Trump und der Börsenrekord Jetzt regieren die Instinkte

Der Dow Jones springt auf Rekordhöhe, die Anleger feiern die vermeintlich große Zukunft der US-Wirtschaft unter Trump. Die Risiken, die der unberechenbare Präsident mit sich bringt, blenden sie völlig aus.

Händler an der New Yorker Börse
REUTERS

Händler an der New Yorker Börse

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Eine gute Geschichte ist an der Börse meist wichtiger als gute Zahlen. Völlig egal, ob ein Unternehmen Verluste macht - solange es die Anleger davon überzeugen kann, dass sein Produkt in Zukunft die Welt revolutionieren wird, werden die Kurse steigen.

Im Moment ist es die Geschichte von Donald Trump, die den Investoren Dollarzeichen in die Augen und die Börsenindizes von einem Rekord zum nächsten treibt.

Die Geschichte geht so: Ein Geschäftsmann übernimmt das US-Präsidentenamt zu einem Zeitpunkt, an dem die amerikanische Wirtschaft ohnehin gerade in Schwung kommt. Sein Regierungsprogramm wird sie auch noch von den letzten Fesseln befreien: mit niedrigeren Steuern, weniger Regulierungsvorschriften und mehr staatlichen Investitionen in eine teils marode öffentliche Infrastruktur. Der US-Wirtschaft stehen demnach also goldene Zeiten bevor.

Die drohenden Handelskriege werden ignoriert

Die Geschichte klingt gut, doch sie hat einen gewaltigen Haken: Sie blendet wichtige Teil der Realität einfach aus. Zum einen verschweigt sie, dass der neue Mann im Weißen Haus kein rational handelnder Politiker, sondern ein unberechenbarer Narzisst ist. Zum anderen kommt ein wichtiger Teil seiner politischen Versprechen in der Geschichte einfach nicht vor: ein Handelskrieg mit China, Mexiko und möglicherweise auch anderen bisherigen Partnern wie Deutschland.

Dabei geht es gar nicht um Moral oder Anstand - solche Kategorien haben die Finanzmärkte noch nie interessiert. Es geht schlicht um ökonomische Rationalität. Wenn Trump die US-Wirtschaft mit Strafzöllen abschottet, kann das allenfalls kurzfristig positive Effekte auf die amerikanischen Firmen haben. Dann wird der Rest der Welt reagieren und es den USA mit gleicher Münze heimzahlen. Ein solcher Handelskrieg würde niemandem nützen, auch nicht den Amerikanern. Wenn jeder wieder gezwungen ist, nur auf seiner eigenen Scholle zu wirtschaften, werden die Produkte entweder teurer - oder schlechter.

Es ist zwar längst nicht sicher, dass es so kommen muss. Bei vielen Entscheidungen hat der US-Kongress mitzureden - und die Abgeordneten dort dürften moderater agieren als der Präsident. Doch das Ende der Globalisierung droht wie noch nie in den vergangenen Jahrzehnten. Und diese Gefahr wird an den Finanzmärkten offensichtlich überhaupt nicht eingepreist.

Kurz- und mittelfristig kann das gutgehen - und die Kurse noch weiter nach oben treiben. Die Erfahrung zeigt: Wenn die "animal spirits", die tierischen Instinkte, einmal geweckt sind, gibt es so schnell kein Halten mehr. Die Herde rennt in eine Richtung, solange es geht. Wenn die Stampede vorbei ist, werden einige wenige die Geschäfte ihres Lebens gemacht haben. Der große Rest aber verliert.



insgesamt 54 Beiträge
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vor.morgen 25.01.2017
1. Schau, Schau: Schoschonen!
Also die Börse dort legt eine Rallye hin. Nicht nur seit der Wahl von Trump, sondern auch seit er seine erste Arbeitswoche begonnen hat. Und die Investoren sehen, wie er mit Gewerkschaften, Unternehmensbossen redet und wirklich alles tut, um Firmen, der Wirtschaft und den Arbeitnehmern Gutes zu tun. Übrigens auch bei uns. Natürlich stellt sich langsam die Frage, ob der Markt nicht überhitzt? Aus lauter Euphorie. Aber etwas zeigt es deutlich: während bei uns ein Glas meistens halb leer ist, ist es für die Amis meistens halb voll. Sie haben eine andere Einstellung. Und sie gehen schon voran. Während bei uns noch geheult wird, ob der Wahl. Und das Zähneklappern der Regierung bis aus dem Kanzleramt dringt (Überspitzung). Wieso hat Merkel so eindeutig für Clinton Partei ergriffen? Und wieso dann nachher im Erstkontakt so besserwisserisch agiert? Wenn nicht alles so ernst wäre, müsste man über dieses absurde Theater lachen. Teilweise schon surreal, wie unsere Führung sich verhalten hat und weiter macht. Think Positiv. Start Big. Act Fast.
SanchosPanza 25.01.2017
2. Leer verkaufen
Herr Kaiser, verkaufen Sie doch für einen größeren Betrag DOW-Zertifikate auf Termin, wenn Sie Ihrer eigenen Prognose trauen. Wie sagen die Amerikaner dazu, "take your money where your mouth is".
hf1205 25.01.2017
3. Jetzt regieren die Instinkte
Es fehlt das Wort "niedere". Aber klar, jetzt treiben sich die Gierigen gegenseitig an und bauen eine riesige Blase, die aber diesmal mit einem weitaus größeren Knall platzen wird, wie die von 2008. Mir fällt beim Weltgeschehen nur noch der Film:Sauerbruch – Das war mein Leben ein, in dem Sauerbruch den Wunsch äußerte, man würde endlich den Virus für die menschliche Dummheit finden.
unky 25.01.2017
4. Droht in absehbarer Zeit...
... vielleicht ein neuer weltweiter Börsencrash? Oder wird China, das Hauptgläubiger der USA ist, das zu verhindern wissen?
kaltmamsell 25.01.2017
5. Spielt keine große Rolle, wer an der Macht ist
Zahlreiche Experten haben es schon seit einiger Zeit für möglich gehalten, dass wir demnächst einen Melt-up erleben, gefolgt von einem Melt-down. Kann man jetzt nicht so direkt Trump anlasten. Sollte es trendy werden, im jeweiligen Verkaufsland eines Produktes auch zu produzieren, Leute zu beschäftigen etc., ist das jetzt auch noch nicht die Hölle. Die ganze EU-Landwirtschafts-Versorgung mit ihren Erstattungsansprüchen ist voll mit "Schütz mich mal mit Zoll", (äh Vergütungen oder Steuergutschriften). Bitte nicht so heuchlerisch.
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