Drohender Domino-Crash Angst vor Griechenland-Pleite drückt Börsen

Die Horrordefizite in Griechenland und Portugal verunsichern die Anleger, auf breiter Front brechen die Aktienkurse ein. Schon fürchten die Börsianer eine neue Krise mit ähnlich dramatischen Folgen wie beim Beinahezusammenbruch des globalen Bankensystems.

Börsianer in Frankfurt: "Derzeit steckt sich alles gegenseitig immer wieder an"
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Börsianer in Frankfurt: "Derzeit steckt sich alles gegenseitig immer wieder an"


Frankfurt am Main - Drohende Staatspleiten in Europa verunsichern die Anleger. Unter den europäischen Börsen musste der Madrider Leitindex Ibex mit minus 3,2 Prozent am Freitagvormittag den größten Verlust hinnehmen. In Lissabon fiel das Börsenbarometer um bis zu 2,7 Prozent. An der Athener Börse brach der Leitindex um bis zu 2,9 Prozent ein.

In Frankfurt fiel der Dax Chart zeigen um bis zu 1,5 Prozent auf 5457 Punkte und notierte damit so niedrig wie seit November 2009 nicht mehr. Bereits am Donnerstag hatte die Angst vor einem Crash in der Euro-Zone den Leitindex auf ein neues Tief gedrückt.

"Die Anleger fragen sich, wie die Staaten diese hohen Defizite refinanzieren können", fasste ein Händler die Stimmung zusammen. Die Angst bekam auch der Euro zu spüren, der auf 1,3649 Euro einbrach und damit so niedrig wie seit Mai vorigen Jahres nicht mehr notierte. Damit hat die Gemeinschaftswährung binnen drei Tagen rund drei Cent eingebüßt.

Furcht vor dem Flächenbrand

Der Wertverlust des Euro weckt inzwischen ernste Befürchtungen. "Ähnlich wie kürzlich die Finanzmarktkrise könnte sich auch diese Krise zu einem Flächenbrand entwickeln - mit Auswirkungen auf andere Länder, auf Bankensysteme und letztendlich erneut auf die Konjunktur", warnten die Devisenmarktanalysten der Commerzbank. "Doch im Gegensatz zur Bankenrettung letztes Mal gibt es jetzt unter Umständen keine Institution, die stark genug wäre, einzuspringen."

Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers Chart zeigen im Herbst 2008 hatten die Notenbanken in beispiellosen Aktionen die Märkte mit Liquidität geflutet, um einen noch größeren Konjunktureinbruch zu verhindern. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte am Vortag angekündigt, im März Einzelheiten über den Ausstieg aus dieser Krisenpolitik bekanntzugeben.

Griechenland unter EU-Kontrolle

Vor allem in Griechenlandist die Haushaltslage katastrophal. Die sozialistische Regierung will das Defizit von fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2012 unter die erlaubte Marke von drei Prozent drücken. Die EU-Kommission hatte die griechischen Staatsfinanzen am Mittwoch unter ihre Aufsicht gestellt. Regierungschef Giorgos Papandreou und EU-Währungskommissar Joaquín Almunia hatten diese Woche einen Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Gehaltskürzungen für Beamte und höhere Steuern auf Alkohol und Tabak sowie Treibstoffe angekündigt.

Analysten zufolge ist es möglich, dass Griechenland für seine benötigten Anleihen nicht genügend Käufer findet und dann rechtlich ein Zahlungsausfall vorliegen würde. Sollte dann keine Hilfe von den EU-Staaten oder dem IWF kommen und der Wert der Anleihen kollabieren, drohten beispielsweise europäischen Banken massive Abschreibungen, schreiben die Volkswirte der Commerzbank. "Derzeit steckt sich alles gegenseitig immer wieder an, auch wenn niemand wirklich daran glaubt, dass ein Staat in Europa von den anderen Mitgliedern hängengelassen wird", sagte ein Börsianer.

Bange Blicke in die USA

Neben Griechenland kämpft derzeit auch Portugal mit einem gewaltigen Haushaltsdefizit.Die Minderheitsregierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Socrates will die Neuverschuldung von 9,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr bis 2013 wieder auf die vom Stabilitätspakt erlaubten drei Prozent senken.

Mit Sorge blicken die Anleger zudem auf die Entwicklung in den USA. Dort steht am Mittag der Monatsbericht zum Arbeitsmarkt auf dem Programm. Nach Schätzungen von Analysten ist zwar für den Januar mit zusätzlich 5000 Stellen zu rechnen. Allerdings haben sich die Prognosen zumindest im Dezember als völlig falsch erwiesen. Anders als vorausgesagt hatten die Statistiker überraschend einen Stellenabbau verzeichnet. Die Regierung in Washington hat zudem angekündigt, dass die Zahlenreihen vergangener Monate und sogar Jahre revidiert werden müssten.

