gut 2,1 Millionen mehr Leute landesweit beschäftigt waren als ein Jahr zuvor, gab es in der US-Autoindustrie fast 20.000 weniger Jobs. Im Bergbau gingen binnen einem Jahr 21.000 Stellen verloren. Selbst in der Öl- und Gasindustrie, die Trump so protegiert hat, wurden zuletzt wieder Arbeitsplätze abgebaut (minus 24.000), wie das Bureau of Labor Statistics meldet.

Nicht besser fällt die vorläufige Bilanz aus, was das deklarierte Bestreben Donald Trumps angeht, die wirtschaftliche Dynamik in den USA durch eine große Steuerreform zu beleben. So, wie es unsere FDP-Freunde immer wieder als Mutter aller Rettungen vorschlagen. Die kam Anfang 2018, was die Einnahmenquote des Staates um gut 2,5 Prozentpunkte sinken ließ - auf 31,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und das führte erst einmal auch zu einem kleinen Boom an Ausgaben.

Was bisher ausblieb, ist die spürbare Belebung der wirtschaftlichen Dynamik über den kurzfristigen Einmaleffekt hinaus. Die US-Firmen brauchten die Steuergeschenke im Grunde nicht, sagt Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Die hatten ohnehin historisch viel Geld, das sie trotzdem nicht investierten. Gemessen am BIP liegen die Investitionen heute niedriger als noch in den Neunzigerjahren - nicht höher.

Das Staatsdefizit schnellt sinnlos hoch

Es ist auch in den Produktivitätsstatistiken kein Wunder erkennbar. Im Gegenteil: Die Zuwächse liegen mit rund einem Prozent jährlich sogar deutlich niedriger als zwischen 1992 und 2002 mit 1,7 Prozent.

In Wirklichkeit haben viele Unternehmen das Geld gehortet und davon eigene Aktien gekauft - mangels Zuversicht in künftige reale Absatzmöglichkeiten. Was die Aktienboom-Zahlen verschönert hat, nur eben nichts ist, was das Land stärker oder innovativer macht.

Das ist umso dramatischer, weil die Steuersause ziemlich teuer war. Das Staatsdefizit schnellte vergangenes Jahr auf sieben Prozent des BIP hoch - das ist mehr als doppelt so viel wie in Europa mal als Höchstwert festgelegt wurde. Und das zur konjunkturellen Bestzeit, wo es einfach wäre, Überschüsse zu machen. Es ist nicht schwer zu prognostizieren, dass es in der nächsten Rezession schnell zehn und mehr Prozent werden. Wie einst in Griechenland oder Irland um 2010.

Die Gesamtschuldenquote liegt für die USA jetzt deutlich über 100 Prozent des BIP. Auch das wäre halb so schlimm, wenn das Geld in Sachen angelegt worden wäre, die für die Zukunft wichtig sind und sich dann irgendwann auszahlen - ob beim Wiederaufbau der Infrastruktur oder im Kampf gegen weitere Klimakatastrophen. Nur liegt es jetzt stattdessen in den Aktiendepots ohnehin schon betuchter Leute.

Irre ist, dass all das nicht unbedingt dazu führen wird, Trumps Beliebtheitsquoten abstürzen zu lassen und ihn um seine Wiederwahl im November zu bringen. Richtig spürbar werden all die Nebenfolgen des Rumpelerfolgs vielleicht erst in der nächsten Krise: wenn wieder massenhaft Leute in der Industrie ihren Job verlieren; wenn zum Abbau von Staatsdefiziten die Steuern für alle steigen. Oder wenn die Amerikaner merken, dass all das schöne Geld besser in Schulen, Brücken und stabiles Klima hätte investiert werden sollen.

Bis dahin könnten derweil gerade wir die Folgen all der Trumponomics zu spüren bekommen. Schon der jüngste Deal mit den Chinesen werde de facto dazu führen, dass deutsche Exporteure weniger in die USA verkaufen, sagt der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr. Was die Chinesen vereinbarungsgemäß zusätzlich aus Amerika kaufen, brauchen sie nicht mehr von anderswo, etwa aus Europa.

Auch spricht einiges dafür, dass nach den Chinesen auch die Deutschen als Ziel des Trump-Polterns wieder drankommen. Kein Land hat nach wie vor so enorme Überschüsse im Handel, kauft so viel weniger bei anderen, als es dort verkauft. Ohnehin ein Problem.

Ein ganz anderer Kollateralschaden könnte für uns noch hinzukommen. Seit Trump die Steuern so drastisch gesenkt hat, kursiert unter Altökonomen und Industrievertretern das infantile Argument, dass wir jetzt auch so etwas haben müssen. Weil Investoren sonst angeblich anderswo investieren. Was als These schon deshalb relativ gewagt ist, weil es ja keine Anzeichen dafür gibt, dass in den USA seit der Reform mehr investiert wird. Nur gibt es jetzt eben viel mehr staatliche Schulden.

Setzen sich diese Stimmen durch, könnten auch wir bald trumpsche Verhältnisse haben: einen schnellen Boom ohne lange Wirkung sowie hohe Schulden, ohne damit etwas Sinnvolles investiert zu haben.

Lieber nicht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war die Amtszeit von US-Präsidenten falsch angegeben. Wir haben die Textstelle korrigiert.