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30. August 2017, 16:01 Uhr

Ungezügelte Kurznachrichten

Was Donald Trump für Twitter wert ist

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Niemand generiert so viel Aufmerksamkeit wie Donald Trump - auch bei Twitter. Doch ihr wichtigster User könnte der Marke auch erheblich schaden.

Donald Trump liebt Twitter. Der US-Präsident greift meist in den frühen Morgenstunden zum Smartphone, um Verbalattacken und politische Ankündigungen in die Welt zu senden. Ungefiltert und ohne die Kanäle der klassischen Medien, die er so verabscheut. Trump selbst bezeichnete den Kurznachrichtendienst einmal als "wunderbare Sache, weil ich meine Botschaft verbreiten kann." Der Präsident sagte gar: "Ohne Twitter wäre ich vielleicht gar nicht hier."

Trumps Tweets sind ein Segen für das kriselnde soziale Netzwerk, seine kontroversen Botschaften entfalten enorme Reichweite, werden von Nachrichtenagenturen und Medienhäusern auf der ganzen Welt aufgegriffen und verbreitet. Das steigert die Bekanntheit von Twitter.

Experten schätzen, dass allein wegen Trump eine Menge neue Nutzer auf die Plattform gespült wurden: Allein die Hälfte des für das Frühjahr 2017 verzeichneten Nutzerwachstums soll auf ihn zurückgehen. Während seines Wahlkampfs hatte Trump rund 17 Millionen Follower, inzwischen sind es bereits 36 Millionen.

Analysten meinen, dass sich Trumps Tweets auch wirtschaftlich für das soziale Netzwerk auszahlen. James Cakmak, Analyst bei der US-Investmentgesellschaft Monness Crespi Hardt, schätzt den Wert von Trump für Twitter auf zwei Milliarden Dollar - fast ein Fünftel des gesamten Firmenwerts. "Es gibt keine bessere Werbung für Twitter als den Präsidenten der USA", sagte Cakmak der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Ganz genau lässt sich der monetäre Wert von Trump für Twitter sicher nicht berechnen. Schließlich handelt es sich um einen sogenannten immateriellen Vermögensgegenstand für die Firma, der den Wert der Marke indirekt beeinflusst. Das Asset Trump taucht deshalb auch nicht in der Bilanz von Twitter auf.

Analyst Cakmak glaubt dennoch, dass Twitter inzwischen wirtschaftlich extrem abhängig von Trump geworden ist. "Wenn Trump aufhören würde zu twittern, würde die Firma rapide an Wert verlieren", sagt er. Zwar würde das nicht zu einem Massenexodus vieler Nutzer führen, aber mit einem Mal wäre der wichtigste Nutzer der Plattform verschwunden. Twitter würde in der breiten Öffentlichkeit wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Der ideelle Firmenwert wäre erheblich geschmälert.

Ein Blick auf die nackten Unternehmensdaten zeigt allerdings, dass sich Trumps Tweets für Twitter bislang nicht in höheren Umsätzen niederschlagen:

Hinzu kommt: Trump stellt auch ein finanzielles Risiko für die Plattform dar. Denn es ist fragwürdig, ob Trump wirklich als Testimonial taugt. Seine Tweets sind häufig aggressiv, selbst seine Mitarbeiter sollen sich mittlerweile davor fürchten. Mittelfristig könnten sie sogar das Image des Unternehmens beschädigen - in der öffentlichen Wahrnehmung ist Twitter bereits heute vor allem eine Plattform für Trump, die es ihm ermöglicht, politische Gegner und Medien zu verunglimpfen.

Bei US-Amerikanern kommen Trumps Twitter-Aktivitäten jedenfalls nicht besonders gut an, wie eine Umfrage unter rund 1.000 Zuschauern des konservativen TV-Senders Fox News zeigt. Demnach heißen gerade einmal 17 Prozent aller Befragten die Tweets des Präsidenten gut; mehr als ein Drittel wünscht sich, Trump wäre sorgsamer im Umgang mit seinen Kurznachrichten.

Erst kürzlich beschwerten sich Nutzer, dass Trumps militärische Drohungen gegenüber Nordkorea gegen die Nutzungsbedingungen von Twitter verstoßen würden. Schließlich verbietet die Plattform Androhungen von Gewalt.

Für viele User passt der reaktionäre US-Präsident nicht zu einem Medium, das in San Francisco gegründet wurde und Sprachrohr einer toleranten, weltoffenen Welt sein will. Viele Unternehmen aus dem Silicon Valley hatten sich im Wahlkampf klar gegen Trump und für Hillary Clinton positioniert.

Die ehemalige CIA-Agentin Valerie Olame Wilson startete sogar eine Crowdfunding-Kampagne. Sie sammelte Geld mit dem Ziel, Twitter zu kaufen und anschließend Trumps Profil zu sperren. Der PR-Gag sorgte für viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.

Twitter steckt also in einem Dilemma. Die Firma ist einerseits extrem abhängig von Trump, andererseits schadet der Präsident dem Image des Dienstes. Jüngst teilte Twitter-Chef Jack Dorsey mit, dass Trump wichtig für das Netzwerk sei. Doch Trumps erste Amtszeit endet in drei Jahren. Sollte er nicht wiedergewählt werden, hätte es sich spätestens dann mit dem Trump-Effekt bei Twitter erledigt. Eine langfristige Strategie, Nutzer zu gewinnen, sieht anders aus.

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