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17. August 2017, 18:13 Uhr

Berater-Exodus

So hat Trump die US-Wirtschaftselite gespalten

Viele US-Konzernchefs distanzieren sich öffentlich von Donald Trump, andere bleiben auffallend still. Ein Überblick über Abtrünnige, Mitläufer - und Trump-Fans in der Wirtschaftselite.

Die tödliche Gewalt während eines Extremistenaufmarsches in Charlottesville hat Donald Trump einen weiteren Krisenherd beschert, in einem Feld, auf dem sich der US-Präsident eigentlich gut aufgestellt wähnte: der Wirtschaftspolitik. Trumps Weigerung, sich klar und glaubwürdig von rechter Gewalt und rechten Gruppierungen zu distanzieren, hat Amerikas Business-Elite tief gespalten - und innerhalb von 48 Stunden dazu geführt, dass Trump zwei Gremien abhandenkamen, in denen er seine Politik mit Amerikas Konzernlenkern abstimmen wollte: Sowohl der "Manufacturing Council" als auch das "Strategy and Policy Forum" lösten sich auf, nachdem zahlreiche Firmenchefs ihren Rückzug erklärt hatten.

Die Chronologie

Montag, 8 Uhr Ortszeit: Kenneth Frazier, Chef des Pharmakonzerns Merck, verkündet als erster CEO seinen Rückzug aus Trumps "Manufacturing Council". Frazier ist hoch angesehen in Amerikas Geschäftswelt, er verkörpert den amerikanischen Traum. Sein Großvater wurde noch als Sklave geboren, Fraziers Vater war Hausmeister. Der Merck-Manager lässt eine Stellungnahme verbreiten. "Amerikas Anführer müssen unsere fundamentalen Werte ehren, indem sie Hass, Fanatismus und die Idee von der Überlegenheit einer Gruppe zurückweisen, die dem amerikanischen Ideal entgegensteht, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden".

Montag, 8:54 Uhr: Trump twittert gegen Frazier: Jetzt, wo der Merck-Chef sich zurückgezogen habe, "hat er mehr Zeit UM DIE BETRÜGERISCHEN MEDIKAMENTEN-PREISE ZU SENKEN". Früher, als Frazier noch hoch in der Gunst des Präsidenten stand, platzierte ihn das Protokoll des Weißen Hauses bei Treffen gern direkt neben Trump.

Montagnachmittag: Unter dem öffentlichen Druck bezieht Trump klarer Stellung. "Rassismus ist böse", sagt er - und attackiert namentlich den Ku-Klux-Klan und Neonazis. Anfragen von US-Medien erreichen anderen Großkonzerne. Viele wollen sich zu diesem Zeitpunkt nicht äußern.

Montag, 18:09: Trump legt auf Twitter gegen Merck-Chef Frazier nach: Das Unternehmen erhöhe die Preise für Amerikaner immer weiter, verlagere aber Jobs aus den USA ins Ausland. "Bringt die Jobs zurück & SENKT DIE PREISE", twittert der Präsident.

Montag, 20:14: Der Chef des Sportartikelherstellers Under Armour, Kevin Plank, verlässt den "Manufacturing Council". Zwei Stunden später folgt Intel-Chef Brian Krzanich.

Dienstag, 11:21: Trump greift die zurückgetretenen Unternehmenschefs an. "Prahler" seien sie. Er habe viele andere Kandidaten, die sich darum reißen würden, die frei gewordenen Sitze einzunehmen.

Dienstag, 11:37: Die Zahl der freien Sitze wächst. Paul Scott vom Verband "Alliance for American Manufacturing" zieht sich zurück. Es sei "das Richtige für mich, das zu tun", twittert er.

In der Zwischenzeit haben sich zahlreiche weitere Mitglieder der Wirtschaftsrunden geäußert, die Trump gern um sich sammelt. Manche äußern sich kritisch, wollen aber weiter mit dem Präsidenten zusammenarbeiten. Alex Gorsky von Johnson & Johnson ist so einer: Er könne die Sorgen vieler Leute nachvollziehen. "Diese Tage sind schwierig für alle", sagt er. Er sei aber zu dem Schluss gekommen, sein Unternehmen habe "eine Verantwortung, engagiert zu bleiben". Was man halt sagt, wenn man den direkten Zugang zum Weißen Haus ungern verlieren will. Es wird nicht Gorskys letztes Wort in der Sache bleiben.

Dienstagnachmittag: Trump hält eine Pressekonferenz, die viele US-Medien als "combative" charakterisieren, streitlustig also. Praktisch nimmt er sein Statement vom Vortag wieder zurück. Der Präsident wiederholt die Behauptung, "alle Seiten" würden Schuld tragen an der gewaltsamen Eskalation in Charlottesville, also auch die friedlichen Gegendemonstranten, auf deren Seite eine Tote zu beklagen war.

Dienstag, 17:45: Gewerkschaftschef Richard Trumka gibt dem Präsidenten den Laufpass. Er hatte sich schon zuvor kritisch geäußert, wollte aber weiter mit Trump zusammenarbeiten, um etwas für "arbeitende Familien" zu erreichen. Nun platzt ihm der Kragen. Trump toleriere "Fanatismus und heimischen Terrorismus".

Mittwoch, gegen 11:30: Auf Initiative des Chefs der Investmentgesellschaft Blackstone konferiert rund ein Dutzend Mitglieder von Trumps "Strategy and Policy Forum". Die Mehrheit der Teilnehmer will sich aus dem Gremium zurückziehen. Blackstone-Chef Stephen A. Schwarzman ruft Trump an und teilt dem Präsidenten mit, das Forum werde sich auflösen.

Zahlreiche Vorstandschefs, die ursprünglich weiter mit dem Weißen Haus zusammenarbeiten wollten, ziehen sich nun ebenfalls zurück. Einer davon ist Alex Gorsky von Johnson & Johnson, der tags zuvor noch von der "Verantwortung, engagiert zu bleiben" sprach. Jetzt empfindet Gorsky als unakzeptabel, dass Trump jene "auf eine Stufe stellt, die von Rassenhass motiviert sind und jene, die gegen Hass aufstehen".

Mittwoch, 13:14 Uhr: Donald Trump twittert die Behauptung, er habe sich entschlossen, beide Gremien einzustellen.

Zahlreiche Firmenbosse haben sich bislang allerdings nicht geäußert. Der Rüstungskonzern Lockheed Martin gehört dazu. Michael Dell, Chef des Computerherstellers Dell, hat sogar angekündigt, Trump in jedem Falle weiter beraten zu wollen.

beb

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