mik/Reuters/apn/dpa



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AndyH 01.10.2009
1.
Zitat von sysopDer ausufernden Staatsschulden stellen nach Überzeugung von Experten die größte Gefahr für die Wirtschaftsentwicklung in den kommenden Jahren dar. Die Finanzminister einiger EU-Staaten wollen deshalb so schnell wie möglich mit der Tilgung beginnen. Ist jetzt die richtige Zeit für den Beginn des Schuldenabbaus?
Nie. Es ist nicht tilgbar. Die einzige Möglichkeit besteht in der Inflation. Das wollen wir auch nicht unbedingt in jede Höhe.
Hartmut Dresia, 01.10.2009
2.
Zitat von sysopDer ausufernden Staatsschulden stellen nach Überzeugung von Experten die größte Gefahr für die Wirtschaftsentwicklung in den kommenden Jahren dar. Die Finanzminister einiger EU-Staaten wollen deshalb so schnell wie möglich mit der Tilgung beginnen. Ist jetzt die richtige Zeit für den Beginn des Schuldenabbaus?
Das Wie des Schuldenabbaus ist entscheidender als das Wann. Sollte jetzt eine Konsolidierung des Haushalts über die Ausgaben oder die Verschleuderung von Vermögenswerten (Bahn-Privatisierung als Beispiel) versucht werden, dann wird gewiss sehr großer Schaden für die Volkswirtschaft entstehen. Das Schlimmste steht allerdings zu befürchten, denn es gilt auch hier: Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/)
silverboy 01.10.2009
3. schöne
Nebelkerze wieder. Staatschulden werden nie getilgt. Das ist gar nicht vorgesehen. Diese werden immer weiter erhöht und in die Zukunft verschoben. Wenn alle Schulden getilgt werden sollen gibts kein Geld mehr. Denn das Geld entsteht durch eben diese Schulden. Aber das brauche ich wohl niemanden hier zu erzählen.
Satiro, 01.10.2009
4.
Zitat von silverboyNebelkerze wieder. Staatschulden werden nie getilgt. Das ist gar nicht vorgesehen. Diese werden immer weiter erhöht und in die Zukunft verschoben. Wenn alle Schulden getilgt werden sollen gibts kein Geld mehr. Denn das Geld entsteht durch eben diese Schulden. Aber das brauche ich wohl niemanden hier zu erzählen.
Richtig!Aber es ist auch richtig, dass Staaten verschwinden, die Staatsbürger dabei jedoch nicht alle verhungern.;-)
arkor 01.10.2009
5. Schuldenabbau ist unmöglich
Zitat von sysopDer ausufernden Staatsschulden stellen nach Überzeugung von Experten die größte Gefahr für die Wirtschaftsentwicklung in den kommenden Jahren dar. Die Finanzminister einiger EU-Staaten wollen deshalb so schnell wie möglich mit der Tilgung beginnen. Ist jetzt die richtige Zeit für den Beginn des Schuldenabbaus?
Wer von Schuldenabbau redet lügt entweder vorsätzlich die Menschen an, oder ist schlicht und einfach nicht informiert über unser Geld und Finanzwesen: Unser Geldsystem ist SCHULDENBASIEREND. Sprich das was der Geldmenge gegenüber steht sind Schulden. Deswegen ist die jeweiige Geldmenge, die jeweilige Schuldenmenge (die Differrenz ist der gerade jeweilig fällige Zins). Würden alle Schulden unsrer westlichen Welt abgetragen werden, also privat, wie gewerbich, wie auch staatlich, und der Schuldenstand wäre 0, dann wäre die Geldmenge ebenfalls 0. Selbstverständlich können Schulden über einen gewissen Zeitraum gleich gehalten werden (was durch die Inflation bereits einer Reduzierung entspricht) oder auch mal über einen gewissen Zeitraum reduziert werden. Längerfristig gesehen allerdings geht dies nicht. Es würde zum totalen Zusammensturz unseres Systems führen, was es ja gerade getan hat. So gesehen war die Finanzkrise keine Finanzkrise im Sinne des Wortes. Es war eine Schuldenkrise, da nach der hoffnungslosen Überschuldung der amerikanischen Haushalte, diese die Last nicht mehr tragen konnten, und zusammenbrachen. Deshalb musste der Staat, also der Bürger als Zwangsschuldner eingesetzt werden. Durch Zins und Zinseszin, meist versteckt als Renditeerwartung, steigt die Geldmenge exponentiell an, ebenso die Schulden. Können die Finanzinstitute ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen, nämlich geeignete Schuldner für die steigende Geldmenge zu finden, kollabiert das System. Es muss neugestartet werden. Das kann es auf mehrere verschiedene Möglichkeiten: Defrlation, Inflation, Hyperinflation, Währungsschnitt etc. Das schlimme an diesem System ist folgendes: 1. Jeder Fleiß der Bürger und Menschen, wird letztendlich mit steigenden Schulden belohnt. Siehe hierzu langfristig die Realschuldenentwicklung von Staaten, Gewerbe, private Haushalte. Die Volkswirtschaft gibt hierzu nichts her. 2. Die Menschen sind praktisch Geldsklaven einer Finanzwirtschaft, wo der größte Teil der Rendite automatisch immer landet. Hier ist die Habenseite. Demokratie auf dieser Basis ist nicht möglich, denn Geld regiert die Welt. 3. Dieses System führt periodisch und zwangsläufig zu übelsten gesellschaftlichen, politischen Verwerfungen. Jetzt wieder abzusehen, bei den zukünftigen Vertreilungskämpfen nach der Zwangsverschuldung.
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