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03. April 2018, 19:12 Uhr

Nervosität an den Aktienmärkten

Trump, der Börsenschreck

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Donald Trump sieht sich als Garant der Börse - und prahlt gerne damit, wenn Aktienkurse steigen. Doch zuletzt ging es häufiger auch mal krachend nach unten. Oft war daran sogar der Präsident selbst schuld.

Am 26. Januar steht Donald Trump in einem bis zum letzten Platz gefüllten Saal im Schweizer Wintersportort Davos und tut das, was er gerne tut: Er lobt sich selbst.

"Nach Jahren der Stagnation erleben die USA wieder ein starkes wirtschaftliches Wachstum", ruft Trump der versammelten Managerelite beim Weltwirtschaftsforum zu. Und macht auch gleich klar, wessen Verdienst das seiner Meinung nach ist. "Der Aktienmarkt bricht einen Rekord nach dem anderen", tönt der Präsident, "seit meiner Wahl hat er sieben Billionen Dollar neues Vermögen geschaffen."

Wie um Trump zu bestätigen, schnellt der Dow-Jones-Aktienindex der 30 wichtigsten US-Unternehmen an diesem Tag auf ein neues Rekordhoch von 26.616 Punkten - und notiert damit tatsächlich 45 Prozent höher als am 8. November 2016, dem Tag der Präsidentschaftswahl.

Über das, was nach dem 26. Januar passiert ist, spricht Trump dagegen nicht so gerne. Denn seitdem hat der Dow Jones gut zehn Prozent an Wert verloren. Seine Kurve und die anderer wichtiger Aktienindizes gleichen einer Achterbahn, bei der den Anlegern vor lauter steilen Talfahrten übel werden kann. Immer wieder brechen die Kurse an einzelnen Tagen kräftig ein. Zuletzt etwa rauschte der Technologieindex Nasdaq am Montag um fast drei Prozent nach unten. Solch heftige Ausschläge war man an der Börse lange nicht mehr gewohnt - seit einigen Wochen sind sie wieder Alltag.

Was also ist seit Trumps selbstbewusster Rede in Davos passiert? Ist die US-Wirtschaft etwa doch nicht so stark wie geglaubt? Und was hat das mit der Politik des Präsidenten zu tun?

"Die US-Wirtschaft steht eigentlich schon länger relativ stabil da", sagt Bernd Weidensteiner, Ökonom und USA-Experte bei der Commerzbank. Durch die Steuerreform, mit der Trump die Unternehmen entlastet, sei die Stimmung zwischenzeitlich sogar noch einmal besser geworden.

Seit einigen Wochen allerdings drückt die Sorge vor einem Handelskrieg die Laune massiv. "Das ist natürlich unangenehm für die Börse", sagt Weidensteiner.

US-Firmen fürchten "ernste Konsequenzen"

Dass Trump mit seiner "America First"-Politik einen ernsthaften Handelskonflikt auslösen könnte, befürchten Experten zwar schon mindestens seit seiner Wahl. Aber noch nie war die Lage so akut wie derzeit. Denn vor zwei Wochen machte Trump nach vielen Ankündigungen erstmals ernst: Er verhängte Strafzölle auf Aluminium und Stahl und setzte weitere Schutzmaßnahmen ein, die vor allem auf China zielten. Am Osterwochenende revanchierten sich die Chinesen mit Vergeltungsmaßnahmen auf 128 US-Produkte.

Das ist noch kein Handelskrieg, aber zumindest ein erstes Scharmützel - und an den Börsen geht die Angst um, dass daraus deutlich mehr werden könnte. "Die aggressive Politik der Trump-Regierung hinsichtlich des internationalen Handels und internationaler Investitionen haben sich zu einem wichtigen Abwärtsrisiko für die Weltwirtschaft entwickelt", schreiben etwa die Experten der größten US-Bank J.P. Morgan in ihrem aktuellen Bericht.

Ein wirklicher Handelskrieg würde auch viele US-Firmen hart treffen: Vor allem die Exporteure, deren Produkte im Ausland teurer werden, aber auch all jene Hersteller, die Vorprodukte zu höheren Preisen importieren müssen. Nicht umsonst warnte jüngst die amerikanische Handelskammer, ein Konflikt mit China könne "ernste Konsequenzen für das US-Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen" haben. All das macht auch die Investoren an der Börse nervös.

Hinzu kommt ein zweiter Anlass zur Sorge: Trumps Feldzug gegen die Stars der US-Wirtschaft. So sehr der US-Präsident die klassische heimische Industrie protegiert, so hart teilt er gegen jene Unternehmen aus, die ihm ein Ärgernis sind.

Zuletzt traf es in der vergangenen Woche Amazon , eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. "Im Gegensatz zu anderen zahlen sie kaum oder gar keine Steuern an Bundesstaaten und Kommunen, und sie benutzen unser Postsystem als ihren Botenjungen", schimpfte Trump via Twitter. Die Amazon-Aktie stürzte innerhalb von vier Handelstagen um mehr als 13 Prozent ab - und zog auch die Kurse anderer Tech-Firmen wie Facebook oder Google mit nach unten.

Was hinter Trumps Attacke steckt, ist unklar. Dass es dem bekennenden Steuervermeider ernsthaft um einen moralischen Fairness-Appell ging, scheint eher unwahrscheinlich. Beobachter gingen daher eher von einem politisch motivierten Angriff auf Amazon-Gründer Jeff Bezos aus, dem auch die Trump-kritische Tageszeitung "Washington Post" gehört.

"In den Fünfzigerjahren verhaftet"

Bei den großen Tech-Konzernen hat Trump ohnehin wenig Freunde. Manager wie Apple-Chef Tim Cook oder Microsoft-Gründer Bill Gates machen aus ihrer Abneigung gegen den Präsidenten kein Geheimnis. Entsprechend kühl steht auch Trump ihnen entgegen.

Für ihn zählt klassische Auto- oder Stahlindustrie ohnehin mehr als die modernen Tech-Riesen. "Da ist Trump zum Teil noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren verhaftet, als die amerikanische Industrie noch einen ganz anderen Stellenwert hatte", sagt Commerzbank-Ökonom Weidensteiner. Mittlerweile spiele das verarbeitende Gewerbe aber keine so große Rolle mehr in der US-Wirtschaft. "Die Zukunft liegt eher im IT-Bereich."

Dennoch kann es sich für Trump lohnen, Konzerne wie Amazon, Apple oder Facebook öffentlichkeitswirksam zu attackieren. Denn erstens sind seine Wähler eher Stahlarbeiter als Apple-Programmierer, und zweitens ist es gerade ohnehin en vogue, die Marktmacht der großen IT-Konzerne zu geißeln. Der jüngste Datenskandal bei Facebook ist da nur ein Anlass unter vielen.

Ist Trump nun also schuld an den jüngsten Börsenturbulenzen? An einigen Ausschlägen mit Sicherheit. Doch so wenig wie der Präsident den Boom des vergangenen Jahres für sich beanspruchen konnte, so wenig sollte man nun jeden Absturz auf ihn schieben, meinen Experten. "Der Aktienmarkt läuft nun seit acht, neun Jahren sehr gut - das geht natürlich auch nicht ewig so weiter", sagt Ökonom Weidensteiner. Er hält es deshalb für gefährlich den eigenen Polit-Erfolg an die Börsenentwicklung zu koppeln. "Das kann ganz schnell auch mal andersrum laufen."

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