Drohung gegen Autokonzerne Trumps Strafzölle würden seine Wähler treffen

Donald Trump wird mit seinen Strafzolldrohungen zum Schrecken der internationalen Autoindustrie. Doch sein Plan ist auch für US-Firmen gefährlich - und für amerikanische Verbraucher aus der Mittelschicht.

Volkswagen-Händler in New York
REUTERS

Volkswagen-Händler in New York

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


An Patriotismus mangelt es Amerikanern gemeinhin nicht. Doch auf dem Automobilmarkt muss US-Präsident Donald Trump offenbar nachhelfen. Jedes in den USA verkaufte Auto soll auch im Land gebaut werden und so heimische Jobs schaffen, verlangt er.

Die Grundlage, um dieses Ziel zu erreichen, gibt es bereits seit mehr als 20 Jahren: An jedem Neuwagen listet ein simpler Aufkleber bis ins Detail auf, wo er gefertigt wurde, welchen Anteil an der Produktion des Wagens die USA haben und welche Länder im Ausland den größten Anteil am Autobau hatten.

Dumm nur, dass das Interesse der Autofahrer offensichtlich anderen Qualitäten gilt.

Die bestverkauften Autos 2016 waren nicht immer jene, an denen US-Arbeiter einen besonders großen Anteil hatten. Erfüllt der Verkaufsschlager Ford F 150 nach Angaben der Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA noch eine Amerikaquote von 70 Prozent, schafft die Nummer zwei der Kauflieblinge, General Motors' Chevrolet Silverado, keine 40 Prozent Wertschöpfungsanteil in der Heimat.

Schon der viertliebste Wagen der Amerikaner ist - ausgerechnet -ein Modell des japanischen Autokonzerns Toyota, den Trump in seiner Attacke gegen ausländische Hersteller besonders aggressiv anging. Der Clou: Dieser Toyota Camry besitzt mit 75 Prozent den größten Anteil an nordamerikanischer Wertschöpfung sämtlicher Modelle auf dem US-Markt. Der Honda Civic auf Platz 5 kommt hingegen nur auf 15 Prozent Amerika-Anteil.

Der Blick auf diese Details des Autobaus zeigt: Die Sache ist komplizierter, als Trump sie mit seinen Strafzollandrohungen macht. Die globale Autofertigung hat sich derart aufgeteilt und verzahnt, dass es dem US-Präsidenten schwerfallen wird, seine Ziele zu erreichen - je härter er durchgreift, desto eher schwächt er sogar das eigene Land. Und ausländische Autokonzerne können sich vermutlich sogar um strikte Zölle herummogeln - das gilt auch für die deutschen Hersteller.

Handelsbeziehungen der USA
SPIEGEL ONLINE

Handelsbeziehungen der USA

Klar ist: Das Ungleichgewicht in den Handelsbeziehungen zwischen den USA und Europa ist auch auf dem Automarkt erheblich. Das zeigen Analysen der Unternehmensberatung Oliver Wyman: Während 2015 Pkw im Wert von 41 Milliarden Euro von Europa in die USA exportiert wurden, waren es umgekehrt gerade mal Pkw im Wert von sieben Milliarden Euro. Allerdings liegt die Diskrepanz vor allem daran, dass die US-Autokonzerne jahrelang wichtige Trends auf ausländischen Märkten verschlafen haben. Darunter litten und leiden General Motors und Ford in Europa.

Trump schert sich nicht darum. 35 Prozent Grenzsteuern will er von deutschen Herstellern verlangen, die Autos aus Mexiko in die USA liefern. Und auch Toyota warnte Trump vor hohen Zöllen. Sein Ziel: mehr Jobs in Amerika.

Die eigenen Wähler müssen leiden

Eine hohe Zollschranke gegen Importautos aus Mexiko macht die knifflige Lage der Amerikaner besonders deutlich. Treffen würde Trump gerade die, für die er eintreten will - weniger betuchte US-Bürger und amerikanische Unternehmen.

"Das würde vor allem Fahrzeuge von Massenherstellern treffen. Ihr Preis würde in den USA steigen", sagt Thomas Kautzsch, Partner und Leiter des Beratungsbereichs Automotive beim Beratungshaus Oliver Wyman. Zu leiden hätte darunter vor allem die untere und mittlere Einkommensschicht in den USA. "Trumps eigene Wähler", wie Kautzsch sagt.

