Drohendes Aus Knauserige Kölner lassen Karstadt zappeln

So verrückt kann Wirtschaft sein: Mindestens vier Investoren zeigen Interesse an Karstadt. Trotzdem könnte die Rettung der insolventen Kaufhauskette scheitern. Denn als einziger Standort mit Warenhäusern hat Köln noch nicht über einen dringend benötigten Steuernachlass entschieden.

Karstadt: Vier Bieter für die insolvente Warenhauskette
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Karstadt: Vier Bieter für die insolvente Warenhauskette


Essen/Köln - In den vergangenen Tagen sah es eigentlich wieder ganz gut für Karstadt aus. Mehrere Investoren zeigten Interesse an einer Übernahme der Warenhauskette. Doch trotz des überraschend großen Kaufinteresses ist das Unternehmen noch lange nicht gerettet.

Bereits am Dienstag könnte der Insolvenzplan an der Stadt Köln scheitern, sagte der Sprecher des Karstadt-Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg. "Wenn Köln nicht bis Dienstag auf seine Forderungen verzichtet, kann der Insolvenzplan nicht in Kraft treten. Dann brauchen wir gar nicht weiter über Investoren zu reden."

Außer Köln haben mittlerweile alle Städte mit Karstadt-Filialen über die Forderungen an die Warenhauskette entschieden. Fast alle Kommunen wollen auf ihre Steuerforderung verzichten. Bonn will das Geld zunächst nur stunden, was dem Insolvenzplan nicht weiterhilft. "Eine Entscheidung pro Karstadt steht von Köln noch aus", sagte der Görg-Sprecher. Der Rat der Domstadt wollte eigentlich am vergangenen Donnerstagabend einen Beschluss fassen. Das Thema soll aber wieder von der Tagesordnung genommen worden sein.

Der Insolvenzverwalter hatte bei allen 94 Städten mit Karstadt-Standorten eindringlich für einen Steuererlass geworben. Dabei geht es um eine Steuerforderung der Gemeinden von theoretisch bis zu 140 Millionen Euro. Hintergrund ist ein außerordentlicher Ertrag in der Karstadt-Bilanz, der durch einen Forderungsverzicht der Gläubiger in Höhe von bis zu zwei Milliarden Euro entstehen würde.

Mitarbeiter sollen mehr arbeiten

Görg braucht die Zustimmung so vieler Kommunen, dass 98 Prozent der Steuerforderungen vom Tisch sind. Eine Weigerung von Köln würde die zwei Prozent Spielraum überschreiten, sagte der Sprecher des Insolvenzverwalters. "Die Kölner haben allein schon die Dimension, den Plan noch scheitern lassen zu können."

Trotz der unsicheren Zukunft von Karstadt gibt es kurz vor Ablauf der Bieterfrist immer neue Interessenten: Das Immobilienkonsortium Highstreet, Vermieter eines großen Teils der Karstadt-Gebäude, wolle die 120 Filialen vollständig übernehmen und als Konzern erhalten, berichtete die "Bild am Sonntag" ("BamS"). Auch die Kaufhof-Mutter Metro Chart zeigen signalisierte demnach erneut ihr Interesse, eine größere Anzahl von Karstadt-Häusern zu übernehmen.

Highstreet will laut "BamS" in den kommenden Tagen ein Angebot für Karstadt machen. Mit der Offerte wird seit Wochen gerechnet. So hatte der vom Insolvenzverwalter eingesetzte Unternehmensvorstand Thomas Fox Anfang Mai gesagt, dass ein Kauf "für die Vermieterseite ökonomisch Sinn ergeben könnte". Andere Interessenten für Karstadt fordern eine deutliche Reduzierung der Mieten. Der ehemalige Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, hatte 86 Karstadt-Immobilien für eine Millionensumme an Highstreet verkauft und dafür erheblichen Mieterhöhungen zugestimmt.

Highstreet gehört zu 51 Prozent der Investmentbank Goldman Sachs Chart zeigen. Weitere Anteilseigner sind die Deutsche Bank Chart zeigen und zwei italienische Investoren. Laut "BamS" plant Highstreet bei Karstadt keine Entlassungen in größerem Umfang. Die Wochenarbeitszeit solle aber von 37,5 auf 39,5 Stunden ohne Lohnausgleich erhöht werden. Für "individuelle Leistungen" sollen die Mitarbeiter demnach einen Bonus erhalten. Sie sollen mit 15 Prozent an Karstadt beteiligt werden. Als Kaufpreis seien 40 Millionen Euro im Gespräch.

Bieterfrist endet am 28. Mai

Eine Sprecherin der Gewerkschaft Ver.di sagte, das mögliche Angebot von Highstreet überrasche sie nicht. Der Vermieter habe bei allen Verhandlungen "immer indirekt mit am Tisch gesessen". Dass sich das Konsortium mit Ver.di "in Geheimverhandlungen" über Details der Übernahme geeinigt haben soll, wie die "BamS" berichtete, sei ihr aber nicht bekannt.

Ver.di hatte mit Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg Anfang des Jahres einen sogenannten Fortführungstarifvertrag geschlossen. Die rund 26.000 Angestellten der Warenhauskette verzichteten auf Urlaubsgeld und Teile ihres Weihnachtsgeldes; sie erhielten im Gegenzug eine Beschäftigungssicherung. Der Lohnverzicht beläuft sich auf 50 Millionen Euro im Jahr.

Weitere Interessenten für Karstadt sind der europäische Investor Triton, der Ende April ein Angebot abgegeben hatte, und die Investmentgesellschaft Berggruen, die erst am Freitag eine Offerte eingereicht hatte. Nicolas Berggruen, Sohn des 2007 verstorbenen deutschen Kunstsammlers Heinz Berggruen, sagte der "Berliner Morgenpost", er habe kein Interesse an kurzfristiger Gewinnmaximierung und einem schnellen Weiterverkauf. Er erwarte auch keine weiteren Zugeständnisse der Belegschaft. Damit müsse jetzt "Schluss sein".

Karstadt war 2009 zusammen mit dem Mutterkonzern Arcandor Pleite gegangen. Der Insolvenzverwalter sucht seit Monaten nach einem Käufer; er will alle Filialen an einen Bieter verkaufen und so eine Zerschlagung des Unternehmens vermeiden. Die Bieterfrist wurde auf Wunsch von Triton bis zum 28. Mai verlängert.

böl/dpa-AFX/AFP

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