Gründermetropole Berlin Trump-Effekt für deutsche Start-up-Szene

Jung und gute Ideen - das war bisher ein klarer Fall für London oder das Silicon Valley. Doch Trump, Brexit und die immer teureren Mieten bringen die Ordnung der Start-up-Welt durcheinander. Profitieren könnte davon Berlin.

Gründermetropole Berlin
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Gründermetropole Berlin

Von Olga Scheer


Seit einigen Tagen hat die Hauptstadt ein neues Start-up. PLVY heißt es, das Konzept ist simpel: eine App, die Sportpartner vermittelt. Ähnlich wie bei der Dating-App Tinder ist der Account mit Facebook verknüpft und schlägt den Nutzern potenzielle Sportpartner in der Umgebung vor. Über einen Chat kann man sich zum gemeinsamen Kicken oder Joggen verabreden. Das Konzept könnte aufgehen.

Nirgendwo sonst in Deutschland werden pro Einwohner so viele Start-ups gegründet wie in Berlin. Allerdings verschwinden die meisten der Start-ups auch schnell wieder von der Bildfläche. Ein Unternehmen zu gründen ist hart. Das wissen auch die beiden PLVY-Gründer Nils Lenhardt und Fabian Heinrich. Sie haben zuvor lange beiRocket Internet gearbeitet - der deutschen Start-up-Schmiede schlechthin. Und selbst, dass es dort zuletzt arg kriselte, scheint Lenhardt und Heinrich nicht abzuschrecken.

Rocket Internet, zu dem Unternehmen wie Lieferheld und Hello Fresh gehören, musste vergangene Woche einen gewaltigen Dämpfer hinnehmen. Weil der schwedische Großinvestor Kinnevik die Hälfte seiner Anteile verkaufte, sackte der Rocket-Aktienkurs ab. Seit dem Börsengang vor zwei Jahren hat die Aktie mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Nicht zuletzt, weil viele der zugehörigen Unternehmen immer noch keine schwarzen Zahlen schreiben. Vor allem was die Finanzierung in den ersten Runden angeht, stehen Start-ups vor großen Herausforderungen. "Am Anfang verdient man kein Geld", sagt Lenhardt, "dafür muss man gewappnet sein."

Trotzdem: Fast 90 Prozent aller Gründer sind laut dem Start-up Monitor 2016 mit ihrer aktuellen Situation zufrieden - der Wert ist weitaus höher als bei herkömmlichen Arbeitnehmern. Und das trotz der hohen Belastung. Immerhin ist ein Drittel der Gründer zuvor schon einmal mit einer Geschäftsidee gescheitert. Aber sie haben es noch mal versucht. "Das ist einfach eine Einstellungssache", sagt Lenhardt. "Man muss bereit sein, sich wirklich reinzuhängen, sonst schafft man es nicht."

Neue Chancen für Berlin

Die deutsche Start-up-Szene könnte auch aufgrund der aktuellen politischen Lage einen Aufschwung erleben. Gerade für Start-ups aus der Finanzbranche, sogenannte Fintechs, könnte der Standort London in Zukunft nicht mehr erste Wahl sein. Die Fintechs arbeiten mit englischen Banklizenzen, die nach dem Brexit nicht mehr für die Geschäfte innerhalb der EU ausreichen könnten. Auch Arbeitserlaubnisse und Reisefreizügigkeit wären eingeschränkt.

Auch in den USA dürfte es durch die Abschottungspolitik von Präsident Donald Trump unangenehmer werden. Gerade das Silicon Valley lebt von Zugezogenen, vor allem aus Asien und Europa. Sollten Nicht-Amerikaner Probleme mit ihrem Arbeitsvisum bekommen, wird sich das auch auf die Innovationsfähigkeit des Landes auswirken. Allein die Unsicherheit rief in den vergangenen Wochen viele Tech-Unternehmen auf die Barrikaden.

In Berlin könnten Start-ups einen alternativen Standort finden. Laut der Unternehmensberatung McKinsey könnten dort bis 2020 mehr als 100.000 neue Arbeitsplätze in Start-ups entstehen. Die Stadt lebt von ihrer multikulturellen Lebendigkeit, die auch durch privates Engagement entstanden ist. Schon jetzt zieht Berlin viele internationale Talente aus unterschiedlichen Bereichen an. Denn vor allem die Mieten sind hier bei weitem nicht so hoch wie in London oder in der Gegend um San Francisco.

Auch Lenhardt und Heinrich haben ihre Erfahrungen im Ausland gemacht - und sich dennoch für den Standort Berlin entschieden. In San Francisco wohnte Lenhardt in einem überteuerten WG-Zimmer. "Hier haben wir einfach ganz andere Rahmenbedingungen," sagt Lenhardt. Nun haben sich die beiden in der Factory Berlin einquartiert - einer etwas anderen Bürogemeinschaft. Die ansässigen Jungunternehmer tauschen sich untereinander aus und knüpfen Kontakte zu anderen Unternehmern und Investoren.

Hohe Lebensqualität und Zugang zu Risikokapital

Der Zugang zu Kapital ist ein entscheidender Punkt - auch in der Arm-aber-Sexy-Hauptstadt. In den vergangenen Jahren hat sich in Deutschland in der Finanzierungsfrage für Start-ups einiges getan. Die Förderbank KfW bietet beispielsweise spezielle Kreditkonditionen für Gründer. Auch die Risikobereitschaft von privaten Investoren und sogenannten Business Angels ist gestiegen. Und selbst die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, die die USA lange Zeit von Deutschland unterschied, ist mittlerweile auch hierzulande anzutreffen.