Volkswagen etwa stellt in Mexiko ein Drittel der in den USA verkauften Wagen her. Aber auch amerikanische Autokonzerne lassen etwa 15 Prozent der Modelle für den US-Verkauf im Nachbarland fertigen.

Noch schwieriger wird es, wenn man sich die Zusammensetzung der Autos anschaut, die aus Mexiko in die USA exportiert werden: Sie bestehen laut Kautzsch im Schnitt zu 40 Prozent aus amerikanischen Komponenten. "Machen die Amerikaner ihre Grenze für Importe aus Mexiko durch Zölle dicht, treffen sie vor allem auch eigene Teilehersteller", warnt der Experte.

Gerade die deutsche Autoindustrie dürfte eine US-Abschottungspolitik vergleichsweise gut verkraften können. Die deutschen Zulieferer sind längst auch in den USA nahe den dortigen Werken vertreten. "Unsere Fertigungskapazitäten sind weltweit verteilt, natürlich auch in den USA", sagt ein Sprecher des Getriebespezialisten ZF in Friedrichshafen. Die Aussage ist im Prinzip für die gesamte Branche gültig. Continental zum Beispiel fertigt jenseits des Atlantiks Komponenten im Wert von rund zehn Milliarden Dollar, sieben Milliarden davon entfallen auf die USA, drei auf Mexiko.

In den USA produzierte BMW
Bloomberg via Getty Images

In den USA produzierte BMW

Die deutschen Autohersteller BMW, Mercedes-Benz und Audi hätten in einem Handelskrieg ohnehin vergleichsweise gute Karten: Mit ihren Premiumautos sprechen sie Kunden an, die etwas höhere Preise durch Zölle eher verkraften könnten als die amerikanischen Massenhersteller.

Zudem sind gerade BMW und Mercedes Hersteller, die besonders viele Autos bereits in den USA fertigen. Das Werk Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina ist das größte des BMW-Konzerns. Mehr als 400.000 Autos produziert der Hersteller dort. Daimler baut in den USA rund 360.000 Wagen, vor allem in seinem Werk in Tuscaloosa in Alabama.

Insgesamt bauen BMW und Daimler in den USA in etwa so viele Autos wie sie dort auch verkaufen (siehe Grafik). Doch das Vertrackte daran ist: Die gebauten und verkauften Fahrzeuge sind nicht identisch: BMW etwa exportiert nach eigenen Angaben 70 Prozent der Produktion aus dem Werk Spartanburg. Andere Modelle werden hingegen in die USA importiert.

Noch schwieriger wird es, wenn man die Zulieferung von Teilen miteinbezieht. So haben die von Daimler in den USA verkauften Pkw im Schnitt nur einen US-Produktionsanteil von 50 Prozent, die von BMW gar nur von 28 Prozent.

Wie sollen Zölle auf solche Verflechtungen sinnvoll abgestimmt werden?

Deutsche Autokonzerne könnten eine Lücke nutzen

Importbarrieren gegen Autozulieferer gelten als besonders knifflig. Schließlich beliefern die gleichen Firmen amerikanische wie ausländische Konzerne. Wegen ihrer engen Anbindung an die Autoproduktion können sie auch nur sehr schwer ersetzt werden.

Experten erwarten deshalb eher US-Zollschranken für komplette Autos. Die aber wären für ausländische Konzerne leichter zu umgehen. Sie könnten zum Beispiel eine Lücke nutzen, die sich etwa für den russischen Markt längst bewährt hat: Sie bauen ihre Wagen nur so weit zusammen, wie sie noch nicht von der Zollschranke erfasst werden. Hinter der Grenze werden die Autos dann erst vollständig montiert. Teils werden dafür Autos sogar erst gebaut, dann zerlegt, nur um sie hinterher wieder zusammenzusetzen - an sich ökonomischer Irrsinn.

Solche Tricks sind nicht ganz billig. Aus Sicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center der Uni Duisburg-Essen kämen auf die deutschen Konzerne dafür in den USA Mehrkosten von gut zehn Prozent zu. Das wäre allerdings immer noch weit weniger als die angedrohten Importzölle von bis zu 35 Prozent.

Zudem wäre so vermutlich beiden Seiten gedient: Die Hersteller sparten sich den Zoll, und Trump könnte auf immerhin bis zu 100.000 zusätzliche Jobs verweisen - die allein schon geschaffen werden müssten, um den Zusammenbau in den USA zu erledigen.

IM VIDEO: "Vorauseilender Gehorsam" der Auto-Bosse?


Zusammengefasst: Donald Trump will mit Strafzöllen dafür sorgen, dass Autos, die in den USA verkauft werden, künftig auch dort hergestellt werden. Doch der Plan ist zu einfach, um zu funktionieren. Handel und Produktion sind international mittlerweile so stark verflochten, dass Strafzölle nicht zielgenau wirken können - und deshalb auch US-Konzerne treffen würden.

Mehr zum Thema bei SPIEGEL Plus
insgesamt 112 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hasselblad 31.01.2017
1.
Der Kern der Trump-Wähler glaubt nach wie vor, eine Mehrheit zu repräsentieren - mit Prozentrechnung haben es diese Kreise also nicht so. Dass ihre uramerikanischen F-150s, Suburbans etc. mitnichten Made in USA sind checken die nicht, auch wenn das der Grund ist, warum selbst große US-Fahrzeuge für kleine Bürger bezahlbar sind. Das Made in Vietnam in ihren Klamotten bringen die im Zweifel auch nicht mit deren Redneck-freundlichen Preisen in Verbindung. Andernfalls hätten die ja schon vor der Wahl begriffen, dass Trumps ökonomische Agenda reine Augenwischerei ist und keiner wirtschaftswissenschaftlichen Prüfung standhält. Das werden die erst merken wenn es zu spät ist, also im Portemonnaie. Aber Dummheit muss bestraft werden, insofern: viel Spaß beim Bezahlen mit Essensmarken, mein Mitleid hält sich in sehr engen Grenzen.
Blank 31.01.2017
2. Zölle auf komplexe Produkte
Die Lieferketten sind heutzutage so umfangreich mit hunderten Lieferanten da Zölle einzubauen macht kein Sinn. Außerdem sind Produkte wie Smartphones ein Teil des Wohlstandes nur wenige Länder wenn überhaupt können die im Alleingang fertigen. Ohne Globalisierung würden wir wohl noch auf Steine klopfen. Vielleicht sollte man sicher eher auf einfache Produkte konzentrieren um z.B. die heimische Landwirtschaft zu schützen. Ich weiß auch noch nicht wie Europa im Gegenzug Dienstleistungen verzollen will. Google müsste eigentlich für die Daten von uns Gebühren bezahlen.
joG 31.01.2017
3. Es ist trivial. ...
....dass Tarife und nichttarifäre Handelhemnisse die Wohlfahrt sowohl des Importeurs als auch das des Exporteurs verringert. Ich denke man sollte sich mehr allerdings um die deutschen Ungleichgewichte, die Deutschland mit der übrigen Welt hat, während diejenigen die die Kosten für Deutschlands Sicherheit bezahlen zum Teil die Konkurrenten sind, mit denen man die Ungleichgewichte erwirtschaftet. Schon mit Griechenland oder Italien ist es unhaltbar. Aber man muss dem deutschen Volk erklären, dass es so nicht mehr gehen wird. Der 'Free Ride" ist vorbei und Ukraine und Syrien sind die ersten Versagen Deutschlands in der neuen Ordnung.
suedseefrachter 31.01.2017
4.
hätte hätte Fahrradkette.... Fazit ist das keiner weiß ob es besser oder schlechter werden würde. Ich würde sagen einige würden halt anders verdienen. Vor allem wenn das Geld im Land bleibt, die US haben ein Handelsdefizit, das Defizit abzubauen hat sicherlich weniger Nachteile als die Defizite in dieser Form zu haben. Die müssen sich halt überlegen welche Bereiche diese Defizite generieren.
ambulans 31.01.2017
5. die
passenden antworten auf diese "sonderbegabung" dort drüben sind doch ziemlich einfach: starbucks ist - kein kaffee; google - geht auch anders; wer will schon dieses - fratzenbuch?, mit äpfeln kennen wir uns doch selbst ziemlich gut aus - oder?; etc. wer gute klamotten, autos, weine, essen, kultur, usw. will, kommt sowieso - nach europa. also: wie lautet unsere antwort?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.