Gerade die Möglichkeit sich als junger Mensch entfalten und lernen zu können, ziehe viele Menschen an, sagt Arnulf Keese, ehemaliger Paypal-Chef und Investor der Risikokapitalgesellschaft e.ventures. Diesen Trend sieht er durch eine Umfrage seines Unternehmens bestätigt. Demnach geben rund 73 Prozent der 1000 Befragten im Alter zwischen 18 und 34 Jahre an, sich vorstellen zu können, für ein Start-up zu arbeiten. Allerdings wurde die Umfrage online durchgeführt und ist nicht repräsentativ.

Dennoch: Gerade flache Hierarchien und ein kreatives Arbeitsumfeld machen Start-ups als Arbeitgeber attraktiv. 65 Prozent der Befragten könnten sich sogar vorstellen, selbst einmal ein Unternehmen zu gründen. Ob es wirklich dazu kommt, bleibt allerdings offen. Immerhin: Für 77 Prozent der Befragten ist der Standort Berlin genauso attraktiv wie London oder das Silicon Valley. Vor allem die Nähe zwischen Start-ups und Investoren sei dafür entscheidend, sagt Keese. Das sehen auch Lenhardt und Heinrich so. Die beiden stehen kurz vorm Abschluss ihrer ersten Finanzierungsrunde.



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fatherted98 01.03.2017
1. naja....
....abgesehen von Berufspolitikern und H4ern gibts ja in Berlin nicht allzuviel. Warum Berlin so attraktiv sein soll ist mir ein Rätsel. Die Stadt ist sowas von verbaut und unattraktiv...und für Start-Ups eignen sich verkehrsgünstigere Städte wohl eher...da ist mir ja Kassel noch lieber...die haben wenigstens einen Flughafen der funktioniert...auch wenn dort keiner abfliegt.
Drhouse 01.03.2017
2. schnell wachsen kostet Geld
alle sollten mal etwas runterkommen. Dieser Hype, Start-up, Geld in gigantischen Höhen, noch mehr Geld. Was soll das, es geht immer darum der schnellste zu sein um die andern platt zu machen. Wäre es nicht sinnvoller, dass alle einen Benefit haben. Familienunternehmer wie Heinz Tomatensauce oder Haribo haben erstmal was hergestellt, angefangen zu verkaufen und mit diesem Geld wieder investiert und sind gewachsen. Was soll der ganze Blödsinn, es macht nur die Investoren stark, die später Exit oder Langeweile Strategie fahren. Und es macht der ganzen Zwischenhandelskette nur Verluste, Arbeitsplatzverluste und Abschwung. Achso, es waren noch nie soviele Menschen in Arbeit: Befristet und 450EUR Jobs und klar kann man immer kommen mit; Neue Produkte und Dienstleistungen, Marktrevolution. Aber ein Hotel ist ein Hotel, es ist sauber wird geputzt und geführt. Eine Wohnung in einer beliebten Stadt die zwischenvermietet wird, nimmt allen andern wettbewerbswidrig den Schaum aus dem Mund, weils die Nacht für 5,80 gibt. Es ist immer dasslebe, Start-ups auf Kosten der andern. wenn es ein innovatives Produkt ist, ist es vollkommen ok. Dasselbe Prinzip wie bei Taxis. Und diese Unternehmen sind so hoch bewertet das einem übel wird. Ja die ganze Jugend wird in 30 jahren nur noch so wohnen und fahren. Ich zum Glück nicht mehr.
Nonvaio01 01.03.2017
3. deutschland und Startup
ist ein wiederspruch in sich. Deutsche behoerden sind immer im weg, und was Internet angeht is D ja nun wirklich nicht fuehrend in Europa, eher im letzten drittel anzusiedeln. Und ja die deutschen Start ups.....sind alle super bekannt in der Welt oder?...Eher locale erscheinungen.....
jowitt 01.03.2017
4. @fatherted98
Zitat von fatherted98....abgesehen von Berufspolitikern und H4ern gibts ja in Berlin nicht allzuviel. Warum Berlin so attraktiv sein soll ist mir ein Rätsel. Die Stadt ist sowas von verbaut und unattraktiv...und für Start-Ups eignen sich verkehrsgünstigere Städte wohl eher...da ist mir ja Kassel noch lieber...die haben wenigstens einen Flughafen der funktioniert...auch wenn dort keiner abfliegt.
Sie kennen Berlin scheints nicht. Das Kulturangebot ist einmalig in Deutschland. Und die Stadt geht auch des Nachts nicht schlafen. Übrigens: Berlin hat zwei funktionierende Flughäfen.
jowitt 01.03.2017
5. @Nonvaio01
Zitat von Nonvaio01ist ein wiederspruch in sich. Deutsche behoerden sind immer im weg, und was Internet angeht is D ja nun wirklich nicht fuehrend in Europa, eher im letzten drittel anzusiedeln. Und ja die deutschen Start ups.....sind alle super bekannt in der Welt oder?...Eher locale erscheinungen.....
Sie haben sich nicht wirklich mit den Star Ups in Deutschland informiert, muss ich annehmen. Einige sind zwar inzwischen von google, twitter oder facebook geschluckt worden (warum wohl? - weil die nichts taugen?), aber es gibt eine Menge Start Ups, die auch international unterwegs sind. zum Beispiel: Goddgame Studios (Familienbetrieb, 1200 Angestellte), Zalando, Sociomatic (200 Angestellte) oder auch Windeln.de (Die verkaufen sogar in China). Auch gibt es sehr Umsatzstarke Star Ups, wie z.B. Zalando (3 Mrd.), Zooplus (750 Mio), Notebookbilliger (700 Mio), Cybersport (680 Mio) und andere. Also: Zunächst mal informieren.
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